Home, Journal, Kunst, Literatur, Musik, Astronomie, Pforr-Material, Links

Journal 2021, 2020, 2019, 2018, 2017, 2016, 2015, 2014, 2013, 2012, 2011, 2010, 2009, 2008, 2007, 2006, 2005, 2004, 2003, 2002


Journal 2021

Jonas Jonasson - "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand"

(13.4.2021) Dieser Debütroman von Jonasson erschien 2009 in Schweden und entwickelte sich schnell zum internationalen Bestseller. 2011 erschien das Buch in Deutschland und war 31 Wochen lang auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste. Ich habe die Taschenbuchausgabe des btb im öffentlichen Buchregal unseres Stadtteils gefunden, da, wo Bestseller gerne mal enden. Obwohl ich nach der Lektüre von Jonassons zweitem Roman "Die Analphabetin, die rechnen konnte" (gelesen 2015) nicht vorhatte, noch ein Werk des Autors zu lesen, habe ich mir seinen Debütroman doch vorgenommen und in einigen Tagen so nebenher durchgeschmökert. Die Lektüre ist kurzweilig, durchaus unterhaltsam. Auch die Morde der Helden sind unterhaltsam und lustig. Auch wenn Allan Karlsson (die Hauptperson) ein ganzes Untersuchungsgefängnis samt politischen Gefangenen und dem Wachpersonal in die Luft sprengt ist es unterhaltsam. Sogar als er, der später Hundertjährige, ganz Wladiwostok in Schutt und Asche legt (zugegebenermaßen unabsichtlich), ist das Buch unterhaltsam. An die Opfer wird keinen Moment gedacht - so kommt man mit einer lockeren Lebenseinstellung unangefochten durchs Leben. Wäre er Däne, würde man wohl von "Hygge" sprechen, aber vielleicht haben die Schweden ja auch so eine "Happy-go-lucky-Philosophie" auf Lager.

jonas jonasson, der hundertjährige

Die Kehrseite so einer Philosophie und Geschichte ist aber eben, dass alles reichlich seicht und flach daher kommt: Nichts ist ernst zu nehmen, die Sammlung von Unwahrscheinlichkeiten und Gags durchleben Held und Leser wie in einer Hängematte, sogar im Gulag geht's einem noch ganz gut.

Aufgebaut ist das Buch recht geschickt: Mit genauer Datumsangabe werden kapitelweise die Abenteuer des Hundertjährigen in der Gegenwart geschildert, beginnend am 2.Mai 2005, wobei der alleswissende Erzähler natürlich auch schon die Zukunft kennt und manchmal vorgreift. Und abwechselnd gibt es immer wieder Kapitel, die das vergangene Leben des Hundertjährigen schildern, von der Kindheit bis zum unfreiwilligen Eintritt in das Altersheim. Was sich in diesen einhundert Jahren alles abspielte hat natürlich schon seinen Reiz: Karlsson war nacheinander an beiden Fronten des Spanischen Bürgerkriegs aktiv, rettete Franco das Leben, fuhr gut versorgt in die USA, kam beim Los-Alamos-Projekt unter und konnte (als Kellner, der sich in einer Besprechung der Physiker zu Wort meldet!) Oppenheimer beim Bau der Atombombe entscheidende Hilfestellung leisten, wurde dadurch Freund des späteren Präsidenten Harry Truman, der ihn nach China schickt, um die Kommunisten... und so weiter und so fort - letztlich war also Allan Karlsson eine prägende Gestalt des 20. Jahrhunderts. Aber das alles liest sich halt doch ganz nett.

Nach der Lektüre von "Die Analphabetin, die rechnen konnte" war es leicht, wiederkehrende Muster zu finden (wobei meine Lesefolge umgekehrt war - ich habe den Debütroman erst nach dem zweiten Roman gelesen). Zum Beispiel die Schelmenroman-Freundschaften: Die Gruppe von lebensgeniessenden Freunden um Allan wird immer größer, und wer liest so etwas nicht gern? Und eben auch die wahnsinnstolle Biographie mit den illustren Bekanntschaften und Freundschaften. Wobei Nombeki Mayeki (die Heldin aus "Die Analphabetin, die rechnen konnte") nicht so bombastische Bekanntschaften schliesst und weltbewegende Auftritte hat wie unser Allan Karlsson. Gut, sie hat zu Ende ihres Romans auch noch keine hundert Jahre auf dem Buckel.

Jetzt werde ich aber wohl wirklich nichts mehr von Jonas Jonasson lesen (hm...?).

Friederike Gräff - "Schlaf"

Friederike Gräff, Schlaf, Reclam

(02.04.2021) Dieses Buch aus der Reihe Reclam 100 Seiten ist überraschend gut und vielseitig. Man glaubt kaum, dem Thema "Schlaf" auf 100 Seiten auch nur annähernd gerecht werden zu können, aber Friederike Gräff hat es geschafft, nicht nur die üblichen Verdächtigen (Schlafphasen, Schlafdauer, Sinn des Schlafs, Träume und ihre Bedeutung usw) knapp anzureißen, sondern auch Themen anzusprechen, die man sonst eher selten im Kontext Schlaf behandelt findet.

