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Journal 2021

Aufsatz zu V1319 Cyg

(28.02.2021) Mitte Januar habe ich einen Aufsatz über den Veränderlichen Stern V1319 Cyg für den BAV Rundbrief verfasst. Die Zeitschrift (BAV Rundbrief, 1/2021) ist inzwischen gedruckt, so dass ich den Aufsatz für meine Homepage formatiert habe und ihn nun auch hier veröffentliche: V1319 Cyg, eine neuer langperiodischerCepheide mit P=41,3d

Mondaufnahmen am 24.2.2021

(24.02.2021) Der Mond stand gerade günstig, deswegen eine Reihe von Aufnahmen gemacht. Allerdings: Die Luft war unruhig, und ich musste durch Fensterglas fotografieren. Hat trotzdem Spaß gemacht. Ein Beispiel:

Mondrand mit Schickard und Wargentin
Mondrand mit Schickard und Wargentin.
24.02.2021, 17h24UT, durch 140/500 Schmidt-Newton und 7mm-Okular
Samsung S7 mit Okularklemme befestigt.

Saharastaub Anfang Februar 2021

(12.02.2021) Beim Wiederlesen meines Geologiebuches von Rüdiger German: "Einführung in die Geologie" (Ernst Klett Verlag, 1985) finde ich im Kapitel IV.4 "Ablagerungen des Windes - äolische Sedimente" auf Seite 77 folgendes:

Zitat zum Saharastaub

Anfang Februar 2021 gab es mal wieder sehr weiträumig und zum Ärger vieler Autobesitzer weiträumige Ablagerungen von Saharastaub, auch in Heidelberg. Ich habe das als Anlaß genommen, etwas von diesem Saharastaub unter das Mikroskop zu legen, und tatsächlich: Verglichen mit normalen Sand sind diese Körnchen aus der Sahara winzig klein. Es gibt zwar unter ihnen auch einige größere Teilchen (vielleicht haben sie ein leichteres spezifisches Gewicht?), die durchschnittliche Größe der transportierten Körnchen bewegt sich aber zwischen 0,005mm und 0,015mm, und das ist wirklich sehr klein.

Saharastaub
Saharastaub unter dem Mikroskop, V=300x.
Smartphone freihändig hinter dem Okular.

Die Höhlenkinder - Fernsehserie von 1962

(22.01.2021) Kinderfernsehserie 10 Folgen, 1962. Drehbuch: Peter Podehl und Ulrich Schonger. Regie: Peter Podehl. Produktion Schongerfilm. Im Auftrag des WDR. Folgen: Intro von Peter Podehl; 1) Die Soldaten; 2) Die Hütte; 3) Das Boot; 4) Der heimliche Grund; 5) Die Höhle; 6) Die Jäger; 7) Die Stimme; 8) Das Feuer; 9) Der Fremde; 10) Der Abschied.

Die 10-teilige Fernsehserie "Die Höhlenkinder" lief 1962, zu einer Zeit, als die meisten Haushalte noch keinen eigenen Fernseher hatten. Ich habe als Kind daher nur zweimal kleine Ausschnitte bei Freunden gesehen, und deswegen auch keine nostalgischen Erinnerungen an die Serie. Aber als Fan von Robinsonaden und Survival-Geschichten in der Natur und schon seit jeher fasziniert von Höhlen ist mir das Thema immer präsent gewesen.

Höhlenmann
Ich zwei Wochen als Höhlenmann auf Hydra.
Griechenland, 1978

Bei YouTube habe ich drei der Episoden gefunden und angeschaut. Inhaltlich gibt es im Vergleich zur Buchausgabe markante Änderungen, wobei die Geschichte trotzdem stimmig ist:

Der Film ist behäbig gedreht, aber das, was auf YouTube vorhanden ist, kommt durchaus spannend daher. Die Flucht der Kinder mit dem Großvater wirkt manchmal wie eine Wanderung zum eigenen Schrebergarten, aber plötzlich ist immer mal wieder Gefahr da (deutsche Soldaten oder italienische Partisanen, die jeweils die Flüchtigen für Spione der Gegenseite halten).

