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Journal 2009

15.11.2009
Ausstellung "Das irdische Paradies, Burne-Jones" in Stuttgart
1971 oder 1972 machten wir mit dem Kunstlehrer Lenz einen Klassenausflug nach Stuttgart. Dazu gehörte der Besuch der Staatsgalerie - ob es einen speziellen Anlaß gab, weiß ich nicht mehr. Auf jeden Fall sind wir an einer Reihe von Gemälden von Burne-Jones vorbeigekommen, und das Vorbeihetzen an diesen Bildern mit nackten Frauen führte zu etwas Gemurre, denn einige wollten gerade diese Bilder intensiver anschauen (nackte Frauen waren Anfang der siebziger Jahre noch nicht allgegenwärtig). Anläßlich dieser Klassenfahrt meine ich auch ein Leonard-Cohen-Songbook gekauft zu haben, in einem linken Laden, von einem Verlag "Rote Note". Nun ja, das fiel mir beim Thema "Burne-Jones und Stuttgart" als erstes ein.

Die aktuelle Ausstellung war sehr dünn besucht, obwohl die Besuchszeit nicht unattraktiv war (Samstag mittag).

Erster Eindruck: Riesen-Ausstellung, viele Bilder, ein Großteil des Erdgeschosses wird von ihr eingenommen.

In den Ausstellungsräumen wenig unterstützendes Material, knappe Texte, wenig zu konkreten Bildern. Zum Eintrittspreis gehört aber ein kleines Heftchen, welches genügend Informationen bietet. Leider müsste man dafür auch die entsprechende Zeit mitbringen, und man wird kaum ein Heftchen ganz durchlesen, wenn man nur eineinhalb Stunden Zeit hat.

Schnurrige Themen (für einen erwachsenen Künstler): Dornröschen, König Artus usw

Die Bilder wirken teilweise sehr dekorativ, bunte dichte Farben, teils wie grosse dichte Teppiche (Artus in Avalon), manchmal aber auch nur recht dünn und bläßlich.

Einige Riesenschinken darunter, z.B.: Der Schlaf des König Artus in Avalon, 1881-1898, Öl auf Leinwand, Museo de Arte de Ponce, The Luis A. Ferré Foundation, Inc., Ponce, Puerto Rico.

styx Am besten hat mir gefallen: "Souls on the Banks of the River Styx" (ca 1873) nach einer Szene von Vergil. Das Bild ist inhaltlich reduziert auf zwei Gegenstände: Die sich gegenseitig stützenden androgynen Seelen, die in einem hellen fahlen Weiß ohne Gesicht, aber sehr wohl mit Muskeln dargestellt sind. Und die Landschaft, die fast nur aus einem dunklen Grün besteht, über dem durch einige Kunstgriffe ein Nebel zu liegen scheint, und am Boden spiegeln sich in Pfützen die Ausläufer des Styx. Ganz eindrucksvoll, das Bild hat nichts dekoratives. Obwohl man kaum von Perspektive sprechen kann, reichen die spärlich eingesetzten Elemente aus, den Eindruck einer weiten Ebene zu erzeugen.

Dann auch noch "The Princess Tied to the Tree" (1866). Die Prinzessin wird gerade von ihren Begleiterinnen verlassen und ist als Opfer für den Drachen an einen Baum gekettet. Die hilflose Stellung, die ein bisher behütetes Prinzesschen besonders intensiv empfinden muss, rührt einem.

Und ein sehr breites aber nicht allzugrosses Gemälde mit seltsamer böcklinscher Stimmung, den Titel habe ich aus Zeitnot (wir waren an die Abfahrtszeit eines Zuges gebunden) nicht notiert.

Auf Fotos sieht Burne-Jones etwas murkelig aus, mit seinem Rauschebart hat er was Mönchisches (immerhin hat er ja einige Jahre Theologie studiert, bis er sich unter dem Einfluss seines Freundes William Morris entschloss, Künstler zu werden).

Diese Art von Kunst braucht Mäzene, die Geld haben, viel Geld. Nicht ganz unerwartet ist es, dass die Abnehmer der Gemälde in Schlössern und Palästen residieren und entweder Wirtschaftsbosse oder hohe Politker oder Adelige mit Grundbesitz sind. Dort hängen Burn-Jones Gemälde in Bibliotheken oder Esszimmern. Wo sollte man sonst auch ein Werk wie den Schlaf des Königs Artus mit über 6 Metern Länge und drei Metern Höhe ausstellen können? Die in einigen Belangen den Präraffaeliten vergleichbaren Nazarener hatten immerhin den Anspruch, für öffentliche Gebäude oder Kirchen zu arbeiten und mit ihren Bildern zu wirken. Die Riesenschinken der Präraffaeliten mit Themen aus Mythen, Legenden und Sagen sind inhaltlich unzeitgemäß, von sehr zweifelhafter Wirkungskraft (zu was auch?), aber teils sehr dekorativ und hübsch anzusehen. Die Wertschätzung des Handwerklichen zeigt sich unmittelbar in einer hohen Malkultur - darin sind sie den meisten Nazarenern überlegen.