Die Vielfalt der behandelten Themen, die zugegebenermaßen nur angerissen werden können (100 Seiten!!), macht das Büchlein zu einer Fundgrube für Interessierte. Die Lektüretipps sind knapp gehalten, enthalten aber einige interessante Einträge, und wohl absichtlich nichts von dem so von ihr genannten "Wanderprediger" in Sachen Schlaf, von Matthew Walker, demzufolge wir wohl alle 50% länger schlafen müssten, als wir's tun.

Matthias Egeler - "Der Heilige Gral"

(30.03.2021) Matthias Egeler, "Der Heilige Gral. Geschichte und Legende". C.H.Beck Wissen, München 2019. 128 Seiten.

Was haben höfische und christliche Dichtungen des 12. Jahrhunderts, Wolfram von Eschenbachs "Parzifal" und Wagners "Parsifal", Hitler und Himmler, Dan Brown und Marion Zimmer Bradley, Indiana Jones oder die Religion der "Großen Göttin" gemeinsam? Sie sind fasziniert von einem Gral, der mal heilig und mal pagan verstanden wird, der mal für gedeckte Tische sorgt und mal einen König legitimiert, der oft mit Blut zu tun hat und häufig für völkische Ideen vereinnahmt wird.

Matthias Egeler. Der heilige Gral

Matthias Egelers "kurze Einführung" ist ein fantastisches Buch, das man ungern aus der Hand legt. Er geht die frühesten literarischen Stellen durch (beginnend beim Versroman "Perceval" des Chrétien de Troyes aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts samt Schilderung der Tradition, in der dieser Text steht), beschreibt die verschiedenen Fortsetzungen und inhaltlichen Verschiebungen von ritterlichen Ehrencodizes bis hin zur christlichen Entsagungsmoral und dem ganzen Sünden-Gedöns, erklärt, warum das Thema in der Renaissance keine große Rolle spielt, aber in der Neuzeit wieder unter unterschiedlichsten Blickwinkeln populär wird, und so unterschiedliche Geister wie William Morris, Alfred Lord Tennyson, Richard Wagner und in dessen Kielwasser Adolf Hitler, Otto Rahn und seinen Auftraggeber Heinrich Himmler fasziniert, sowie Bestsellerautoren wie Dan Brown oder Marion Zimmer Bradley anregt und nicht zuletzt Steven Spielbergs "Indiana Jones" ein wildes Abenteuer erleben lässt. Wichtige Texte wie zum Beispiel der Versroman "Perceval", Tennysons "Holy Grail", Wagners "Lohengrin" und "Parsifal" und andere werden teils ausführlich nacherzählt.

Geschrieben ist das Buch in einer wohltuend konzisen Sprache, der alles blumige und ausschweifende fremd ist, für die das Thema vielleicht anfällig ist. Es ist somit ein Beispiel, wie sich ein vordergründig altmodisches Thema als ungemein spannend und kulturhistorisch bedeutsam darstellen lässt, ohne die sachliche Ebene zu verlassen.

Hier noch das Inhaltsverzeichnis:

  1. Vom Mythos zum Mysterium:
    die frühe Artusliteratur, Chrétien de Troyes und die Frage keltischer mythologischer Wurzeln des Grals
  2. Der Gral als christliches Symbol und als Ziel ritterlicher Suche:
    von Robert de Boron bis zu den großen Gralszyklen
  3. Mittelalterbegeisterung und Gralsschwärmerei:
    der Gral von seiner Wiederentdeckung bis zum Ersten Weltkrieg
  4. Zwischen Wiederkehr des Mythos und Trivialisierung:
    der Gral vom 20. Jahrhundert bis in die Gegenwart
  5. Ausblick:
    Versatilität und Gegenkultur

Dazu gibt es ein Vorwort, Leseempfehlungen, ein Abbildungsnachweis und ein hilfreiches Register.

Petron - "Satyrica"

(25.03.2021) Übersetzt und herausgegeben von Karl-Wilhelm Weeber. Reclam 2018. 297 Seiten.

Das Bändchen hat alles, was man von einem guten Buch erwartet: Einen interessanten, lustigen, geistvollen Inhalt, eine lebendige moderne Übersetzung ohne Angst vor expliziten Stellen, ausführliche Anmerkungen (immerhin 70 Seiten in kleiner Type), ein hilfreiches Nachwort, eine kurze Inhaltsübersicht. Das einzig negative ist das, was es zu einem "Bändchen" macht: Das absolut nicht mehr zeitgemäße Mini-Format der "Universal-Bibliothek", die kleine Schrift, die engen Zeilenabstände, die schmalen Seitenränder (die eigene Anmerkungen kaum zulassen), der Druck bis 5mm an den Falz heran, weswegen das Bändchen immer feste auseinander gedrückt werden muss. Dieser Band hat eine bessere Ausgabe verdient als gerade eine Reclam-Ausgabe. Nach 75% der Lektüre war ich kurz davor, die ebook-Version zu bestellen.

