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Journal 2013

30.12.2013
Emmanuel Lepage - Reise zum Kerguelen-Archipel
hübsch, hübsch (tbd)
Geb. 29.09.1966
Begleitende Blog-Seite (leider etwas dröge): http://cap-sur-les-terres-australes.over-blog.com/
Einige Zusatzinformationen: http://www.ppm-vertrieb.de/ppm-news/913/emmanuel-lepage-auf-einer-reise-ans-ende-der-welt/
Leseproben: http://www.ppm-vertrieb.de/leseprobe.php?products_id=5922&seite=1
Fotos der Reise von Francois Lepage (Bruder von Emmanuel Lepage): http://www.francoislepage.com/wp-content/uploads/2010/11/13-09-10-MARION-DUFRESNE-RAVITAILLEUR-cp.pdf

Lepage, Kerguelen, Cover
Emmanuel Lepage - Reise zum Kerguelen-Archipel
Lepage, Reiseroute
Reiseroute der Marion Dufresne

 

08.12.2013
Cal Newport "How Dirty Jobs Disrupt the Idea that Pre-Existing Passion Matters"
Cal Newport schreibt vergleichsweise selten etwas in seinem Study Hacks Blog, er will nicht zum "White Noise" der anderen Blogs beitragen. Wenn er etwas schreibt, hat das dann auch Hand und Fuß, zum Beispiel seine Demontagen "gängiger" Ratschläge oder Lebensweisheiten. Zu den demontierten Ratschlägen gehört das oft gehörte "Folge deinem Traum, deiner Vision". In seinem Blog vom 2.12.13 fasst er einen Artikel zusammen, den er für die "Huffinton Post" schrieb, beides - Blog und Artikel - sind lesenswert. Seine zentrale Botschaft ist: "...many of the happiest people in the country have jobs that no one would ever identify as a pre-existing passion. (...) These observations are powerful for a simple reason: They separate career satisfaction from the specifics of the work."
Das Hörspiel "Das Jahr Lazertis" von Günter Eich, das seit 1971 nicht losgelassen hat, mich zu faszinieren, illustriert wunderbar diesen Gedanken: Der Protagonist - ein erfolgloser Maler - findet sein Glück, seine Bestimmung in einem Asyl für Leprakranke in Brasilien (vgl. meine Einträge unter dem 1./3.1.2007).

 

07.12.2013
Auftritt mit den Lightnings bei "Kerche rockt"
Seit fünf Wochen habe ich bei Proben der Lightnings mitgemacht, um dem verletzten Bassisten beim Auftritt heute in Kirchheim zu vertreten (hier ein Video). Die Proben haben Spaß gemacht, ich habe sehr sympathische Leute kennengelernt, der Auftritt war toll, und auch die anderen beiden Bands ("Stoned" und "BC & Friends") boten eine tolle Show. Ein gelungenes Intermezzo also.

Auftritt Lightnings
Claus Hochgeschwender an der Gitarre, ich am Bass.
Im Hintergrund Klaus Petrick am elektronischen Schlagzeug.

Auftritt Lightnings
Waldemar Martin (kb), Klaus Petrick (dr, voc), Claus Hochgeschwender (g, voc), Béla Hassforther (b)

 

03.12.2013
Drittes Bild des geplanten "Astgabel-Triptychons"
Mit den Weißhöhungen und etwas Magenta an manchen Stellen betrachte ich das Bild nun als fertig.

Astgabel
Astgabel III, 2013, 28 cm x 40 cm, Öl auf Papier

Und so sieht das fertige Triptychon jetzt aus:

Astgabeln
Astgabeln - Triptychon, 2013, je 28 cm x 40 cm, Öl auf Papier

Gleich noch mit einem neuen Bild angefangen - daraus wird wohl auch wieder eine Bildserie, nicht unbedingt (nur) ein Triptychon. Es fehlt aber noch einiges, bisher also "Work in Progress...".

Akt
Akt (Work in Progress, Stand 3.12.2013)

 

20.11.2013
Drittes Bild des geplanten "Astgabel-Triptychons"
Angefangen, aber noch nicht fertig geworden, denn die geplanten Weißhöhungen sind bei der dicken frischen roten Farbschicht nicht mehr malbar - das Weiß versackt schlicht und einfach im Roten.

 

17.11.2013
Esma Redžepova - "Caje Šukarije"
Von Esma Redžepova findet man mehrere Versionen des Volkslieds Caje Šukarije, sie hat es ihr Leben lang immer wieder gesungen und aufgenommen. Mir gefällt diese schmissige Version von 1961 (Jugoton EPY-3112) mit der jugendlichen Stimme Esmas am besten. Die Aufnahme habe ich sicherlich ein dutzend mal in den letzten Tagen angehört. Alles innerhalb einer Aktion, auf YouTube ein oder zwei Dutzend Titel für eine eigene Zusammenstellung der Musik von Esma Redžepova zusammen zu suchen.

Esma Redžepova
Esma Redžepova (Jugoton EPY-3112)

 

09.11.2013
Christa Wolf - "Kassandra". Vier Vorlesungen. Eine Erzählung

Die ersten beiden "Vorlesungen" beschreiben die Griechenlandreise Christa Wolfs im Jahr 1980. Die Reise diente der "Einstimmung" für die geplante Kassandra-Erzählung. Von einer wie auch immer gearteten Reiseplanung ist nicht die Rede, die Reise diente vorrangig der Inspiration, gängige touristische Highlights wurden natürlich mitgenommen. Christa Wolf gelingen einige nette und sogar originelle Beobachtungen. Allerdings hat sie Schwierigkeiten mit der "Konkurrenz", mit den Rucksacktouristen, ihre Ausdrucksweise wird dann schnell etwas abfällig.

Sie stört sich an den "Uniformen" der jungen Leute, an ihren lockeren Umgangsformen, am von ihr unterstellten nur oberflächlichen "Ankratzen" des Reiselandes und manch anderen.

Da ich zu dieser Zeit auch Rucksacktourist in Griechenland war (in den Jahren 1976-1981 viermal, bei Aufenthaltsdauern von 5-8 Wochen) fühle ich mich natürlich angegriffen.

An keiner Stelle erwähnt Christa Wolf, dass sie je ein Gespräch mit einem Rucksacktouristen geführt hätte, alle Vorwürfe entspringen also Vorurteilen und Ressentiments, vornehmlich wohl gegen junge Leute aus dem Westen.

Was ist dran an ihren Vorwürfen?

Von Uniformität bei Rucksacktouristen konnte keine Rede sein, das war eher noch die Zeit der bunten Cordhosen, Jeans waren bei weitem noch nicht so verbreitet wie heute. Mädchen hatten meist lockere Kleider oder kurze Röcke an, die jungen Männer eher kurze Hosen oder Turnhosen. Uniform gekleidet waren in unseren Augen die älteren Reisenden. Zugegeben: Bei der Kleidung der eigenen Schicht differenziert man sehr stark, die Kleidung anderer Schichten dagegen beurteilt man sehr pauschal ("das sieht alles gleich (=uniform) aus").

Das "oberflächliche Ankratzen" des Reiselandes, die "lockeren Umgangsformen" klingen als Argumente auch reichlich verstaubt und gleichzeitig überheblich. Als E und ich 1976-81 (also teils noch vor Christa Wolf) viermal in Griechenland waren, waren wir vorbereitet, auch sprachlich: "Dank" der damals üblichen langen Anreise (wahlweise zwei Tage mit dem Zug oder zwei bis drei Tage mit dem Auto) konnte man sich mit Sprachführern gründlich vorbereiten. Wir hatten keine Probleme, zu grüßen, uns zu bedanken, einzukaufen, zu zählen usw, dafür reichte unser angelerntes griechisch locker. Ich habe bei Christ Wolfs Erzählung nicht den Eindruck gewonnen, dass sie sich mit Griechen unterhalten konnte.

Wir hatten viel "Kopfgepäck" dabei: Ich schlug mich u.a. mit dem Sinn des Lebens herum und hatte beispielsweise dicke Nietzsche-Bücher dabei, die ich gründlich durchackerte, E befasste sich intensiv mit Feminismus und hatte z.B. feministische Texte von Shulamith Firestone dabei - die erste Insel, die wir ansteuerten war deswegen auch Lesbos. Jedes Museum, jede antike Stätte wurde besichtigt. In anderen Jahren hatten wir Buchpakete aus den verschiedensten Bereichen dabei, vgl. die kleinen Bibliotheken in dem kleinen Felsennest, in dem wir zu fünft zwei Wochen lang lebten.