Karikaturen hat Burne-Jones seit seiner Schülerzeit gezeichnet. Diese wirken immer noch frisch, passen aber auf dem ersten Blick nicht so ganz zu dem sich in nachdenklicher und entrückter Pose den Fotografen präsentierenden Burne-Jones. Ganz allerliebst die Karikatur von sich selbst mit den ungemalten Meisterwerken.

 

25.03.2009
Al Andaluz CD "Deus et Diabolus" des "Al Andaluz Project"

Die CD-Gestaltung mit dem eindrucksvollen Cover verspricht ein ambitioniertes Album, aber trotz der namhaften Interpreten will sich beim Anhören kein großer Genuß einstellen. Etwas dünn, etwas blaß - beinahe backfischhaft - kommt der Gesang daher, kein Vergleich mit der messerscharfen und leidenschaftlichen Stimme Montserrat Figueras', die mit dem von ihr mitbegründeten Ensemble Hesperion XX diese Art von Musik schon in den siebziger Jahren in bisher unerreichter Qualität interpretierte. Und natürlich praktizieren die Musiker im Umkreis von Hesperion XX (inzwischen Hesperion XXI) auch schon seit Jahrzehnten die Verschmelzung der jüdischen, arabischen und christlichen Musiktraditionen, was beim Al-Andaluz-Project als innovativ gefeiert wird.
Fehlende Dynamik, starke Betonung der Mitten (wo bleiben die Bässe, die tiefen Trommeln?), gleichförmige Hektik lassen schnell eine gewisse Monotonie aufkommen.
Eine CD, die man zweimal anhören sollte, aber kein drittesmal anhören muss.
Weitere Informationen zur CD: FolkmusicSMB.blogspot.com

 

22.03.2009

"Sammlung Peter Holzapfel" im Kartonmodellmuseum Heidelberg
vs.
"Die Schicksale der Stadt Ippsilon" von Walter Mehring

Betritt man das Kartonmodellmuseum, dann ist man erstmal erschlagen: DAS ALLES hat ein einzelner Mensch in seinem langen Leben geschaffen. Und noch mehr: Von den 120 Quadratmetern, die die eng gepackte Welt im Haus von Peter Holzapfel einnehmen soll, können im Kartonmodellmuseum nur etwa 40 Quadratmeter ausgestellt werden, aber auch die wirken schon umwerfend genug. Etwa 5000 Modelle sollen es sein, die der heute 88 jährige in 80 Jahren gebaut hat, und nicht nur gebaut: Selbst entworfen oder an Originalbauwerken gemessen, gezeichnet, konstruiert, gebastelt. Jedes Modell nummeriert, datiert, akribisch in ein Buch eingetragen.

Der beherrschende Turm von Babel, der bis in die Wolken respektive bis an die Raumdecke reicht, gibt offenbar eines der Motive dieses Lebenswerkes vor. Aber was treibt einen erwachsenen Mann an, einem Hobby, welches einem Jugendlichen das Gefühl von Macht gibt, in der Kombination mit einer Modellbahn fast schon eine demirurgische Befriedigung verleihen mag, einem Leben lang in einer beispiellosen Monomanie treu zu bleiben? Erwartungsgemäß hat Peter Holzapfel nie geheiratet, nie eine Fanilie gegründet. Im Berufsleben als Architekt (was auch anderes!) gut funktioniert, unter jedem politischen System unauffällig seine Arbeit getan. Zuhause gebastelt und eine Gegenwelt gebaut.

Was fehlt? Menschenfiguren. Diese Welt ist unbelebt. Im Original allerdings nicht, denn etwa 6 Kilometer Modellbahngleise sind in der Wohnung verlegt, auf denen sich in der Summe Züge in einer Gesamtänge von 160 Metern bewegen. Aber kein Mensch, nirgends. Nicht auf den Wegen, nicht in den Fenstern, nicht in den Parks.

Mich hat der Besuch der Ausstellung sofort dazu angeregt, eine meiner Lieblingsgeschichten von Walter Mehring, "Die Schicksale der Stadt Ippsilon" aus dem 1924 veröffentlichten Band "In Menschenhaut. Aus Menschenhaut. Um Menschenhaut herum" (mit Illustrationen von Rudolf Schlichter) noch eimal zu lesen.

Hier sind es gerade die vielen Figuren einer Miniaturstadt, die in den Augen und in der Phantasie der Betrachter zu leben und deren geheime Lüste und Leidenschaften auszuleben beginnen.

Zwei Ansichten aus der Ausstellung

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