Petron, Satyrica, reclam

Ich habe vor einigen Jahren alle online verfügbaren Petron/Petronius-Texte gesammelt (in unterschiedlichsten Übersetzungen), für den Kindle formatiert und auf dem Kindle gelesen. Diese von Karl-Wilhelm Weeber herausgegebene Übersetzung ist wesentlich besser als alles, was ich damals gelesen habe. Der Text ist zeitlos, eine Mischung von Schelmenroman, Satire, Sex und Crime, gemischt mit poetischen Ergüssen (von Eumolp) und mit interessanten philosophischen Hintersinn. Herrlich die Verwirrungen am Schluß, als Enkolp (der Ich-Erzähler) unter Impotenz leidet und von einer alten Hexe geheilt werden soll. Meine frühere Lektüre geschah ohne Anmerkungen, bei der Lektüre dieser Ausgabe war aber deutlich zu spüren, was ein gründlicher und trotzdem ausgewogener Kommentar an Mehrwert bietet, der ist hier wirklich viel wert.

Ich kann die Ausgabe also wärmstens empfehlen, aber vielleicht sollte jemand mit älteren Augen eher zur ebook-Ausgabe greifen.

Adelbert von Chamisso - "Briefe von Chamisso an Hitzig während der Reise um die Welt. 1815-1818"

(20.03.2021) Chamissos Briefe an seinen Freund und Herausgeber Hitzig finden sich in "Adelbert von Chamisso's Werke, Vierte Auflage, Sechster Band, Berlin 1856, herausgegeben von Julius Eduard Hitzig", S.3-68. In dieser Ausgabe von Chamissos Werken wird der Vorname Chamissos immer als "Adelbert" geschrieben, nicht wie heutzutage üblich "Adalbert".

Man erfährt nicht wesentlich viel sachlich neues zur Weltreise mit der Rurik unter Otto von Kotzebue als in seiner bekannten Reisebeschreibung, die Briefe sind aber natürlich um die persönliche Sphäre erweitert, und manches kritische Wort kann er in Briefen eher unterbringen als in einer gedruckten Reisebeschreibung an ein großes anonymes Publikum. Von daher habe ich die Lektüre als Ergänzung zu der schon einige Jahre zurückliegenden Lektüre der Reisebeschreibung gerne gelesen. Manchmal nehmen die Klagen und das Selbstmitleid etwas überhand, auch die Gedichte für Kitzig tragen etwas dick auf mit dem Lob der Freundschaft und den ständigen Anspielungen auf den Tod und das Nachleben. Da muss man bei Chamisso eben drüber wegsehen. Die Briefe beginnen zeitlich etwas vor der Reisebeschreibung und malen da manche interessante Episode etwas weiter aus, zum Beispiel die Anekdote mit dem Hamburger Matrosen, der sich bei der Robben- und Walfischjagd oft in arktischen Gebieten aufhielt und nach dem Untergang eines Schiffes 17 Hungertage auf dem Eis zubrachte und dann in Grönland 17 Monate unter Eskimos lebte. Von 600 Mann Besatzung kamen 120 Mann zurück.

Albert Zink - "Ötzi"

(16.3.2021) Ich habe mich so oft über die winzigen Reclam-Heftchen (Buch kann man zu diesen kleinen dünnen wabbeligen Dingern ja kaum sagen) mit ihrer kleinen Schrift geärgert, dass ich mich regelrecht überwinden musste, eine Bestellung aufzugeben (selbstverständlich in einem Buchladen). Obendrein kannte ich die Sonderreihe 100 Seiten für 10 Euro noch nicht und brummte ob des gefühlt viel zu hohen Preises. Aber immerhin bietet Reclam auf seiner Webseite zum Buch eine Voransicht der ersten 25 Seiten an, und der erste Eindruck war so beeindruckend, dass ich über den Schatten früherer Schwüre sprang und mir einige Bändchen bestellte.

Albert Zink, Ötzi

Zunächst zum Äußerlichen: Die Sonderreihe "100 Seiten" ist ein einem größeren Format als die normale Reihe: 115mm x 170mm zu 96mm x 148mm bedeuten fast 40% mehr Fläche. Der Satzspiegel beträgt nun 85mm x 131mm zu 79mm x121mm, das ist ein Zuwachs von etwa 17%. Nur noch 31 Zeilen stehen 33 enggedrängten Zeilen der normalen Ausgabe gegenüber: Es ist also weniger Text auf einer größeren Fläche vorhanden, was der Leserlichkeit aber deutlich entgegen kommt. Endlich kann man auch einige Anmerkungen zum Text machen. Und auch das verwendete Papier ist kräftiger. Insgesamt also eine deutliche Verbesserung - jedenfalls in meinen und für meine Augen.

vergleich reclam normal und 100seiten
Vergleich Reclam-100Seiten (Hintergrund) und Reclam-UB (Vordergrund)