Wir hatten nicht die von Christa Wolf beschriebenen Fremdheitsgefühle bei den Griechen, obwohl wir rein äußerlich einen denkbar großen Kontrast abgaben (ich als Mann in kurzen geflickten Jeans oder Turnhosen, mit offenem Hemd, mit langen Haaren [Bildbeispiel bringen]; E recht freizügig, immer wie selbstverständlich in jede Männerdomäne eindringend ( Cafés, Tavernen). Ich denke, dass man uns ein Interesse an Land und Leute anmerkte und auch, dass wir keine "Fun-Touristen" waren. Wir gingen offen und ohne Mißtrauen auf die Leute zu, stellten unsere Rucksäcke manchmal unbeaufsichtigt stundenlag in Parks auf Parkbänke und trieben uns in den Städten herum. Wir hatten nie Probleme.

Wie kann Christa Wolf gleichzeitig das Patriarchat beklagen und dann Frauen, die ihnen geschäftstüchtig (und falsch) begegneten als Zwergin u.ä. hart verurteilen?

Wir haben nicht nur den von ihr hart kritisierten abendlichen Korso der männlichen Jugend beobachtet, sondern auch die mehr oder weniger daran interessierte weibliche Jugend gesehen, die das offenbar erwartete und damit spielte: Beide Seiten hatten ihre jeweiligen Rollen, die von der jeweils anderen Seite aus erwartet wurde: Die Mädchen oder jungen Frauen *wollten* die Jungs oder jungen Männer sehen und beobachten.

Wir haben nicht nur "Patriarchen" beim Herrschen über ihre Frauen und Familien gesehen, sondern auch Männer erlebt, die von ihren Frauen in Grund und Boden geschrien wurden. War aus Häusern aggressives Geschrei zu hören, so waren das meist harte Frauenstimmen.

Als ich einmal allein in einem Park saß und auf E sauer war, setzte sich ein alter Mann zu mir, deutete zu der etwas entfernt sitzenden E und fragte mich, ob sie gut im Bett sei. Was antwortet man da...? Er deutete nach hinten zu seinem Haus und fasste resigniert sein Elend zusammen: "Frau keine Lust. Immer böse." Und nickte resigniert und gedankenvoll.

Noch 1980 war die Qualität der griechischen Hotelzimmer in einem schreienden Kontrast zum verlangten Preis - da fehlte einfach noch die Erfahrung, was das gebotene Zimmer wert war. Wir schliefen meist im Zelt oder im Freien, ärgerten uns also nicht mit utopischen Zimmerpreisen herum. Mir kommt es bei der Lektüre so vor, als ob Christa Wolf nie richtig in Griechenland angekommen ist und solche Kleinigkeiten überbewertet: Sie wird betreut von zwei Personen, eine davon tritt überhaupt nur telefonisch in Erscheinung, die andere ist auch recht distanziert. Klar schaut einem eine Gruppe Männer in einer Taverne erst einmal neugierig an. Aber ein freundliches "Kali mera" mit lächelnden Gesicht kann durchaus mal das Eis brechen. So fremd Elke und ich den Griechen vorgekommen sein müssen - wir haben meist sehr hilfsbereite Leute kennen gelernt.

Wolfs autodidaktische Vor- und Nachbereitungen der Reise kommen mir zum Teil sehr amateurhaft vor - hier hätte sie Fachleute um Rat angehen sollen, so wie es der später von ihr zitierte Thomas Mann ja auch immer machte. Wenn man wie Wolf bei Velikovskys "Theorien" landet, so ist man nirgendwo gelandet, höchstens im Märchen.

In Wolfs Literaturliste findet sich ungewöhnlich viel populärwissenschaftliches bis scheinwissenschaftliches Material. Der im Text genannte Thomas Mann scheute sich demgegenüber nicht, sich von Fachleuten persönlich beraten zu lassen und mit ihnen lange Korrespondenzen zu führen. Das Ergebnis ist auch danach. Bei Christa Wolfs Auslassungen zur Geschichte hat man leider oft das Gefühl, dass hier zeitbedingte Wissenschaftsmoden oder zufällig leicht zu erreichende Sekundärlitertur das Ergebnis bestimmten. Thomas Mann dagegen wollte wasserdicht sein.

Viele Begriffe, viele Ausdrücke sind überholt, klingen antiquiert, nach abgetaner Mode: Was soll denn der Ausdruck "Kolonialisierung der Frau durch den Mann" bedeuten? "Unterdrückung" wäre ein klares Wort, oder "Ausbeutung". Aber dann finge man halt wieder an nachzudenken, ob man so kategorisch von einer Ausbeutung denn sprechen dürfte - nebulös von einer "Kolonialisierung" vielleicht eher, ein herrlich aufgeblasener Begriff.

Manchmal kommt beim Lesen eine Scham auf, mit solchen Phrasen ("Kolonialisierung") vor 30-35 Jahren auch gedacht und argumentiert zu haben. Erkenntnis: Christa Wolfs Text ist doch *sehr* zeitgebunden.

Das nervige Spintisieren, dass "die Sinne der Menschen verödet" sind - woher weiß man das denn? Gegen was wird verglichen?

Die vierte Vorlesung ist als offener Brief konzipiert - eine denkbar unpassende literarische Form für diesen Teil der "Frankfurter Vorlesungen"). Hier führt Christa Wolf eine Bücherliste auf.

Die kurzen Jeans, die bunten Hemden, die langen Haare, die Rucksäcke - das war *unsere* Ästhetik des Widerstands.

Christa Wolf, Kassandra
Christa Wolf - "Kassandra"

 

05.11.2013
Jan Zalasiewicz - The Earth After Us: What Legacy Will Humans Leave in the Rocks?
Ein ganz ausgezeichnetes Buch. Ausgehend vom Gedankenspiel, dass in 100 Millionen Jahren die Nachkommen irgendwelcher Tiere (Ratten? Krähen?) eine technische Zivilisation aufbauen oder gar Außerirdische auf der Erde landen: Was ist von der Menschheit - die 100 Millionen Jahre vorher ausgestorben ist - noch zu finden? Die Fragestellung dient Zalasiewicz dazu, die geologischen Prozesse ausführlich darzustellen, die die Erdoberfläche auch schon in historischen Zeiträumen allmählich verändern - wie erst in solch unvorstellbar langen Zeiträumen. Ist es tröstlich, dass tatsächlich Spuren zu finden sein werden? Ist es peinlich, dass das Beton-Fundamente heutiger Küstenstädte oder die Beton-Reste heutiger U-Bahn-Röhren sein werden? Ist es nicht erschreckend, dass hochgelegene Städte komplett der Erosion verfallen, und sie als Sand und Staub verteilt werden? Kann es tröstlich sein, dass Küstenstädte, die allmählich versinken, Opfer der Sedimentation werden, und so nachweisbar bleiben? Man lernt eine ganze Menge über Geologie, über die Veränderungen der Atmosphäre, über Klimaänderungen, Eiszeiten, den Einfluß der Menschheit auf die Erde. Da der Text so ausgezeichnet ist, fällt es nicht auf, dass das Buch kaum Abbildungen enthält - die Beschreibungen sind vollkommen ausreichend.

Jan Zalasiewicz - The Earth After Us
Jan Zalasiewicz - The Earth After Us

 

02.11.2013
Long John Silver - IV - Guyanacapac
Das Comic-Epos "Long John Silver" von Xavier Dorison und Mathieu Lauffray geht mit diesem vierten und letzten Band zu Ende. Die vorherigen Bände habe ich nur kurz durchgeblättert, diesen Band habe ich mir gekauft, weil mir einige Panels ausgesprochen gut gefallen haben. Der Plot (mit der Stadt im Dschungel, dem Gold, dem Indianerpriester) ist mir dagegen etwas zu abgegriffen. Den Zeichner Mathieu Lauffray habe ich aber "unter Beobachtung" genommen, sprich: Einen Link auf seine Blog-Seite gesetzt.

Long John Silver
Xavier Dorison und Mathieu Lauffray "Long John Silver - IV - Guyanacapac"

 

15.10.2013
Zweites Bild des geplanten "Astgabel-Triptychons"
Wie das erste in einer einzigen Malsession fertig geworden. Das Malen mit breitem Pinsel und dicker Farbe macht einfach Spaß.