Höhlenkinder, Flucht
Eva und Peter, noch mit Großvater, während der Flucht

Etwas überraschend, wie wenig Empathie für Verwandte aufgebracht wird: Unmittelbar vor der Flucht wird der Vater von Eva vor ihren Augen verhaftet, und alles spricht dafür, dass er hingerichtet wird. Aber kein Wort der Hoffnung, der Trauer von Eva oder ihrem Großvater: Das Schicksal des Vaters ist kein Thema. Auch das der Eltern oder der Verwandten von Peter in Breslau nicht. Peter weiß, dass Breslau heftig bomardiert wurde, aber das beunruhigt ihn nicht.

Vom Höhlenleben der beiden Kinder ist in den auf YouTube vorhandenen drei Episoden leider nichts zu finden. In der Episode 9 verirrt sich zwar ein deutscher Soldat zu ihnen, aber damit ist dann wohl schon vieles anders. Auch erfahren sie in dieser Episode, dass der Krieg vorüber ist und rüsten sich zur Rückkehr. Beide Kinder erscheinen übrigens auch hier in der neunten Episode wie aus dem Ei gepellt, man könnte geradezu einen Friseur oben im "Heimlichen Grund" vermuten...

Herzig die Kinder-Schauspieler, besonders Claudia Podehl als Eva. Sie kommt richtig sympathisch rüber.

Was soll man sagen... Wären auf YouTube alle Episoden vorhanden, hätte ich auch alle geschaut. Aber um die Serie ein einziges Mal anzuschauen, dafür ist mir die DVD dann doch zu teuer.

Haruki Murakami - "Wilde Schafsjagd"

(16.01.2021) Nach "Mister Aufziehvogel" und "1Q84" ist "Wilde Schafsjagd" der dritte Roman von Haruki Murakami, den ich lese - den autobiografischen Bericht "What I Talk About When I Talk About Running" zähle ich hier nicht mit. Und wieder folgt meine Lektüre dem gleichen Muster: Der Roman ist so spannend, dass ich kaum unterbrechen mag, und in kurzer Zeit bin ich durch (na ja, hier, bei 300 Seiten, waren es immerhin zwei Tage; die 1000 Seiten von 1Q84 Band 1 und 2 habe ich in drei Tagen gelesen, die 560 Seiten von 1Q84 Band 3 in zwei Tagen, den Aufziehvogel mit 765 Seiten auch in drei Tagen). Und dann kommen die Fragen... Hier, bei der "Wilden Schafsjagd" zum Beispiel diese hier:

Und so weiter. Ich habe also nach der Erstlektüre (Anfang Januar) das Buch noch einmal relativ langsam gelesen, bin Querverweisen nachgegangen, habe vor allem versucht, die Handlung (auch in ihrer zeitlichen Abfolge) zu verstehen. Und muss gestehen, dass trotzdem vieles dunkel geblieben ist - was nicht unbedingt schlecht sein muss.

Haruki Murakami, Wilde Schafsjagd
Haruki Murakami, "Wilde Schafsjagd", Köln 2005.
Aus dem Japanischen von Annelie Ortmanns.

Einiges mag der Arbeitsweise von Murakami geschuldet sein: Gerade bei "Wilde Schafsjagd" hat er, wie er in einem Gespräch mit dem Guardian erzählte, ohne Plan gearbeitet:

"It's kind of a free improvisation," he says of the method that still serves him well. "I never plan. I never know what the next page is going to be. Many people don't believe me. But that's the fun of writing a novel or a story, because I don't know what's going to happen next. I'm searching for melody after melody. Sometimes once I start, I can't stop. It's just like spring water. It comes out so naturally, so easily." The spontaneity and the "searching for melody" appear to relate to his interest in jazz; to him, this shows itself most clearly in the rhythms of his prose.

Daraus erklären sich zwanglos Passagen im Roman, die im Nirgendwo enden. Manche Fäden werden einfach liegen gelassen und nicht wieder aufgenommen, zum Beispiel die Geschichte von dem namenlosen Mädchen namens "Es war einmal ein Mädchen, das mit jedem schlief"[S.9].

Anderes gehört zu den immer wiederkehrenden Motiven bei Murakami, wobei diese Motive so auffallend sind, dass Grant Snyder für die New York Times sogar ein "Murakami-Bingo" gestaltet hat. Dann denkt man sich halt: OK, ohne dass x-mal im Buch gekocht ("Cooking") wird geht es halt nicht, genau so wie es ohne seltsame Frauen ("Mysterious Woman") oder irgendwas mit Ohren ("Ear Fetish") oder auch übernatürlichen Kram ("Supernatural Powers") nicht geht. So amüsant das klingt, so wahr scheint es zu sein.