Inhaltlich wurde der erste Eindruck noch übertroffen: Dieses Buch (den Ritterschlag mache ich jetzt, es ist kein Büchlein oder Bändchen oder gar Heftchen mehr) ist inhaltlich ausgezeichnet: Fachlich überragend, gut gegliedert, gut geschrieben, spannend, anregend - man liest höchstens zwei Stunden daran und hat danach einen wirklich umfassenden Überblick über Fundgeschichte, Forschungsgeschichte, Konservierungsprobleme, aktuelle Fragestellungen und so weiter. Das Kapitel zu den Tätowierungen Ötzis fand ich am spannendsten: Dass sie offenbar zum Grossteil therapeutischen Zwecken dienten und mehrheitlich auf bekannten Akupunktur-Punkten und Meridianen sitzen ist eine überaus faszinierende Erkenntnis.

Ein vorbildliches Buch also zur knappen und doch umfassenden Wissensvermittlung. Albert Zink ist natürlich auch der ideale Autor für dieses Thema: Als ausgewiesener Mumienexperte und in Bozen Leiter des Instituts für Mumienforschung ist er direkt zuständig und verantwortlich für Ötzi und in alles involviert, was mit ihm zusammenhängt.

Das Preis-Leistungs-Verhältnis, um das noch anzumerken, geht also für diesen Band voll in Ordnung.

Aufsatz zu V1319 Cyg

(28.02.2021) Mitte Januar habe ich einen Aufsatz über den Veränderlichen Stern V1319 Cyg für den BAV Rundbrief verfasst. Die Zeitschrift (BAV Rundbrief, 1/2021) ist inzwischen gedruckt, so dass ich den Aufsatz für meine Homepage formatiert habe und ihn nun auch hier veröffentliche: V1319 Cyg, eine neuer langperiodischerCepheide mit P=41,3d

Mondaufnahmen am 24.2.2021

(24.02.2021) Der Mond stand gerade günstig, deswegen eine Reihe von Aufnahmen gemacht. Allerdings: Die Luft war unruhig, und ich musste durch Fensterglas fotografieren. Hat trotzdem Spaß gemacht. Ein Beispiel:

Mondrand mit Schickard und Wargentin
Mondrand mit Schickard und Wargentin.
24.02.2021, 17h24UT, durch 140/500 Schmidt-Newton und 7mm-Okular
Samsung S7 mit Okularklemme befestigt.

Saharastaub Anfang Februar 2021

(12.02.2021) Beim Wiederlesen meines Geologiebuches von Rüdiger German: "Einführung in die Geologie" (Ernst Klett Verlag, 1985) finde ich im Kapitel IV.4 "Ablagerungen des Windes - äolische Sedimente" auf Seite 77 folgendes:

Zitat zum Saharastaub

Anfang Februar 2021 gab es mal wieder sehr weiträumig und zum Ärger vieler Autobesitzer weiträumige Ablagerungen von Saharastaub, auch in Heidelberg. Ich habe das als Anlaß genommen, etwas von diesem Saharastaub unter das Mikroskop zu legen, und tatsächlich: Verglichen mit normalen Sand sind diese Körnchen aus der Sahara winzig klein. Es gibt zwar unter ihnen auch einige größere Teilchen (vielleicht haben sie ein leichteres spezifisches Gewicht?), die durchschnittliche Größe der transportierten Körnchen bewegt sich aber zwischen 0,005mm und 0,015mm, und das ist wirklich sehr klein.

Saharastaub
Saharastaub unter dem Mikroskop, V=300x.
Smartphone freihändig hinter dem Okular.

Alois Theodor Sonnleitner - "Die Höhlenkinder"

(23.01.2021) Alois Theodor Sonnleitner, der eigentlich Alois Tlučhoř hieß, ist mit seiner Trilogie "Die Höhlenkinder" ein auch heute noch bekannter Autor. Die einzelnen Bände sind immer noch leicht greifbar, und bei Gutenberg findet man die E-Texte dazu, die man sich nach Lust und Laune für einen E-Reader formatieren kann. Erschienen sind die Bände im Jahresabstand:

Ich habe eine Gesamtausgabe des Kosmos-Verlags, in der 63. (!) Auflage von 1999, gekürzt und bearbeitet von Ingeborg Rothe, mit 286 Seiten. An sich ein schönes Buch, gut gebunden, auf gutem Papier, mit 129 meist kleinen Zeichnungen von Fritz Jaeger und Ludwig Huldribusch. Dazu eine sehr hilfreiche Panoramakarte des Heimlichen Grundes und ein Grundriss der Höhle. Die Formulierung "gekürzt und bearbeitet" ist aber immer etwas alarmierend: Ich mag es nicht, wenn jemand für mich entscheidet, was weg kann oder was anders formuliert sein sollte. Folglich habe ich die ersten paar Kapitel meiner Buchausgabe verglichen mit der beim "Projekt Gutenberg-DE" verfügbaren Fassung, die vollständig und näher am Original zu sein scheint ("scheint" weil: Es gibt keine aussagekräftigen bibliografischen Informationen). Das Fazit: Meine Buchausgabe ist um mindestens 25% gekürzt. Die "Bearbeitung" ist spürbar, aber nicht unbedingt ein Gewinn. Ich habe daher alle Höhlenkinder-Texte aus Gutenberg-DE heruntergeladen und für den Kindle formatiert. Die Lektüre auf den Kindle ist natürlich nur dann sinnvoll, wenn man ein Buch schlicht und einfach "schmökern" will, nicht ständig Anmerkungen zu machen hat, aber das "Schmökern" hat mir als Lektüreform für die "Höhlenkinder" durchaus gereicht.