Astgabel
Astgabel II, 2013, 28 cm x 40 cm, Öl auf Papier

 

05.10.2013
Alfred Jarry "König Ubu", im Theater Heidelberg.
Ein irres Stück, bei dem man durchaus Tränen lachen kann, sich gleichzeitig aber an einige der finstersten und brutalsten Gestalten der Geschichte erinnern kann.
Am Heidelberger Theater ist es normal geworden, Werkeinführungen vor Beginn der Vorstellung zu veranstalten. Meist dauern sie 20-30 Minuten und werden von Regisseuren oder Dramaturgen durchgeführt. Dieses Mal war es die Dramaturgin Sonja Winkel, der es in zwanzig Minuten gelang, das Stück zu beschreiben, in die Zeit einzuordnen, einen Exkurs über die Bedeutung von "Skandalen" im Paris vor dem Ersten Weltkrieg zu umreissen und die Spezifika der aktuellen Produktion (Coproduktion mit der Szputnik Shipping Company aus Ungarn, Regie: Viktor Bodó) vorzustellen. Eine ausnehmend sympathische Frau, die frei sprach und zum Glück ohne Powerpoint-Filefanz auskam.
Drei Stunden waren für das Stück veranschlagt, was mir zunächst erschreckend lang vorkam, aber zum Glück war alles kurzweilig, und Langeweile kam nicht auf. Ich kann es nur uneingeschränkt empfehlen.
Mitte der achtziger Jahre gab es in Heidelberg schon einmal eine Ubu-Inszenierung: Es war 1984 die erste Arbeit von Wolfgang Graczol als Regisseur und die Keimzelle des heute noch aktiven Taeter-Theaters. Die damalige Aufführung habe ich immer noch als furios in Erinneung, mit vielen Toten, und in der Rolle von Mutter Ubu sah man Pascale Lang, die Besitzerin des Buchantquariats "Bücherwurm" in der Heidelberger Altstadt (heute in Eisenberg, Pfalz).

 

02.10.2013
Redesign meiner Webseite begonnen
Es wird immer mehr mit mobilen Geräten im Internet gesurft. Ein Design, welches einen breiten Bildschirm voraussetzt, wird damit allmählich unzeitgemäß. Ich habe deswegen begonnen, meine Webseite umzustrukturieren und ein schlichteres Design zu verwenden, welches auch auf kleinen Displays leserlich bleibt und leicht auszudrucken ist. Die Umstellung wird sicherlich nicht in einigen Wochen erledigt sein. Die alten Webseiten bleiben noch einige Zeit verfügbar.

 

01.10.2013
Neues Ölbild: Astgabel
Das erste Bild aus einer geplanten Serie von Astgabel-Bildern. Nach dem klein-klein der letzten Monate mit den beiden Comic-Gemälden zum Witiko tat es gut, mal wieder mit breiten Pinsel und fetten Farben zu arbeiten. Lange habe ich geschwankt, ob ich die Einzelbilder im Format 80 cm x 100 cm machen sollte, fand das dann aber zu heftig. Die Serie male ich folglich im Format 28 cm x 40 cm und nur auf Ölmalpapier, nicht auf Hartfaser.

Astgabel
Astgabel I, 2013, 28 cm x 40 cm, Öl auf Papier

 

30.09.2013
Die Versenkung des Flugzeugträgers USS Oriskany
Auf Youtube die 44-minütige Dokumentation angeschaut, wie der am Ende des Zweiten Weltkriegs gebaute und 270 Meter lange Flugzeugträger Oriskany versenkt wurde. Flugzeugträger werden so gebaut, dass sie unsinkbar sind, deswegen war die Versenkung ein Projekt, welches zwei Jahre in Anspruch nahm und immense Kosten verursachte. Das Schiff sollte als künstliches Riff und als Tauchparadies dienen, und selbstverständlich keine giftigen Substanzen mehr enthalten. Die Dokumentation ist sehenswert, wenn man auch die Kröte schlucken muss, den Stolz der Navy über diese Kriegsmaschine, die im Korea- und Vietnamkrieg "diente", ertragen zu müssen.

Oriskany, letzte Fahrt
Die Oriskany: bereit zum Versenken

Oriskany sinkend
Die Oriskany geht unter: 17.05.2006

 

26.-29.09.2013
Laura Dekker, "Ein Mädchen, ein Traum"
Seit fast einem Jahr freue ich mich schon auf dieses Buch: Alle Blogs von Laura Dekker habe ich gelesen, alle Wochenberichte für das AD (ehemals Algemeen Dagblad), zahllose Interview-Transcripte, Berichte von Seglern und so weiter. Auch das von ihrer Grossmutter Riek Dekker geschriebene und kompilierte Buch "Mijn Verhaal" habe ich. Ich oute mich also als Laura-Dekker-Fan. Gleich am Tag, als ich das Buch im schönen Heidelberger Reisebuchladen abholte, begann ich also mit der Lektüre.

Zunächst zum Buch selber: Es greift sich wertig an, ein guter flexibler Einband, gutes Papier, gute Druckqualität, die Farbfotos vielleicht etwas klein, dafür aber scharf und mit guten Farben. Das Lektorat hat gut funktioniert, ich habe erstaunlich wenige Fehler gefunden.

Nach einem Vorwort von Laura Dekkers Vorbild Tania Aebi kommen sechs Seiten "Wie alles begann", dann beginnt schon der Hauptteil: Unschwer zu erkennen hat Laura in der Hauptsache nur ihre Tagebücher und Wochenberichte für die niederländische Tageszeitung AD überarbeitet und so findet man zum Teil bekanntes Material gemischt mit neuen und ausführlicheren Passagen. Auf Seite 319 ist Laura am Ziel und das Buch zu Ende. Kein Glossar der Fachbegriffe, kein Nachwort, nichts konkretes zu Lauras weiteren Plänen, kein expliziter Dank an die Sponsoren. Aber immerhin noch drei Seiten mit einem Seitenaufriss ihrer Yacht Guppy, einer Decksansicht von oben und dem Grundriss. Leider auch kein Index der Orte / Inseln.

Das Buch liest sich locker und teilweise auch lustig, man erfährt von den Freuden und Nöten und ständigen Reparaturen auf See, man erfährt aber überraschend wenig zu den aufgesuchten Häfen, Inseln und Ländern. Die Beschreibungen haben etwas anekdotisches (was nicht per se schlecht sein muss). Beobachtungen jenseits des Gewöhnlichen findet man wenig. Kontakte ausserhalb der "Yachties"-Szene sind eher selten, ein "interkultureller Brückenschlag" also kaum vorhanden.

Einige Punkte, die mir aufgefallen sind:

Das Verhältnis zu "den Medien". In Bausch und Bogen kritisieren oder schimpfen Laura und ihr Vater auf die Medien. Gleichzeitig werden die Medien gesucht, da ohne Publicity keine Gelder, weniger Sponsoren und somit Projektende. Aber nicht zu vergessen: Laura hat eine wöchentliche Kolumne in der AD (=Medien) gehabt und gerade auch von dieser Zeitung eine positive Berichterstattung bekommen. Und das niederländische Magazin "Zeilen" (=Medien) hat umfangreiche und schön bebilderte Berichte zu Laura schon ab 2009 gebracht. Die Unerfahrenheit mit den "Medien" führt dann oft zu falschen Erwartungen und Enttäuschungen. Wenn man aber lange vor dem Start der Weltreise an "die Medien" geht und einen Rekordversuch ankündigt (und das hat die Familie Dekker getan), dann braucht man sich nicht zu wundern, wer sich in Reaktion darauf alles zu Wort meldet. Die Aussagen, es wäre nie um den Rekord gegangen, sind schlicht unwahr. Es gibt genug Fotos vor dem Start, in der Laura Kleidung mit der Aufschrift "Youngest to sail around the World trägt". Der "Weltrekordversuch" war fester Bestandteil des Planes und wurde nie aufgegeben. Auch im Buch werden Fixpunkte für das Rückkehrdatum genannt, die vom Rekordversuch bestimmt sind: Laura wollte die Jüngste sein - sonst wäre ihre Reise erheblich schwerer zu vermarkten gewesen.

Lauras Vater - Dick Dekker - ist eine besonders tragische Figur. Sein Mißtrauen gegenüber "den Medien" und gegen die niederländische Justiz hat durchaus paranoide Züge angenommen. Noch in Südafrika war er ernstlich der Meinung, dass der niederländische Staat ein Attentat auf Laura plane. Fast schon ließ sich der Rechtsanwalt der Familie von den Verschwörungsphantasien anstecken. Warum Laura aber trotz aller Kritik an den Niederlanden und trotz des Mißtrauens gegenüber der niederländischen Justiz im Frühjahr 2011 (während ihrer Weltreise) und im Frühjahr 2012 (nach ihrer Weltreise) jeweils für eine Woche auf die Bootsmesse HISWA in den Niederlanden reiste - natürlich ohne behelligt zu werden - erschliesst sich mir dann nicht.

Und nochmal zum Vater: Dieser baut seit vielen Jahren an einem richtig großen Schiff, auf dem er und Laura die Jahre vor der Abreise schon wohnen konnten. Irgendwann sollte - ja wer? die Familie? - damit wohl wieder auf Fahrt gehen. Nun, da Laura weg ist, sogar bei den Antipoden, ist Dick Dekker ein einsamer Mann. Was will er mit seinem großen, nicht zum Einhandsegeln gemachten Schiff? Beste Voraussetzungen für Dick Dekker, noch mehr Paranoia zu bekommen...