Der "Held" des Romans kommt nicht sympathisch rüber. Er weiß ganz offenbar nicht, was er will, sein Leben läuft in einer Reihe von Zufällen ab, nur selten macht trifft er mal Entscheidungen. Ansonsten ist es ein Langweiler, der sich gefühlt auf jeder Seite eine Zigarette ansteckt oder eine Bierdose reinkippt. Trinkt er mal kein Bier sondern Kaffee, wird immer angemerkt, dass der nicht schmeckt (aber getrunken wird er trotzdem).

Klar, dass auch seine Beziehungen sehr oberflächlicher Art sind: Mit dem namenlosen Mädchen mit dem gemeinen (Spitz-)Namen hatte er eine Zeitlang eine Beziehung, das ging vorbei, und als er nach einigen Jahren von ihrem Tod erfährt, weiß er nicht einmal ihren Namen, geht aber zum Begräbnis. Danach betrinkt er sich und kommt erst nachts nach Hause, wo ihm seine Frau eröffnet, dass sie sich (nach vier Jahren Ehe) von ihm trennt. Er nimmt das natürlich hin wie alles, trinkt und raucht. So ähnlich scheint er sich in der Arbeitswelt eingerichtet zu haben, ohne Herzblut, ohne großes Engagement, aber immerhin halbwegs erfolgreich.

Am 24.7.1978 (einiges ist exakt datiert) sieht er nach vollzogener Scheidung seine Frau das letzte Mal, schon wenige Wochen später hat er eine neue Freundin, eine junge Frau mit besonders schönen und hinreißenden Ohren, die hellseherische Fähigkeiten hat.

Zwischendurch schließt er mit einigen Kapiteln in seinem Leben ab, seiner Heimatstadt zum Beispiel, die er nie wieder sehen will:

Danach gab es für mich keine "Heimatstadt" mehr. Bei dem Gedanken, dass nirgendwo mehr ein Ort existierte, an den ich zurückkehren muss, fiel mir ein Stein vom Herzen. Niemand will mich mehr treffen. Niemand verlangt mehr nach mir, und niemand wünscht sich mehr, dass ich nach ihm verlange.[S.82]
[...]
Alles, was ich besaß, war wertlos, alles, was ich getan hatte, sinnlos. Langeweile war das Einzige, was ich gewonnen hatte.[S82]

Und er bekommt zweimal Briefe von einem Studienfreund, die er aber eher desinteressiert - wie auch anders - zur Kenntnis nimmt. Aber letztlich kommt damit endlich Schwung in die Handlung.

In einem Brief liegt ein Foto von Schafen dabei, das er wunschgemäß bei einer Gelegenheit veröffentlicht (er ist beruflich mit der Herstellung von Werbemagazinen beschäftigt). Eines der Schafe ist etwas besonderes und ruft einen seltsamen Besucher auf den Plan (eine typisch murakamische Gestalt übrigens). Er bekommt den Auftrag, dieses Schaf zu finden, unter Androhung reichlich existenzbedrohender Konsequenzen. Immer noch schlaff macht er sich nicht ohne von seiner Freundin überredet zu werden mit ihr auf den Weg, die Spur führt nach Hokkaido, und dort in eine einsam gelegene Gegend. "Der Winter naht", seltsame Leute werden kennengelernt, die Gegend, wo die Schafsaufnahme gemacht wurde, wird gefunden, eine ganz skurrile Gestalt vertreibt die schöne Freundin, und aus ist's mit dem "Geschlechtsverkehr", der vorher alle paar Seiten genau so, als "Geschlechtsverkehr", immer brav protokolliert wurde, der Held ist nun allein, und es schneit immer mal wieder. Und endlich besucht ihn im Dunkeln der alte Freund und Briefschreiber, der allerdings eine Woche vor Ankunft des Helden Suizid machte, um die endgültige Übernahme durch das Schaf in sich (!) zu verhindern. Die murakamische Gestalt taucht auf, aber als letzten Liebesdienst für den sich aufgeopferten Freund hat unser Hampelmann eine Uhr aktiviert, über die gesteuert dann das Anwesen in die Luft gesprengt wird, als dieser Bursche dort ankommt, und sich dem Schaf anbiedern, das Schaf in sich aufnehmen will (dies angedeutet auf Seite 118).