Sonnleitner, Höhlenkinder
Eine schöne Gesamtausgabe, aber leider gekürzt und bearbeitet.

Kurz und knapp zum Inhalt: Die Kinder Eva und Peter müssen mit der Großmutter von Eva und deren Bruder Hans zum Heimlichen Grund fliehen, nur die Kinder überleben diese Flucht, und nun müssen sie im Heimlichen Grund ohne jegliche Werkzeuge überleben, nur mit dem Wissen über Pflanzen und Tiere bzw Tierverwertung, welches sie in ihrer Kindheit vermittelt bekommen haben. Die Ausgangsposition ist also weit schwieriger als die von Robinson, der ja eine umfangreiche Ausrüstung vom Wrack retten konnte, während die Höhlenkinder die grundlegendsten Werkzeuge erst einmal basteln oder erfinden mussten und lange Zeit von Pflanzen und rohem Fleisch lebten. Ihr Nachvollzug der Technikgeschichte in kürzester Zeit (Steinbearbeitung, Holzbearbeitung, Metallverarbeitung) macht einen großen Teil der drei Bücher aus.

Wichtig und für die inzwischen hundertjährige Erfolgsgeschichte mit verantwortlich ist, dass Eva und Peter keine Puppen sind, die zur Illustration einer Evolutionstheorie gebraucht werden, sondern als Menschen mit Fehlern und Leidenschaften geschildert werden. Sonnleitner, der auch für eine Sexualpädagogik eintrat, hat in den Höhlenkindern natürlich nicht die Wirren der Pubertät und die Freuden mit und die Leiden an der Sexualität geschildert, aber immerhin deutet er deutlich genug an, welche inneren und äußeren Probleme Eva hat, als sie ihre Tage bekommt. Auch dass in solchen erst einmal unerklärlichen Phänomenen eine Quelle für Aberglauben und Religion liegen kann wird angedeutet.

Die Probleme, die beispielsweise mit dem Fund von Gold sich auftun, der Neid, die Missgunst, das Betrügen, das wird schön hergeleitet aus den ersten Kindheitseindrücken von Eva, die eine heimliche Zeremonie ihrer Großmutter und ihres Großonkels mit einem Wurzelmännchen, einem Alraun, beobachten konnte, bei der einige Goldkörner eine wichtige Rolle spielten. Diese Episode ist trotz ihrer Bedeutung in der gekürzten und bearbeiteten Fassung leider weggefallen.

Die drei Bücher sind zwar zusammen schon etwas umfangreich, lesen (schmökern!) sich aber schnell hintereinander weg. Die Lektüre war interessant und hat Spaß gemacht. Es schadet allerdings nicht, sich etwas über die Hintergründe zu informieren. Ich habe teils parallel, teils danach folgende erläuterndes Material gelesen.

Noch einige Aspekte von Sonnleitners Höhlenkindern:

Italia und Germania? Das Aussehen der Kinder wird nicht besonders ausführlich beschrieben, mit einer Ausnahme: Die Haarfarbe! Eva ist flachsblond (diese Information ist in der gekürzten Buchfassung leider weggelassen) und blauäugig, Peter ist schwarzhaarig und braunäugig. Man könnte hier einen Hinweis auf die "Italia-und-Germania"-Symbolik vermuten, aber auch einen Hinweis auf ganz andere Konnotationen sehen, wenn es sich zum Beispiel bei Peter um einen Roma-Jungen (vulgo: um ein Zigeunerkind) handeln würde. Da müsste man aber mehr zu Sonnleitner wissen und ob das für ihn ein Thema wäre. Die Gegensätzlichkeit der beiden Kinder fällt aber bei solchen Beschreibungen schon auf.

Die Zeit wird überraschend genau benannt. Die erste Flucht von Evas Großmutter (mit der kleinen dreijährigen Eva auf dem Rücken) vor einem Hexenprozess zu ihren Bruder Hans war 1683. Warum gerade 1683? Man frägt sich das unwillkürlich, aber eine schnelle Antwort habe ich nicht gefunden. Als fünfjährige beobachtet Eva ihre Großmutter und ihren Großonkel beim Hantieren mit dem Alraun. Ihre Großmutter muss bald darauf zum Heimlichen Grund fliehen und ist ein Jahr lang weg. Als Eva sechs ist, kommt die Großmutter zurück und mit ihr der sieben- oder achtjährige Peter. Als dieser 13 ist, arbeitet er schon als tüchtiger Hirt. Kurz darauf ist die endgültige Flucht, die Kinder sind also etwa 11 und 13 Jahre alt, als ihr Leben im Heimlichen Grund beginnt. Die Angaben dafür in der Literatur schwanken, das ist meine eigene Rechnung.