Das Verhältnis zu den Managern: Ein Projekt, das finanziell überwiegend von der öffentlichen Wahrnehmung und dem öffentichen Interesse abhängig ist, braucht eine begleitende Öffentlichkeitsarbeit, braucht erfahrene PR-Manager. Zu diesem Thema habe ich bei der ersten Lektüre überhaupt keine Aussagen gefunden. Bekannt ist, dass Laura mindestens drei unterschiedliche Manager hatte, darunter mit Lyall Mercer einen erfahrenen PR-Mann, der auch Abby Sunderland betreute. Nachdem dieser aufgab, wurde Laura von Gerard van Erp betreut, bei dem sie schon ziemlich zu Anfang ihrer Tour auf Bonaire unterkam. Bei der Rückkehr hatte van Erp die undankbare Aufgabe, zwischen den Ansprüchen der Dekker-Familie und den eigenen unrealistischen Erwartungen auf das Medien-Echo einerseits und der Unsicherheit, ob Laura nicht im letzten Moment eine andere Zielinsel ansteuern würde, um "den Medien" zu entgehen, zu vermitteln. Seine vollmundigen Reden, Laura würde "natürlich" nach ihrer Rückkehr den Schulabschluss nachholen, wurden durch die Weiterfahrt Lauras wieder in den Pazifik und die Fahrt nach Neuseeland schnell von der Realität überholt. Schade, dass dieses spannende Kapitel, ohne welches heute größere Projekte gar nicht möglich sind, überhaupt nicht angesprochen wird.

Das Verhältnis zu den Sponsoren: Es ist eine Leistung für sich, als 12- bis 14-jährige schon Sponsoren zu gewinnen. Dieser Aspekt hätte auch angesprochen gehört, gerade weil es auch eine beeindruckende Leistung ist und viel über die Überzeugungskraft und die Power von Laura verrät. Aber die Sponsoren werden mit einem halben Satz einfach abgespeist.

Der fehlende Schulabschluss: Laura geht da recht locker drüber weg, aber warum auch nicht. Letzten Endes ist sie ja erst 18 geworden und kann noch viel machen und nachholen. Die Bedeutung eines Schulabschlusses (und vielleicht sogar des damit verbundenen Lernstoffs) scheint sie aber massiv zu unterschätzen. Nicht genug damit, dass sie auf normalen Wegen sicher nicht zu einen Kapitänspatent kommt - der Mangel an Grundwissen wird an einem Beispiel ganz krass deutlich: In der ersten Atlas-Ausstrahlung war den beiden Teams eine Rechenaufgabe gestellt, eigentlich ein einfacher Dreisatz. Laura stand bei ihrem Team mit einem erschreckend ahnungslosen Gesichtsausdruck und versuchte ganz offensichtlich nur noch bemüht, dem Rätselraten ihrer Teamgenossen zu folgen - selber konnte sie keinen Beitrag leisten.

Die Zukunft von Laura bleibt spannend:

Leider arbeitet die Zeit gegen sie: Zur Zeit ist sie jung und hübsch und wirkt äußerst symphathisch. Nicht alles wird so bleiben.

Laura Dekker
Laura Dekker: Ein Mädchen, ein Traum

 

17.09.2013
Witiko - Es klang fast wie Gesang von Lerchen
Endlich mit dem Hauptbild zur Comic-Adaption von Stifters Witiko fertig geworden. Ich wollte den Moment malen, als sich Witiko und Bertha das erste mal treffen. Bertha bleibt trotz der überraschenden Begegnung ruhig stehen, ihre Freundin flüchtet. Witiko musste ich mit dunklem Haar malen, obwohl er blond ist. Auch seine Lederkleidung wollte ich nicht in der beschriebenen Farbe malen, sonst wäre alles zu erdig geworden.

Witiko, Gesang von Lerchen

Witiko-Cover
So etwa könnte ein Titelbild für ein Witiko-Piccolo aussehen.

 

09.09.2013
Lura beim Terre-de-Blues-Festival 2012 auf Marie-Galande
Auf der kleinen Insel Marie-Galante des Guadeloupe-Archipels (Kleine Antillen) findet seit sieben Jahren von Mitte Mai bis Anfang Juni das Festival Terre de Blues statt. Benachbart sind u.a. die Insel Dominika und die Inselchen Iles des Saints - also eine Gegend, die von meinem Schwarm Laura Dekker auf ihrer Erdumsegelung berührt wurde (das nur nebenbei erwähnt).
2012 trat hier die fantastische kapverdische Sängerin Lura mit Band auf. Ein sage und schreibe 77 Minuten langes Video in sehr guter Ton- und Klangqualität ist unter YouTube zu finden und gehört zur Kategorie "unbedingt sehens- und hörenswert". Lura wollte ursprünglich Tänzerin werden, ihre Doppelbegabung als Sängerin und Tänzerin macht das Ansehen des Videos zum besonderen Vergnügen. Natürlich beherrscht Lura auch die reichlich erotischen Tänze der Kapverden - was sie am Ende des Auftritts demonstriert.
Wie auch die ganz außergewöhnliche kapverdische Sängerin Mayra Andrade hat es Lura nicht nötig, mit Tatoos, Piercings und ähnlichem zu arbeiten: Diese Frau ist einfach nur wunderschön. Bei Musikvideos achte ich immer auf die Interaktion der Musiker - wie funktioniert die Kommunikation? Auch das ist im Video eine Freude zu sehen: Hier ist noch eine heile Musikwelt, mit viel Spaß und Freude an der Musik.

Lura, 2012
Lura beim Terre-de-Blues-Festival 2012

 

28./29.07.2013
"Die Frau mit den 5 Elefanten"
Beeindruckender Dokumentarfilm von Vadim Jendreyko über Swetlana Geier, die Dostojewskijs fünf große Romane "Verbrechen und Strafe", "Der Idiot", "Böse Geister", "Die Brüder Karamasow" und "Ein grüner Junge" neu übersetzte. Ich habe Dostojewskijs Bücher Ende der siebziger Jahre unter anderen Titeln ("Böse Geister" hieß früher "Die Dämonen", "Verbrechen und Strafe" hieß früher "Schuld und Sühne" usw) gelesen, weiß aber nicht, ob ich trotz dem Film und trotz der beeindruckenden Gestalt von Swetlana Geier noch einmal an die Lektüre gehen soll.
Der Film ist ganz ruhig, kann lange Frau Geier beim Übersetzen zuschauen, beobachtet auch ganz ruhig und geduldig den Einkauf am Markt, das Kochen zuhause, das Bügeln der Wäsche, folgt Swetlana Geier (und ihrer Tochter) auf der ersten Reise nach Jahrzehnten zurück in die alte Heimat Ukraine.
Ich musste mir den Film zweimal anschauen - so beeindruckend fand ich ihn.
Zu finden ist er in voller Länge auf der Medienseite des ZDF. Auf der Webseite zum Film findet man eine informative dreisprachige Pressemappe.
Übrigens ist auch die Musik zum Film von Daniel Almada wunderschön.

Swetlana Geier
Die Frau mit den 5 Elefanten

 

30.06.2013
Heinz Haber - der Fernsehprofessor
Seine Fernsehsendungen ab Mitte der sechziger Jahre brachten mich für immer zur Astronomie. Vorher war schon Interesse da, wohl aber nur so allgemein durch Comics ausgelöst und vielleicht durch ein kindliches Interesse an der Natur allgemein. Und natürlich mit den Fragen wie "wo hört das Weltall auf?", "woher kommt es?" und ähnlich, die ich mir schon als Kind stellte.
Er war Herausgeber der Zeitschrift "Bild der Wissenschaft", die ich als jugendlicher manchmal las, allerdings aus Kostengründen nur in der Statdtbücherei. Das im gleichen Verlag erschienene X-Magazin für Naturwissenschaft und Technik kaufte ich dagegen von der ersten bis zur letzten Nummer (leider erschien es nur 1970 bis 1973) und las es von vorne bis hinten. Keine Ahnung, welcher Teufel mich geritten hat, nach dem Abitur alle Hefte zum Altpapier zu geben.
Im Mannheimer Planetarium lief diesen Sommer eine Ausstellung, die ich mir leider nicht anschauen konnte.
Heute die interessanten Erinnerungen von Wolfgang Hess an Heinz Haber gelesen.
X-Magazin: Erscheinungsverlauf: 2.1970,7 - 5.1973,4

 