Wie nicht anders zu erwarten bei diesem Kuddelmuddel: Als der Held zurück ist in der Zivilisation, hat er keine Frau, keine Freundin, keinen Freund, keinen Job, eigentlich nichts. Er heult zwei Stunden "wie ich noch nie in meinem Leben geweint hatte [S.297]" und läuft dann irgendwohin. Und ich hoffe inbrünstig für ihn, dass er als naheliegendste Lösung nicht nur wieder raucht und Bier trinkt.

Aber ach je: Es ist trotzdem so ein tolles und spannendes Buch. Sogar eine dritte Lektüre könnte ich mir vorstellen. Vorerst habe ich das Gefühl, für einige meiner offensichtlichsten Fragen annehmbare Antworten gefunden zu haben, vielleicht überstehen diese auch eine dritte Lektüre, vielleicht aber auch nicht. Tolle, lege! Amen.

Yuval Noah Harari, Daniel Casanave - "Sapiens. Der Aufstieg"

(12.01.2021) Mit "Eine kurze Geschichte der Menschheit" ist Yuval Noah Harari ein Weltbestseller mit über 10 Millionen verkauften Exemplaren geglückt. Das Buch wurde in rund 50 Sprachen übersetzt und von einer ganzen Reihe von berühmten Lesern zur Lektüre empfohlen. Und es ist wirklich gut! Die Folgebände von Harari ("Homo Deus", "21 Lektionen für das 21. Jahrhundert") erreichten zwar nicht diese Auflage, aber auch sie wurden in Millionen von Exemplaren verkauft und in Dutzende von Sprachen übersetzt. Harari ist damit zu einer intellektuellen Institution geworden und wird deswegen gerne interviewt oder zu Diskussionen eingeladen und zur "Lage der Welt" befragt. Es lag nahe, die mit dem ganzen Rummel verbundenen Aktivitäten über eine Organisation zu bündeln und zu betreuen, und deswegen ist Harari dem Vorschlag seines Ehemannes Itzik Yahav gefolgt und hat mit ihm zusammen "Sapienship" gegründet. Die Erleichterungen, die er durch die Unterstützung des 15-köpfigen Teams erfährt, hat er in einem lesenswerten Gespräch mit Tim Ferriss anschaulich geschildert.

Harari, Casanave, Sapiens Aufstieg

Es lag nahe, den Inhalt von "Eine kurze Geschichte der Menschheit" - obwohl einfach zu lesen - auch für andere Leserschichten zu erschließen. Das Ergebnis liegt seit einigen Monaten vor, es ist der erste Band einer auf vier Bände angelegten Comic-Adaption. Allein schon dieser erste Band kommt auf fast 250 Seiten, das Unternehmen wird also etwas dauern (und in der Summe dem Leser wohl 100 Euro kosten). Der Zeichner Daniel Casanave ist kein Unbekannter, ich habe von ihm die dreibändige Comic-Adaption von Franz Kafkas "L'Amérique", der Mann hat also einen ausgewiesen langen Atem. Bei der Adaption des Textes für den Comic hat David Vanderbeulen unterstützt, die Zeichnungen Casanaves wurden durch Claire Champion koloriert. Das Ergebnis kann sich inhaltlich und äußerlich sehen lassen.

Inhaltlich orientiert sich "Sapiens" eng an der Textausgabe, und zwar am Teil 1 "Die kognitive Revolution". Die dort genannten Kapitel

  1. Ein ziemlich unauffälliges Tier
  2. Der Baum der Erkenntnis
  3. Ein Tag im Leben von Adam und Eva
  4. Die Sintflut

haben im Comic nun die Überschriften

  1. Rebellen der Savanne
  2. Meister der Fiktion
  3. Sex, Lügen und Höhlenmalereien
  4. Interkontinentale Serienmörder.

Natürlich wäre eine gleichförmige Bilderzählung zu langweilig geworden, deswegen wird bei der Erzählung mit verschiedenen Inszenierungen gearbeitet, mit Interviews, mit Vorträgen, als Film und so weiter. Stilistisch wird die Haupterzählung aufgelockert mit einer Art Vintage-Helden-Comic, mit Zitaten bekannter Gemälde (Alex Colville, Arnold Böcklin und anderen), mit einer Art Filmerzählung, mit Ausschnitten aus Filmen.