Auch die Lokalitäten sind zum Teil genau benannt. Die Geschichte beginnt in Windisch-Garsten, und diesen Ort gibt es tatsächlich. Die Großmutter, genannt die "Stoderin" wird wohl aus einem der Nachbarorte stammen, die einem Namensbestandteil "Stoder" haben (Vorder-Stoder, Mitt.-Stoder, ...). Hier gibt es auch das Sengsen-Gebirge.

Höhlenkinder, Windisch-Garsten
Herkunft der alten Stoderin und von Eva: Windisch-Garsten.
Aus: "Velhagen & Klasings Neuer Volks- und Familienatlas", Karte 45/46, 1901

Sie flieht zu ihrem Bruder, der der Meraner Gerichtsbarkeit untersteht, und Köhler am Eisack ist, einem Fluß, der durch Sterzing, Brixen und Bozen fließt. Als Köhler verarbeitet er Holz, muss also in eher tieferen Lagen arbeiten und wohnen, deutlich unter 1000 Metern (der Laubbaumgrenze auf den Südhängen der Alpen), und seine Hütte in der "Einöde" kann höchstens einen halben Tag zu Fuß vom Fluß Eisack entfernt liegen. Als wahrscheinlichster Lebensraum des alten Hans und der alten Stoderin und der jungen Eva und des jungen Peter kommt also in den Sarnthaler Alpen die Gegend zwischen Klausen (Meereshöhe 520 Meter) und Kollmann in Frage, in unmittelbarer Nähe des Eisack, wohl auf dessen Westseite. Die Flucht führt im Spätsommer drei Nächte lang südwärts, wo sie vermutlich in eine Gegend kommen, die "Am Ritten" heißt, im Südosten der Sarnthaler Alpen. Im "Einsamen Grund" wachsen auch Laubbäume, sogar Obstbäume, und Kastanien sind als Winternahrung ganz wichtig, weswegen man auch für den "Einsamen Grund" annehmen muss, dass er deutlich unter 1000 Metern Höhe liegt. Und der Bach, der im "Einsamen Grund" entspringt, fließt sicherlich in den Eisack.

Sonnleitner. Einsamer Grund
Vermutliche Lage der Köhlerhütte und des "Einsamen Grundes".
Aus: "Velhagen & Klasings Neuer Volks- und Familienatlas", Karte 37/38, 1901

Ich könnte mir vorstellen, dass es schon den ein oder anderen Versuch eines wackeren Heimatforschers gegeben hat, den "Einsamen Grund" zu identifizieren.

Die Höhlenkinder - Fernsehserie von 1962

(22.01.2021) Kinderfernsehserie 10 Folgen, 1962. Drehbuch: Peter Podehl und Ulrich Schonger. Regie: Peter Podehl. Produktion Schongerfilm. Im Auftrag des WDR. Folgen: Intro von Peter Podehl; 1) Die Soldaten; 2) Die Hütte; 3) Das Boot; 4) Der heimliche Grund; 5) Die Höhle; 6) Die Jäger; 7) Die Stimme; 8) Das Feuer; 9) Der Fremde; 10) Der Abschied.

Die 10-teilige Fernsehserie "Die Höhlenkinder" lief 1962, zu einer Zeit, als die meisten Haushalte noch keinen eigenen Fernseher hatten. Ich habe als Kind daher nur zweimal kleine Ausschnitte bei Freunden gesehen, und deswegen auch keine nostalgischen Erinnerungen an die Serie. Aber als Fan von Robinsonaden und Survival-Geschichten in der Natur und schon seit jeher fasziniert von Höhlen ist mir das Thema immer präsent gewesen.

Höhlenmann
Ich zwei Wochen als Höhlenmann auf Hydra.
Griechenland, 1978

Bei YouTube habe ich drei der Episoden gefunden und angeschaut. Inhaltlich gibt es im Vergleich zur Buchausgabe markante Änderungen, wobei die Geschichte trotzdem stimmig ist:

Der Film ist behäbig gedreht, aber das, was auf YouTube vorhanden ist, kommt durchaus spannend daher. Die Flucht der Kinder mit dem Großvater wirkt manchmal wie eine Wanderung zum eigenen Schrebergarten, aber plötzlich ist immer mal wieder Gefahr da (deutsche Soldaten oder italienische Partisanen, die jeweils die Flüchtigen für Spione der Gegenseite halten).

Höhlenkinder, Flucht
Eva und Peter, noch mit Großvater, während der Flucht

Etwas überraschend, wie wenig Empathie für Verwandte aufgebracht wird: Unmittelbar vor der Flucht wird der Vater von Eva vor ihren Augen verhaftet, und alles spricht dafür, dass er hingerichtet wird. Aber kein Wort der Hoffnung, der Trauer von Eva oder ihrem Großvater: Das Schicksal des Vaters ist kein Thema. Auch das der Eltern oder der Verwandten von Peter in Breslau nicht. Peter weiß, dass Breslau heftig bomardiert wurde, aber das beunruhigt ihn nicht.