02.06.2013
Peter Zadek und Johannes Grützke - LULU. Eine deutsche Frau.
Das Buch wurde 1999 aus dem Bestand der Stadtbücherei Heidelberg entfernt und im Bücherflohmarkt verkauft. Da habe ich den Band dann erworben. Vor dem Ausmisten (es kommt weg) habe ich es heute noch einmal gelesen.
1988 inszenierte Peter Zadek Wedekinds "Lulu" in der Urfassung. Aus Anlaß dieser Inszenierung brachten Peter Zadek und Johannes Grützke einen Materialienband heraus, der Textausschnitte aus dieser Urfassung und vielen anderen mehr oder weniger berühmten Werken versammelt, die das Lulu-Thema umspielen. Viel Schwulst ist leider im Spiel, denn eigentlich gibt es nichts langweiligeres als diese Jahrhundertwende-Dramen um Mann und Frau und die Frau als dies und das und sell un jenes... Der Band enthält zehn Bühnenbildentwürfe von Johannes Grützke zur Inszenierung und 39 Originalzeichnungen Grützkes. Einige nette sind darunter. Daneben Film-Stills, Graphiken, Fotos usw anderer Künstler.
Die Textausschnitte reichen von einem spannenden Ausschnitt aus Ingeborg Bachmanns "Undine geht" bis zu langweiligen Ergüssen besser zu vergessender Autoren.
Ich weiß nicht, wie Zadek und Grützke damals zum Schluß gekommen sind, dass mit dieser etwas wahllos daherkommenden Text- und Bildmontage viel gesagt ist. Es gibt genug AutorInnen, die diesen Band mit einem Essay um Dimensionen aufgewertet hätten - Christa Wolf wäre meine erste Wahl gewesen.

Lulu, Titel

Einige Zitate aus dem Buch... Zwischen Männern und Frauen laufen manchmal seltsame Geschichten ab. Natürlich sind auch Frauen Akteure. Was hat Ingeborg Bachmann dazu anzumerken?

"Aber die Männer schweigen dazu. Fahren ihren Frauen, ihren Kindern treulich übers Haar, schlagen de Zeitung auf, sehen die Rechnungen durch oder drehen das Radio laut auf und hören doch darüber den Muschelton, die Windfanfare, und dann noch einmal, später, wenn es dunkel ist in den Häusern, erheben sie sich heimlich, öffnen die Tür, lauschen den Gang hinunter, in den Garten, die Alleen hinunter, und nun hören sie es ganz deutlich: Den Schmerzton, den Ruf von weither, die geisterhafte Musik. Komm! Komm! Nur einmal komm!
(...)
Darum ist es besser, nicht aufzustehen in der Nacht, nicht den Gang hinunterzugehen, nicht zu lauschen im Hof, nicht im Garten, denn es wäre nichts als das Eingeständnis, dass man noch mehr als durch alles andere verführbar ist durch einen Schmerzton, den Klang, die Lockung und ihn ersehnt, den großen Verrat. Nie wart ihr mit euch einverstanden. Nie mit eure Häusern, all dem Festgelegten. Über jeden Ziegel, der fortflog, über jeden Zusammenbruch, der sich ankündigte, wart ihr froh insgeheim. Gern habt ihr gespielt mit dem Gedanken an Fiasko, an Flucht, an Schande, an die Einsamkeit, die euch erlöst hätten von allem Bestehenden. Zu gern habt ihr in Gedanken damit gespielt.
(..)
Ihr Ungeheuer, dafür habe ich euch geliebt, dass ihr wusstet, was der Ruf bedeutet, dass ihr euch rufen liesst, dass ihr nie einverstanden wart mit euch selber." (S.44-47)
Ingeborg Bachmann kennt die geheimen Sehnsüchte der Männer offenbar sehr gut. Wie sieht es umgekehrt mit Rilke (eigentlich einem Frauenflüsterer) und den Frauen aus? Aus einem Brief von Rilke an Frau von Thurn u. Taxis über die "Duse":
Es geht eine Unlust, dazusein, in gewissen Momenten von ihr aus, die so penetrant ist, daß den Dingen um sie herum gleichsam die Zähne ausfallen.(S.72)
Rilke kann scheint's nichts damit anfangen - versteht das nicht. Zu guter Letzt ein Zitat von Theodor Wiesengrund Adorno in seiner unnachahmlichen Diktion über "weibliche Naturen":
"Ohne alle Ausnahme konformieren die weiblichen Naturen."
(...)
Die Glorifizierung des weiblichen Charakters schließt die Demütigung aller ein, die ihn tragen.(S.126)

 

Vorschau auf die neue Spielzeit des Heidelberger Theaters und Ehrung der langjährigen Abonnenten.
Eine sehr gelungene und über drei Stunden dauernde Einführung mit Schauspiel-, Tanz- und Orchestereinlagen, die Lust auf die neuen Produktionen macht.
Yasmin wurde für 20 Jahre Abo geehrt und ich durfte als Partner auch mit hoch auf die Bühne und auch eine Produktion nennen, die mir in den letzten Jahren oder Jahrzehnten besonders gut gefallen hat. Eine interessante Erfahrung, auf der Bühne eines Theaters im hellen und sehr heißen Scheinwerferlicht zu stehen, aber von den ca 500 Zuschauern fast nichts zu sehen.

 

01.06.2013
Hans Konrad Röthel "Moderne Deutsche Malerei".
Das Buch ist 1980 aus dem Bestand der Stadtbücherei Heidelberg ausgeschieden und kurz danach von mir im Bücherflohmarkt der Stadtbücherei gekauft worden - es liegt also seit über 30 Jahren bei mir rum. Vor dem Ausmisten (es kommt weg) habe ich es noch gelesen.
Der Text ist etwas angestaubt - viel 50er-Jahre-Geraune. Manches wirkt unfreiwillig komisch bis lustig. Der Band enthält aber im Anhang immerhin Auszüge aus Originaldokumenten.
Der Band ist großzügig bebildert, mir gefallen aber nur vier der Tafeln.

Buchtitel

Beispielseiten

Einige Zitate aus dem Buch:
"Kunsthistoriker-Poesie" über die neuen Künstler, besonders die der Brücke:

„Andere, dunklere und gefährlichere Mächte standen in ihnen auf und forderten Aussage und Gestalt. Ganz von innen her rauschte mit mächtigem Dröhnen eine gewaltige Flutwelle heran, deren Woher und Wohin sie selber nicht kannten. Unheilverkündende Rinnsale begannen die scheinbar so geordnete Welt zu durchfurchen, Ströme des Unbewussten sprangen auf. Das Wetterleuchten einer neuen Wahrheit ließ die fadenscheinig gewordenen Kulissen einer hybriden Welt gespenstisch aufleuchten.“(S.13)
Einige kritische Worte über die Künstler dürfen nicht fehlen:
„Ihr leidenschaftliches Wollen hat sie nicht immer bis an die Sterne getragen, und gelegentlich wurde die große Idee gleichsam von der Vorstellung eines Freibadparadieses korrumpiert.“(S.13)
Über die Gemälde von Karl Schmidt-Rottluff:
„Ihre Virilität hat etwas Mitreißendes. (…) In jeder seiner Aussagen steckt etwas von barbarischer Noblesse.“(S.18)
Was hat Paul Klee bis zu seiner afrikanischen Reise (1914) gezeichnet?
„…seltsam bizarre Figurinen von lemurenhafter Gespenstigkeit“.(S.52)
Ganz anders Max Ernst, „der bedeutendste surrealistische Maler“(S.63):
„Wovon die anderen nach ihren psychischen Tiefseefahrten nur in Worten gestammelt hatten, er malte es.“(S.63)
Über „Ecce Homo“ von Lovis Corinth:
„Eines der letzten Gemälde seiner Hand ist das ergreifende „Ecce Homo“. Es entstand im Todesjahr, 1925. Krieg und Laboratoriumswissenschaft, so scheint es, wenn man die Assistenzfiguren nicht einer verbliebenen Modellhaftigkeit zeihen will, sie liefern den Menschen ans Kreuz…“(S.67)
Ein Zitat von Oskar Kokoschka:
„(Eine) Kunstsprache, die nicht mitteilbar ist, (wird) sinnlos, wenn sie das Erlebnis, das unser Menschentum immer wieder erneuert, als Botschaft vom Ich nicht weiterträgt zum Du. (…) Ebenso sinnlos ist die Existenz des Ästheten im elfenbeinernen Turm.“(S.79)

 

28.05.2013
Witiko - Es klang fast wie Gesang von Lerchen...
Auch der aktuelle Stand (vgl. mit dem Stand vom 07.05.13) wirkt noch furchtbar ungeschlacht. Der Anfang eines Bildes ist immer die frustrierendste Zeit, alles sieht nach Geschmier aus.