Harari, Casanave, Sapiens Aufstieg

Die Protagonisten sind nicht die üblichen männlichen weißen Wissenschaftler, die alles wissen und alles erklären, sondern es wird auf Geschlechtergerechtigkeit und Rassengerechtigkeit geachtet (eine Hauptrolle hier im ersten Band spielt zum Beispiel die Biologin Arya Saraswati, daneben der sympathische Weintrinker Robin Durham, ein Kommunikationsforscher, der während eines Gesprächs mehr als eine halbe Flasche Wein trinkt, die Anthropologin Franziska Duarte dos Santos aus Brasilien und weitere teils bunte Figuren. Die Hauptperson Yuval Noah Harari (vegan, homosexuell, mit einem Mann verheiratet) ist auch wohltuend anders als der typische weiße Wissenschaftler.

Der Inhalt ist sorgfältig und spannend dargestellt, ganz deutlich ist, dass die Wissensvermittlung ein hohes Ziel ist. Schon der schiere Umfang des Comics zeigt ja, dass er keinesfalls als Kurzfassung oder als "management summary" zu betrachten ist. Auch die Übersetzung ist sorgfältig und gelungen. Das Buch ist also für nahezu jeden Leser mit Genuß und Gewinn zu lesen, auch für diejenigen, die schon das dicke Buch gelesen haben.

Walter Kempowski - "Tadellöser & Wolff" und Lars Bardram - "Stellenkommentare zu Tadellöser & Wolff"

(04.01.2021) Kempowski habe ich erst 2019 für mich entdeckt (als ich "Aus großer Zeit" gelesen habe). Eine gewisse Arroganz hielt mich vorher davon ab, diesen "Bestsellerschreiber" zu lesen. Im "offenen Bücherregal" unseres Stadtteils fand ich im Herbst 2020 dann Kempowskis wohl bekanntesten Roman, den "Tadellöser & Wolff", und habe ihn gleich gelesen. Im November begann ich die zweite Lektüre, diesmal parallell mit dem auf der Webseite des Kempowski-Archivs verfügbaren Stellenkommentar von Lars Bardram. Dieser erstmals 2016 veröffentlichte Stellenkommentar (mit inzwischen 272 Seiten) ist "work in progress", ich benutzte die Ausgabe von Mai 2020, inzwischen gibt es eine wiederum erweiterte Fassung vom Januar 2021, in der glücklicherweise die Ergänzungen zur vorherigen Ausgabe mit Sternchen markiert und deswegen leicht aufzufinden sind. Nach der Erfahrung mit der parallelen Lektüre kann ich Bardrams Kommentar nur wärmstens empfehlen.

Kempowski, Tadellöser & Wolff

"Tadellöser & Wolff" ist ein gleichermaßen tolles und bedrückendes Buch. In kurzen Textblöcken wird quasi wie in einem Fotoalbum ein Blick auf Ereignisse, Personen oder Gedanken geworfen und alles montiert zu einer lebendigen und letztlich auch spannenden Zeitgeschichte. Diese Geschichte von unten, aus dem Blickwinkel eines Jugendlichen, ist weit entfernt von der typischen Geschichtsschreibung mit Königen, Kaisern und Politikern, zeigt aber sehr genau, was "unten" ankommt. Und das ist bedrückend: Unaufhaltsam wird hier eine Gesellschaft immer weiter ihrer Rechte beraubt, der einzelne immer weiter in Pflichten eingebunden, der Widerstand immer schwieriger und letztlich lebensgefährlich. Und das alles gesteuert von einer gar nicht mal so großen Clique skrupelloser Politiker, skrupelloser Armeeführer, skrupelloser Wirtschaftsbosse und skrupelloser Schreibtischtäter. Und von einer großen Meute genauso skrupelloser und beflissener Mitläufer mitgetragen und verstärkt. Dass auch die (bürgerlichen) Opfer dieser Politik keine Unschuldsengel sind, steht auf einem anderen Blatt, bestes Beispiel die in ihrer extremen politischen Naivität auf ihre Art genau so skrupellose und mitleidslose und gleichermaßen selbstgerechte Mutter Kempowski. Automatisch steht natürlich die Frage im Raum: Wer hätte das alles auf welche Weise verhindern können? Ein individueller Widerstand erscheint im Kontext dieser politischen Maschinerie von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Das ganze Buch schildert also nicht nur, es ruft auch dazu auf, drohenden Entwicklungen frühzeitig zu begegnen, politisch wach zu sein. Es macht auf eine dringliche Art sehr nachdenklich.