Vom Höhlenleben der beiden Kinder ist in den auf YouTube vorhandenen drei Episoden leider nichts zu finden. In der Episode 9 verirrt sich zwar ein deutscher Soldat zu ihnen, aber damit ist dann wohl schon vieles anders. Auch erfahren sie in dieser Episode, dass der Krieg vorüber ist und rüsten sich zur Rückkehr. Beide Kinder erscheinen übrigens auch hier in der neunten Episode wie aus dem Ei gepellt, man könnte geradezu einen Friseur oben im "Heimlichen Grund" vermuten...

Herzig die Kinder-Schauspieler, besonders Claudia Podehl als Eva. Sie kommt richtig sympathisch rüber.

Was soll man sagen... Wären auf YouTube alle Episoden vorhanden, hätte ich auch alle geschaut. Aber um die Serie ein einziges Mal anzuschauen, dafür ist mir die DVD dann doch zu teuer.

Haruki Murakami - "Wilde Schafsjagd"

(16.01.2021) Nach "Mister Aufziehvogel" und "1Q84" ist "Wilde Schafsjagd" der dritte Roman von Haruki Murakami, den ich lese - den autobiografischen Bericht "What I Talk About When I Talk About Running" zähle ich hier nicht mit. Und wieder folgt meine Lektüre dem gleichen Muster: Der Roman ist so spannend, dass ich kaum unterbrechen mag, und in kurzer Zeit bin ich durch (na ja, hier, bei 300 Seiten, waren es immerhin zwei Tage; die 1000 Seiten von 1Q84 Band 1 und 2 habe ich in drei Tagen gelesen, die 560 Seiten von 1Q84 Band 3 in zwei Tagen, den Aufziehvogel mit 765 Seiten auch in drei Tagen). Und dann kommen die Fragen... Hier, bei der "Wilden Schafsjagd" zum Beispiel diese hier:

Und so weiter. Ich habe also nach der Erstlektüre (Anfang Januar) das Buch noch einmal relativ langsam gelesen, bin Querverweisen nachgegangen, habe vor allem versucht, die Handlung (auch in ihrer zeitlichen Abfolge) zu verstehen. Und muss gestehen, dass trotzdem vieles dunkel geblieben ist - was nicht unbedingt schlecht sein muss.

Haruki Murakami, Wilde Schafsjagd
Haruki Murakami, "Wilde Schafsjagd", Köln 2005.
Aus dem Japanischen von Annelie Ortmanns.

Einiges mag der Arbeitsweise von Murakami geschuldet sein: Gerade bei "Wilde Schafsjagd" hat er, wie er in einem Gespräch mit dem Guardian erzählte, ohne Plan gearbeitet:

"It's kind of a free improvisation," he says of the method that still serves him well. "I never plan. I never know what the next page is going to be. Many people don't believe me. But that's the fun of writing a novel or a story, because I don't know what's going to happen next. I'm searching for melody after melody. Sometimes once I start, I can't stop. It's just like spring water. It comes out so naturally, so easily." The spontaneity and the "searching for melody" appear to relate to his interest in jazz; to him, this shows itself most clearly in the rhythms of his prose.

Daraus erklären sich zwanglos Passagen im Roman, die im Nirgendwo enden. Manche Fäden werden einfach liegen gelassen und nicht wieder aufgenommen, zum Beispiel die Geschichte von dem namenlosen Mädchen namens "Es war einmal ein Mädchen, das mit jedem schlief"[S.9].

Anderes gehört zu den immer wiederkehrenden Motiven bei Murakami, wobei diese Motive so auffallend sind, dass Grant Snyder für die New York Times sogar ein "Murakami-Bingo" gestaltet hat. Dann denkt man sich halt: OK, ohne dass x-mal im Buch gekocht ("Cooking") wird geht es halt nicht, genau so wie es ohne seltsame Frauen ("Mysterious Woman") oder irgendwas mit Ohren ("Ear Fetish") oder auch übernatürlichen Kram ("Supernatural Powers") nicht geht. So amüsant das klingt, so wahr scheint es zu sein.

Der "Held" des Romans kommt nicht sympathisch rüber. Er weiß ganz offenbar nicht, was er will, sein Leben läuft in einer Reihe von Zufällen ab, nur selten macht trifft er mal Entscheidungen. Ansonsten ist es ein Langweiler, der sich gefühlt auf jeder Seite eine Zigarette ansteckt oder eine Bierdose reinkippt. Trinkt er mal kein Bier sondern Kaffee, wird immer angemerkt, dass der nicht schmeckt (aber getrunken wird er trotzdem).