Witiko, Stand vom 28.05.2013

 

23.05.2013
Ruth Merklinger 11.05.1956 - 27.12.2012
Wir kannten uns seit 1977, mal enger, mal weiter, viel verbindendes, viel trennendes, stundenlange Diskussionen und Gespräche, lange Wanderungen in den Alpen und im Odenwald - aber manchmal brauchten wir lange Pausen des Nicht-Sehens. In einer dieser Pausen habe ich heute erfahren, dass ihr Hirntumor stärker war. Hier ein Bild von 2003:

Ruth, 2003

 

09.05.2013
Holger Hof - "Zur Liebe kann man niemanden zwingen."
Zu den Briefen Gottfried Benns an Astrid Claes.
Netter Aufsatz, voyeuristische Interessen werden aber nicht unbedingt bedient. Wunderschöne Macho-/Macker-Zitate - wenn man sie als so etwas lesen will:

Der Aufsatz von Holger Hof steht in: "Gottfried Benns Modernität". Herausgegeben von Friederike Reents. Wallstein Verlag, Göttingen 2007

 

07.05.2013
Witiko - Es klang fast wie Gesang von Lerchen...
Das ist zumindest der Arbeitstitel des folgenden "Geschmiers", also der ersten Untermalung meines nächsten Ölbildes, welches die Piccolo-Deckblatt-Ergänzung zum vorherigen "Witiko" sein soll (vgl. 23.04.13). Wie Hansrudi Wäscher in seinen Comics muss ich jetzt noch eine zentrale Szene aus dem Anfang des ersten Witiko-Bandes malen, und das ist für mich die erste Begegnung von Witiko und seiner späteren Frau Bertha. Eine Freundin Berthas flieht vor Schreck und Angst, während Bertha ruhig und mutig stehenbleibt. Zwei Scribbles der geplanten Komposition schaden auch nicht...

Witiko, zweites Bild

Witiko, Scribble

Witiko, Scribble

 

25.04.2013
Partielle Mondfinsternis

Mondfinsternis

Partielle Mondfinsternis vom 25.04.2013, 20h09UT bzw 22h09MESZ,
Canon IXUS 70 durch Feldstecher 11x80

 

23.04.2013
Ölbild "Witiko" - endlich fertig!

Witiko

Witiko, Öl auf Malkarton, 2013

So lasse ich den Witiko, jetzt betrachte ich ihn endlich als fertig. Das Schwert musste doch noch schwarz umrandet werden, und auch der Mund sollte nicht so feminin erscheinen. Der Rest waren Mikro-Verbesserungen...

 

22.04.2013
Richard P. Feynman - "Sie belieben wohl zu scherzen, Mr. Feynman!" John Walker's Fourmilab-Seiten gehören zu meiner Pflichtlektüre. Selten findet man so interessante Bücher so gut besprochen. Um nichts zu verpassen, beobachte ich die Seite mit "Google Reader" (leider ein auslaufendes Google-Produkt). Und Walkers Besprechung von "Quantum Man" von Lawrence Krauss verführte mich nun dazu, an die Lektüre dieses Bestsellers aus Feynmans eigener Feder zu gehen. Ich muss sagen: toll. Lies sich spannend und ist lehrreich. Am ersten Abend nach einem harten Arbeitstag bin ich immerhin bis zur Seite 128 gekommen.
Besonders interessiert haben mich seine (nicht-destruktiven) Experimente mit Ameisen - ich war ja mal Ameisen-Fan. Und dann erinnerte ich mich plötzlich daran, dass ich in der Schulzeit fasziniert von Elementarteilchen war, mehrere Bücher las, und viele "Feynman-Diagramme" abzeichnete, ohne zu wissen, dass sie diesen Namen hatten. Das muss so Ende der sechziger Jahre gewesen sein.

 

20.04.2013
Comix (33) 03/2013 - Nach der Lektüre muss man sich die Druckerschwärze von den Fingern waschen, die Papier- und Druckqualität erinnert an Comics der fünfziger Jahre - aber es ist eben eine Comic-Zeitung, folglich "Zeitungsdruck", und so ist die haptische und optische Inferiorität zu entschuldigen. Die "Comix" ist dicker geworden, teurer auch - wiewohl mit 3 Euro immer noch billig.
Ganz entschieden aufgewertet ist der redaktionelle Teil, was an der Einstellung der Comixene aus dem gleichen Verlag liegt: die Erbmasse des nicht mehr erschienenen Heftes 116 der Comixene wurde in Comix 03/2013 übernommen. Das ganze wirkt noch etwas unausgegoren: neben dem erstaunlich hochwertigen redaktionellen Teil (Erbmasse Comixene) können die abgedruckten Comic-Ausschnitte nicht so recht bestehen. Na, das wird sich noch einrenken.

 

16.04.2013
Ein Report über Laura Dekkers Vater: Dick Dekker. Ein wunderschöner Bericht aus dem Jahr 2006 über den Vater von Laura Dekker (auf "...Mehr anzeigen" gehen). Man versteht, wo Lauras Leidenschaft für das Segeln und die Natur und ihr unbändiger Freiheitsdrang herkommt. Unbedingt lesenswert!
Hier zwei Fotos von Dick Dekkers in Bau befindlichem großen Segelschiff. Auf einer google-maps-Karte ist es zu sehen, als es noch in Wijk bij Duurstede lag. Inzwischen liegt es ja bekanntlich in Den Osse (auf BING Satellite ist sogar noch Guppy neben Dicks Boot zu sehen).

 

14.04.2013
Julien Smith - The Flinch. Ein kostenloses ebook, erhältlich bei amazon. Ein Selbsthilferatgeber, um Blockaden zu überwinden, indem man sich seine Ängste bewusst macht und sie bekämpft - nicht der erste und nicht der letzte Ratgeber dieser Art, aber gut, weil ohne dumme Quasselei geschrieben. Natürlich wird darauf hingewiesen, dass man diese Weisheit nicht aus Büchern lernen kann - immer wieder schön, solche Hinweise in einem Buch zu lesen. Die maximal zwei Stunden, die es braucht, dieses in einem leichten Englisch verfasste Buch zu lesen, sind aber gut angewandt, ich hab's nicht bereut.
Julien Smith hat auf seiner Webseite einige Sätze zu seinem Buch geschrieben (er fasst sich gerne kurz und bündig). Die Webseite selber bietet so manches interessante - man kann natürlich auch "Schwamm drüber" sagen und sich lieber mit der Geschichte von Laura Dekker befassen, die es GESCHAFFT hat.

 

09.04.2013

Witiko

Ölbild "Witiko" - fertig(?) Ich weiß es noch nicht, vielleicht werde ich als letzte Maßnahme das Schwert noch schwarz umranden. Viel Lust habe ich nicht, das Bild hat schon zu viele Stunden gekostet. Hansrudi Wäscher hätte es in einer halben Stunde gemacht, ich mache inzwischen bestimmt schon sechs Stunden daran herum. Die Hälfte der Zeit allerdings an der Schrift. Auch wenn sie auf dem Foto krumm aussieht - sie ist es nicht: Das ist die Verzeichnung der einfachen Digicam.
Die Kleidung Witikos besteht eigentlich aus hellem Leder, das hätte sich aber nicht deutlich genug von der Hautfarbe abgehoben. Künstlerische Freiheit am Werk...
Ich habe schon lange kein so kleines Bild gemalt - im direkten Vergleich mit mir sieht man, wie putzig das Bild ist. Es ist auch nicht auf Hartfaser gemalt, sondern auf Malkarton.

Witiko und sein Maler

 

19.03.2013
Arbeit am neuen Ölbild "Witiko" Angeregt durch die Lektüre von Knigges "Wäscher"-Biographie und die Piccolo-Titelseiten von Hansrudi Wäscher habe ich - mehr zum Spaß - angefangen, in Art der Sigurd- oder Falk-Titelbilder ein Titelbild zu einem Witiko-Comic zu entwerfen. Den "Witiko" von Adalbert Stifter habe ich trotz seiner 800 Seiten in den letzten Jahren dreimal gelesen und bin drauf und dran, dieses Jahr die vierte Lektüre zu beginnen. Es gibt eine ganze Reihe von Szenen, die das Zeug zu guten Panels haben. Nur schade, dass der Witiko so unbekannt ist - und ich kein Comic-Zeichner bin. Das hier ist ein Zwischenstand, gerade auch der Schriftzug muss noch viel deutlicher und klotziger kommen. Schwierig finde ich den Gesichtsausdruck von Witiko: Es ist kein verwegener Haudrauf wie Sigurd oder Falk, aber sein Schwert zu führen wusste er trotzdem.