Dass Kempowski hier auch eine Familiengeschichte schreibt, ist zweitrangig. Er ist die Hauptperson dieses von März 1938 bis zum 1.5.1945 (die Russen dringen in Rostock ein) reichenden paradigmatischen Zeitgemäldes, es könnte aber auch jeder andere bürgerliche Jugendliche in anderen deutschen Städten sein.

Ich kann mir inzwischen gut vorstellen, die komplette "Deutsche Chronik" von Kempowski zu lesen. Ein toller Schriftsteller, und überraschend humorvoll.

Carmen Rohrbach - "Jakobsweg. Wandern auf dem Himmelspfad"

(03.01.2021) Ich habe dieses Buch über den Jakobsweg gelesen, weil mir der Busen der Autorin so gut gefallen hat (auf einer alten Aufnahme und auch nur im Bikini). Dieses Geständnis ist nicht political correct, das gebe ich gerne zu, allerdings ist es auch nur die halbe Wahrheit: Eine sehr gute Freundin macht seit fast zwei Jahrzehnten jedes Jahr eine zweiwöchige Wanderung auf einer der vielen Etappen des Jakobsweges, es lag also nahe, einmal einen Reisebericht über so eine Wanderung zu lesen. Wie ich auf Carmen Rohrbach gekommen bin, das weiß ich nicht mehr, dass ich letztlich ihr Buch gewählt habe, lag aber am Busen...

Carmen Rohrbach, Jakobsweg

Carmen Rohrbach war im Frühsommer 1991 unterwegs. Schaut man sich die Statistiken zum Jakobsweg an, so kamen Anfang der neunziger Jahre jährlich gerade einmal rund 10000 Pilger (nennen wir sie mal so) in Santiago de Compostela an. Inzwischen (und nicht wegen Harpe Kerkeling, der nur die deutschen Pilger beeinflusste, die aber nur einen kleinen Teil der Wanderer ausmachen) liegen die Zahlen deutlich über 300000, dem 30-fachen, und nur COVID hat 2020 für einen Einbruch bei den Zahlen gesorgt. Die Wanderung wie von Carmen Rohrbach geschildert wird man also so nicht mehr nachvollziehen können, sie ist ein Massenphänomen geworden. Das ganze Übernachtungs- und Bewirtungswesen und der Kontakt mit den Einheimischen in den ländlichen Gegenden hat einen anderen Charakter angenommen.

Carmen Rohrbach, und das macht ihre Wanderung für mich interessant, ist nicht aus religiösen Motiven unterwegs. Sie übernachtet auch sehr oft im Freien (was mir früher auch gut gefiel), und sie will tagsüber alleine gehen, Begleitung lehnt sie ab. Ihre fehlende Religiosität hält sie aber nicht davon ab, für viele kleine romanische Kirchen oder Klöster teils weite Umwege zu machen und mit viel Verständnis die Architektur und deren Wirkung zu beschreiben. Natürlich sind solche Beschreibungen und die Schilderung geschichtlicher Zusammenhänge eher Sache eines normalen Reiseführers, aber Carmen Rohrbach hat einen durchaus eigenständigen Blick. Einen weiteren Schwerpunkt bilden die Naturbeschreibungen, wobei Vögel für die promovierte Biologin ein besonderes Steckenpferd zu sein scheinen.

Ihre Begründung für diese Wanderung, für dieses Ziel, fällt etwas dünn aus, sie schreibt selber, dass sie auch andere Ziele hätte angehen können, aber der Camino sollte es sein. Warum? Das wird nicht ganz klar.

Doch was mag mich in heutiger Zeit dazu bewegen, eine Fußwanderung zum heiligen Jakobus zu unternehmen? Ausgerechnet ich, die niemals beten gelernt hat, nicht mal getauft ist und Kirchen nur betritt, um sie zu besichtigen oder gegebenenfalls darin zu übernachten? Noch weiß ich es nicht. Während der Wanderung hoffe ich mehr Klarheit zu bekommen. Ich bin aufgebrochen, um Antworten zu finden, Auskünfte über mich selbst. Was ich bin, was ich soll, wie ich weiter leben kann. Aber warum ausgerechnet eine Pilgerreise? Wenn ich Zeit zum Überlegen nötig hätte - und beim Gehen denkt es sich am besten -, könnte ich doch auch das Nordkap oder die südlichste Spitze von Europa zum Ziel wählen. Aber als ich von Santiago de Compostela hörte, stand für mich fest, das solltest du tun, da mußt du hin. Ich bin ziemlich Hals über Kopf aufgebrochen, es war schon eher eine Flucht. Am Morgen, als ich aufwachte, es war der 18. Mai, wußte ich noch nicht, daß ich gerade an diesem Tag losgehen würde.[S.8]