 

18.03.2013
Roza Eskenazy - Mein süßer Kanarienvogel Roza Eskenazy (auch Eskenazi geschrieben) ist eine der berühmtesten Rembetika-Sängerinnen des letzten Jahrhunderts. Geboren ist sie vermutlich Mitte der 1890er Jahre in Konstantinopel, gestorben 1980 in ihrer Wahlheimat in einem Vorort Athens.
Roza Eskenazi ist mir zuerst auf einer Doppel-LP des Trikont-Verlags aufgefallen, "Fünf Griechen in der Hölle", einer sehr schönen Sammlung von Rembetika-Liedern verschiedener Sänger und Sängerinnen, die ich mir Anfang der achtziger Jahre zugelegt habe.

Roza Eskenazy

Roza Eskenazy

In den letzten Jahren habe ich meine Sammlung an Rembetika-Musik stark erweitert, und Roza Eskenazy gehört zu meinen Favoritinnen. Der 2008 von Roy Scher gedrehte Dokumentarfilm "My sweet canary" stand daher schon lange auf meiner Wunschliste, und heute habe ich ihn endlich einmal - in der deutschen Fassung - sehen können. Toll! Eine abwechslungsreiche Mischung aus zeitgenössischen Filmaufnahmen, aus Interview-Ausschnitten mit Zeitgenossem und - ganz allerliebst - ihrem Biographen Kostas Hatzidoulis, der mit vollem Körpereinsatz erzählt: ganz klasse seine Handarbeit... Daneben wird das Projekt einer zeitgenössischen Adaption von Rozas Liedern samt Auftritten verfolgt. Auch Yasmin Levy ist dabei zu sehen. Unbedingt sehenswert, meine ich.

Kostas Hatzidoulis erzählt

Kostas Hatzidoulis erzählt

 

13.03.2013

Komet Panstarrs

Komet Panstarrs: Viel Hype gibt es um diesen Kometen - zu selten ist eben in Mitteleuropa (oder besser: unter mitteleuropäischen Bedingungen) ein mit blossem Auge sichtbarer Komet. Theoretisch ist das ja Panstarrs, praktisch war er das ja auch auf der Südhalbkugel. Bei uns ist das schwerer.
Sehr viel Mühe habe ich mir heute mit diesem Kometen gegeben, ihn sorgfältig mit einem 11x80-Feldstecher gesucht - nichts. Mitten aus Heidelberg heraus zu beobachten ist halt suboptimal. Immerhin hat es geklappt, ihn fotografisch nachzuweisen. Fünf Aufnahmen à 1 Sekunde Belichtungszeit bei Blende 1,4 mit 50mm Brennweite wurden addiert, und - na ja - man sieht immerhin, dass es ein Komet ist.

Komet Panstarrs

Komet Panstarrs, 13.03.2013, 18h48UT, 5x1sec, 1,4/50, Canon EOS450D
Der Ausschnitt ist in der Übersichtsaufnahme oben markiert.

 

Ende Dezember 2012 bis Mitte Januar 2013

Allmächtiger

Andreas C. Knigge "Allmächtiger. Hansrudi Wäscher. Pionier der deutschen Comics." Schlägt man dieses dicke, 2,6 Kilogramm schwere, fast fünfhundertseitige Buch auf, entfährt einem fast auch der Ausruf "Allmächtiger!": Puh! Diese Zeichnungen haben einem vor fünfzig Jahren gepackt, fasziniert, haben zu Alpträumen und Reiseträumen geführt? Nun, tatsächlich zählten damals ja nicht die Zeichnungen: es waren die Geschichten, die Abenteuer. Und da ist Hansrudi Wäscher klasse. Die "Heftchen", wie die Piccolos bei uns Kindern damals hießen, waren verpönt, trotzdem gab es keine Probleme, einen regen Tauschhandel zu betreiben. Kaum jemand aus meinem Freundeskreis kaufte die Heftchen neu: Man tauschte, besuchte sich gegenseitig, und vor der Wohnungstür wurden schnell und zielstrebig die Schuhkartons mit den Schätzen durchwühlt und getauscht. Klar, dass es nicht einfach war, die sich teilweise über dutzende von Heften hinziehenden größeren Abenteuer am Stück zu lesen. Aber jedes Heftchen hatte sein eigenes kleines abgeschlossene Abenteuer (meist einen Kampf), und am Ende den Cliffhanger.

Andreas Knigge gehört zu den Comic-Päpsten in Deutschland und hat sich lange gegen Wäscher gesperrt. Für das Buch hat er laut eigener Aussage alles von Wäscher gelesen, täglich, von morgens bis nachts. [to be continued]

 

Mitte Dezember 2012 bis Januar 2013
Laura Dekker - Weltreise und Lebensreise

Von der geplanten Erdumseglung Lauras habe ich natürlich 2010 erfahren, auch ihre Querelen mit dem Jugendamt und der Justiz sowie ihre Flucht in die Karibik und ihre Rückbringung gingen genügend durch die Presse, um den Fall zu kennen. Damals interessierte mich das wenig: Für mich klang das alles nach einer reichen Göre, die schon mit 13 Jahren von "ihrer" Yacht sprechen konnte, und wenn es nicht nach ihrem Kopf ging, mal eben einige tausend Euro vom "eigenen" Konto abhebt und in die Karibik abhaut, um sich dort eine Yacht zu kaufen. Da kommt dann eher eine Art mißgünstiger Neid auf: Selber kann man sich keine Yacht leisten (wirklich nicht?), selber kann man nicht einfach mal in die Karibik abhauen (wirklich nicht?).

Vielleicht ist es ja eine Alterserscheinung, aber im Dezember war ich in einer etwas anderen Stimmung, und die Stimmen im Hinterkopf ("wirklich nicht?", "warum nicht?") wurden lauter. Es gab und gibt immer wieder Jugendliche, die enorme Leistungen auf unterschiedlichsten Gebieten bringen und unglaublich fokussiert auf Ziele sein können. Letztens Endes sind Jugendliche in unserem Kulturkreis ja künstlich infantilisiert, und Erfahrungen, wie sie Laura als Fünfzehnjährige auf den Kapverden machte (sie spielte mit gleichaltrigen "Mädchen" Fußball - aber diese "Mädchen" waren zum großen Teil schon Mütter und mussten ihre Kinder erstmal jemanden zum Beaufsichtigen geben) realisieren viele Erwachsene bei ihren Pauschal-Weltreisen nicht.

Ist der Beobachter - aus eigener Schuld - in einer Art Sackgasse und kann sich solche Unternehmen vor lauter Bedenken, aus Angst, aus Phantasielosigkeit nicht mehr vorstellen, entwickelt er oft aggressive Gefühle gegen Menschen die zeigen, dass man durchaus anders kann - wenn man nur will. Kann man sich wirklich keine Yacht leisten, wenn man gerne segeln will? Kann man wirklich nicht einfach in die Karibik abhauen, wenn es einem danach ist?

Wie auch immer: Auch mit Ende 50 muss man sich nicht schämen, wenn einem klar wird, dass ein vierzehnjähriges Mädchen Vorbild sein kann. Laura hatte einen Traum, den sie realisieren wollte, und setzte sich gegen alle Widerstände durch. Toll! Laura ist nun 17 und könnte bei Managementseminaren Motivationspräsentationen machen.

Wenn ich mir im Nachhinein (klar, im Nachhinein: wenn man alles besser weiß) den Medienrummel im Vorfeld von Lauras Reise vor Augen führe, die Fotos von ihrer Abfahrt, die Fotografen und Filmleute, die sie umringen, die Mikrophone, die diesem kleinen Mädchen vor den Mund gehalten werden - da wird es einem schon klar, dass das nicht irgendeine Dreizehnjährige oder Vierzehnjährige war, die so dahin gesagt hat, dass sie um die Welt segeln will, sondern eine junge Frau, die schon in dieser Phase zur Genüge rüberbrachte, dass es ihr Ernst ist, dass man mit ihr rechnen muss, dass sie sich von Hindernissen nicht aufhalten lässt, und dass sie es schaffen kann. Und das haben ihr offenbar sehr viele schon damals abgenommen.

Ihre Fahrt war nicht als Weltrekordfahrt geplant, allerdings war es für sie schon ein Antrieb, die jüngste Einhand-Weltumseglerin zu werden. Im Gegensatz zu Jennifer Watson, mit der sie oft verglichen wird, die offenbar von der Welt nichts sehen wollte und eine Nonstop-Fahrt durchzog, hat Laura Dekker viele Zwischenstationen gemacht, hat sofort überall Bekanntschaften gemacht und Freundschaften geschlossen, auf Ausflügen mitgemacht, hat jederzeit Einladungen zu Essen auf anderen Yachten angenommen, keine Scheu gehabt, sich mit Vorträgen und Präsentationen Geld nebenher zu verdienen, und hat letztlich immer nur bewundernde Urteile von Menschen bekommen, die sie unterwegs getroffen haben. Es ist nicht sonderlich schwierig, die Blogs anderer Segler zu finden, die Laura unterwegs kennengelernt haben und tief beeindruckt waren.