Bei dieser wachsweichen Begründung ist es kein Wunder, dass der Zielort Santiago de Compostela nicht als wirkliches Ziel empfunden wird und die Autorin weiterwandert nach Finisterre (das klingt ja auch so schön), aber ist das wirklich ein befriedigender Abschluss einer doch recht strapaziösen und langen Wanderung über 1000 Kilometer?

Von Santiago de Compostela hatte ich Abschied genommen. Eine wichtige Erfahrung für mich, doch konnte sie nicht der Abschluß meiner Pilgerreise sein. Ich glaube, erst wenn ich das »Ende der Welt«, Finisterre, erreiche, wird sich mein Unterwegssein wirklich mit Sinn erfüllen. Ich denke darüber nach, was die Bezeichnung »Ende der Welt« für mich bedeutet. Es klingt nach absolutem Ende: Ende der Welt - Ende des Lebens. Das ist aber für mich keine schreckliche Vorstellung. Nicht mehr als Lebewesen existent zu sein, ist für mich ein befreiender Gedanke. Die Auflösung ist eine Erlösung von der Verantwortung als Individuum. Meine Substanz als Einzelwesen kann sich dann überallhin verteilen, in alles einfließen, wieder dem Gesamten angehören. Aber solange ich lebe, will ich so individuell sein, wie es nur mir allein möglich ist. Ich will meinen Weg gehen, der mein ist und nur der meine sein kann. Unterwegs auf meinem Lebensweg möchte ich Menschen begegnen, aber ich kann niemandem folgen und will keinem erlauben, mir zu folgen. Vor meiner Pilgerschaft hatte ich mich noch gegen diese Bestimmung gesträubt. Ich bin mir unterwegs immer sicherer geworden, daß ich allein leben muß und will.

Muss man für diese und die folgenden "Erkenntnisse" so weit gehen?

Es ist immer nur ein einziges Lebenskonzept, das ich mir ausmale. Meine Vorstellung sträubt sich gegen eine seßhafte Lebensweise, gegen Dauer und Beständigkeit.

Aber natürlich hat Carmen Rohrbach einen festen Wohnsitz in sehr attraktiver Lage bei München, von da aus macht sie ihre Reisen - ist das nicht etwa doch zur Hauptsache "seßhaft"? Nebulös auch dieses Résumé:

Realität und Traum. Wirklichkeit und Wunschvorstellung. Ich könnte nicht leben ohne das eine und das andere. Ich brauche die Welt, wie sie wirklich ist und wie ich sie mir ausdenke. Ich muß unterwegs sein, nicht um anzukommen, sondern um immer wieder neu mich selbst zu finden und zu erfinden.

Dann lobt man sich doch lieber die etwas handfesteren Einsichten wie diese zum Verhältnis von Pilgern und Komfort:

Der Pilgerweg wird seine Wirkung verlieren, wenn tatsächlich eine Kette komfortabler Refugios aneinandergereiht werden. Es ist dann ein Fernwanderweg wie jeder andere. Pilgern bedeutet auch, Entbehrungen auf sich zu nehmen, also die Mühsale des Weges zu ertragen: Hunger, Durst, Kälte, Hitze, ein hartes Lager, Erschöpfung. Wer sich diesen Plagen stellt und sie überwindet, erfährt eine Art Läuterung und Bewußtwerdung. Selbstverständliches ist plötzlich nicht mehr selbstverständlich. Man merkt, wieviel Kraft es kostet, mit Unbequemlichkeiten fertig zu werden, aber nach der Überwindung erhält man vielfache Kraft zurück. Es sind elementare Erlebnisse, die so im Alltagsleben nicht erfahrbar sind. Deswegen ist der Pilgerzug für jeden eine seine Persönlichkeit beeinflussende Erfahrung. Darum sollten Herbergen wie in Santo Domingo eine Ausnahme bleiben.

Trotz aller Mäkelei habe ich das Buch aber gerne gelesen und kann es empfehlen.


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