Ab Dezember 2012 habe ich alle Blogs von Laura gesammelt, die Einträge sauber neu formatiert und chronologisch angeordnet, Interviews gelesen, Blogeinträge von anderen Weltreisenden gesammelt, die Laura unterwegs getroffen haben usw usf - und war begeistert: Diese junge Frau war und ist ganz nach meinen Geschmack. Klar, da war auch eine gewisse Mediengeilheit des Vaters oder der Familie (jedenfalls anfangs), da waren Sponsor-Interessen, da waren bei vielen Beteiligten Dollar- oder Eurozeichen in den Augen zu sehen - aber Lauras Verhalten war immer wieder erratisch und unberechenbar, von Lust und Interesse und Neugier und Freiheitsdrang bestimmt, nicht auf das schnelle Geld gerichtet. Deshalb sprangen immer wieder Sponsoren ab, und das angekündigte und schon lange beworbene Buch über ihre Fahrt ist immer noch nicht fertig.

Und Laura ist nicht in ihre "Heimat" zurückgekehrt, in den Schoß einer nicht existenten heilen Familie, sondern nach erfolgter Weltumseglung locker weiter in der Karibik rumgeschippert, diesmal mit einem Freund, wieder durch den Panamakanal in den Pazifik, wieder lange in Französisch-Polynesien unterwegs gewesen und im September 2012 dann nach Neuseeland gesegelt, um ihr Geburtsland zu ihrer nächsten (temporären?) Heimat zu machen. Der nicht seefeste Lover ist inzwischen natürlich auch Geschichte.

Immer wieder bekommt sie Einladungen zu Auszeichnungen und Ehrungen, und Laura fliegt nach Tokyo, nach Deutschland, auf die Kanaren, nach New York, besucht ihr Vorbild Tania Aebi in Vermont, tritt in berühmten Fernsehshows auf - und bleibt trotzdem unabhängig und unberechenbar. Es ist nicht an den Haaren herbeigezogen, zwischen Casanovas Leben und Lauras Leben gewisse Parallelen zu sehen. Nach zwei Monaten Beschäftigung mit Lauras Geschichte ist meine Begeisterung, mein Interesse noch nicht abgeflaut und ich schaue regelmäßig in ihrem Blog, was es neues gibt, was sie jetzt macht. Spannend das alles.

Klar, dass es auch Neider gibt, die es nicht glauben, dass Laura das tatsächlich alles allein geschafft hat. Da heißt es von Sesselhockern, die die Welt nur von ihren Laptopscreens zur Kenntnis nehmen, dass Laura nicht sonnenverbrannt genug ist (als ob man Farben am Bildschirm so gut beurteilen kann), dass Laura bei ihrer Ankunft in Sint Maarten nach der erfolgreichen Weltumseglung verdächtig locker und entspannt wirkte (als ob sie als Skelett und psychisch gestört von der Yacht hätte wanken sollen), dass es Filmaufnahmen von ihr während der Fahrt gibt (als ob es keine Selbstauslöser und automatischen Kameras gäbe) - man merkt einen Riesendruck, das Unternehmen von Laura klein zu reden oder ganz anzuzweifeln, mit einer unterdrückten oder offenen Aggressivität, der deutlich ein Selbstschutz anzumerken ist. Eine Sechzehnjährige, die nach einer 500-tägigen Weltreise entspannt und locker mit einer spürbaren innerlichen und äußerlichen Souveränität von ihrer Yacht springt, ist für den gemeinen Internetsurfer schon eine Provokation. Eine junge Frau kam da an, attraktiv, selbstbewusst, blendend aussehend, mit einer rassigen kurzen Jeans und engem Top, die es nicht nötig hat, mit Tatoos und Piercings auf sich aufmerksam zu machen, die nicht einmal Ohrringe trägt, der es reicht, jede Menge Stoffarmbänder zu tragen und statt einer Edel-Uhr eine Taucheruhr.

Ich bin gespannt, was sie als nächstes macht.

Leider ist (war?) Laura schon in die Hände von Managern gefallen, die aus ihr Gold schlagen woll(t)en und zum Beispiel Fotos oder Filmaufnahmen von ihrer Ankunft in Sint Maarten verbieten wollten. Hat zum Glück nicht so geklappt...
Jedenfalls fühle ich mich sicherer, hier KEINE Bilder von Laura zu zeigen. Es gibt genug im Internet zu finden.

 

08.01.2013
Neues Ölbild "Soldaten und andere". Mit meinem neuen Bild fertig geworden:

Soldaten und andere

"Soldaten und andere", 2013, Öl auf Hartfaser, 80cm x 60 cm

 

Mitte Dezember 2012 bis Anfang Januar 2013
Casanova, Geschichte meines Lebens, Band 1.

Casanova, gemalt von Anton Raphael Mengs

Giacomo Casanova (1725-1798), gemalt von Anton Raphael Mengs, um 1760

Ich habe das ganze Buch gelesen, umgerechnet etwa 600 Seiten. Das mache ich inzwischen nur noch dann, wenn ich das Gefühl habe, dass ich von der Lektüre einen Gewinn habe; blosser Spaß an der Lektüre reicht bei 600 Seiten nicht aus.

Was ist interessant am Buch, warum lohnt die Lektüre?

Zum einen wegen der Schilderung unterschiedlichster sozialer Schichten des 18. Jahrhunderts (Arme, Reiche, Klerus, Adel, ...). Das ist schon ein sehr buntes Panorama, was sich da auftut.

Dann natürlich Casanovas Charakter:
Seine enorme Unabhängigkeit, seine Fähigkeit, von jetzt auf nachher den Wohnort, das Land, das soziale Umfeld, den Beruf, die Frauen zu wechseln.
Nirgends, bei nichts und niemanden bleibt er hängen.
Er macht das nicht aus Langeweile, aus Gleichgültigkeit, sondern aus Neugier, aus Lust, er zieht Gewinn daraus.
Ein unglaubliches Selbstbewußtsein: Er weiß, dass er immer wieder auf den Füßen landet, deswegen kann er auch immer wieder neu anfangen, seine Komfortzone einfach mal wieder aufgeben. Er weiß, dass es überall Qellen der Lust und der Freude gibt.
Er hat auch keine Probleme damit, mal eine Zeitlang in einfachen Verhältnissen zu leben: Er arrangiert sich und findet meist auch da sein Vergnügen.
Abhängig von der Umgebung kann er auch ordinär werden (seine Zeit als Musiker).
An die Konsequenzen seiner Abenteuer denkt er nicht (uneheliche Kinder, "entehrte" Frauen).

Die fehlende dauerhafte Einbettung in einen sozialen Rahmen führt auf der anderen Seite dazu, dass sich Casanova mit 60 Jahren in Böhmen in eine kleine Bibliothekars-Stelle retten muss, wo er sich mit Gesinde um sein Essen balgen darf und wie ein lächerliches Überbleibsel aus einer vergangenen Zeit wirkt (das ist schön im Fellini-Film zu sehen).

Schade, dass es in der Gutenberg-Ausgabe (Übersetzer: Heinrich Conrad, 1911) keine Anmerkungen gibt. Andererseits: Man kann den Text auch einfach so lesen. Richtig vermisst habe ich die Stellenkommentare nicht. Was bringt es, das Geburts- und Sterbedatum der vorkommenden Personen zu wissen? Das hat nicht einmal Casanova interessiert.

Es war der erste längere Text, den ich komplett auf dem Amazon Kindle gelesen habe. Ein gewisses Gefühl der Distanz blieb immer da: Der Impuls, schnell etwas anzustreichen, einen Kommentar einzufügen, der liess sich nicht ausleben (klar, auch auf dem Kindle sind Anmerkungen technisch möglich; allerdings derartig umständlich, dass sie faktisch doch nicht möglich sind). Wie anders die vorangegangene Lektüre von Stifters "Witiko" als rtf-Datei auf dem Notebook: In die Datei konnte ich schnell eine Unmenge an Kommentaren eintragen und durch die bequeme Textsuche schnell bestimmte Passagen wiederfinden.

Aktuell überlege ich, ob ich die Vorlage meiner Kindle-Datei, also eine selbst-formatierte rtf-Version der Gutenberg-Dateien, noch einmal lesen soll, oder mir die neue Übersetzung von Sauter in der Albrechtschen Ausgabe besorgen soll.
Oder ob ich einfach mit dem zweiten Band weitermachen soll...

Zur Edition bei Gutenberg: Übersetzer Heinrich Conrad, Band 1, 1911

Zur Editionsgeschichte ganz brauchbar:
http://www.museumblumenstein.ch/files/casanova_geschichte_der_buchausgaben_seiner_memoiren.pdf

Netter älterer Text: http://www.zeit.de/1959/03/unter-den-bleidaechern-venedigs

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