Klar, dass auch seine Beziehungen sehr oberflächlicher Art sind: Mit dem namenlosen Mädchen mit dem gemeinen (Spitz-)Namen hatte er eine Zeitlang eine Beziehung, das ging vorbei, und als er nach einigen Jahren von ihrem Tod erfährt, weiß er nicht einmal ihren Namen, geht aber zum Begräbnis. Danach betrinkt er sich und kommt erst nachts nach Hause, wo ihm seine Frau eröffnet, dass sie sich (nach vier Jahren Ehe) von ihm trennt. Er nimmt das natürlich hin wie alles, trinkt und raucht. So ähnlich scheint er sich in der Arbeitswelt eingerichtet zu haben, ohne Herzblut, ohne großes Engagement, aber immerhin halbwegs erfolgreich.

Am 24.7.1978 (einiges ist exakt datiert) sieht er nach vollzogener Scheidung seine Frau das letzte Mal, schon wenige Wochen später hat er eine neue Freundin, eine junge Frau mit besonders schönen und hinreißenden Ohren, die hellseherische Fähigkeiten hat.

Zwischendurch schließt er mit einigen Kapiteln in seinem Leben ab, seiner Heimatstadt zum Beispiel, die er nie wieder sehen will:

Danach gab es für mich keine "Heimatstadt" mehr. Bei dem Gedanken, dass nirgendwo mehr ein Ort existierte, an den ich zurückkehren muss, fiel mir ein Stein vom Herzen. Niemand will mich mehr treffen. Niemand verlangt mehr nach mir, und niemand wünscht sich mehr, dass ich nach ihm verlange.[S.82]
[...]
Alles, was ich besaß, war wertlos, alles, was ich getan hatte, sinnlos. Langeweile war das Einzige, was ich gewonnen hatte.[S82]

Und er bekommt zweimal Briefe von einem Studienfreund, die er aber eher desinteressiert - wie auch anders - zur Kenntnis nimmt. Aber letztlich kommt damit endlich Schwung in die Handlung.

In einem Brief liegt ein Foto von Schafen dabei, das er wunschgemäß bei einer Gelegenheit veröffentlicht (er ist beruflich mit der Herstellung von Werbemagazinen beschäftigt). Eines der Schafe ist etwas besonderes und ruft einen seltsamen Besucher auf den Plan (eine typisch murakamische Gestalt übrigens). Er bekommt den Auftrag, dieses Schaf zu finden, unter Androhung reichlich existenzbedrohender Konsequenzen. Immer noch schlaff macht er sich nicht ohne von seiner Freundin überredet zu werden mit ihr auf den Weg, die Spur führt nach Hokkaido, und dort in eine einsam gelegene Gegend. "Der Winter naht", seltsame Leute werden kennengelernt, die Gegend, wo die Schafsaufnahme gemacht wurde, wird gefunden, eine ganz skurrile Gestalt vertreibt die schöne Freundin, und aus ist's mit dem "Geschlechtsverkehr", der vorher alle paar Seiten genau so, als "Geschlechtsverkehr", immer brav protokolliert wurde, der Held ist nun allein, und es schneit immer mal wieder. Und endlich besucht ihn im Dunkeln der alte Freund und Briefschreiber, der allerdings eine Woche vor Ankunft des Helden Suizid machte, um die endgültige Übernahme durch das Schaf in sich (!) zu verhindern. Die murakamische Gestalt taucht auf, aber als letzten Liebesdienst für den sich aufgeopferten Freund hat unser Hampelmann eine Uhr aktiviert, über die gesteuert dann das Anwesen in die Luft gesprengt wird, als dieser Bursche dort ankommt, und sich dem Schaf anbiedern, das Schaf in sich aufnehmen will (dies angedeutet auf Seite 118).

Wie nicht anders zu erwarten bei diesem Kuddelmuddel: Als der Held zurück ist in der Zivilisation, hat er keine Frau, keine Freundin, keinen Freund, keinen Job, eigentlich nichts. Er heult zwei Stunden "wie ich noch nie in meinem Leben geweint hatte [S.297]" und läuft dann irgendwohin. Und ich hoffe inbrünstig für ihn, dass er als naheliegendste Lösung nicht nur wieder raucht und Bier trinkt.

Aber ach je: Es ist trotzdem so ein tolles und spannendes Buch. Sogar eine dritte Lektüre könnte ich mir vorstellen. Vorerst habe ich das Gefühl, für einige meiner offensichtlichsten Fragen annehmbare Antworten gefunden zu haben, vielleicht überstehen diese auch eine dritte Lektüre, vielleicht aber auch nicht. Tolle, lege! Amen.

Yuval Noah Harari, Daniel Casanave - "Sapiens. Der Aufstieg"

(12.01.2021) Mit "Eine kurze Geschichte der Menschheit" ist Yuval Noah Harari ein Weltbestseller mit über 10 Millionen verkauften Exemplaren geglückt. Das Buch wurde in rund 50 Sprachen übersetzt und von einer ganzen Reihe von berühmten Lesern zur Lektüre empfohlen. Und es ist wirklich gut! Die Folgebände von Harari ("Homo Deus", "21 Lektionen für das 21. Jahrhundert") erreichten zwar nicht diese Auflage, aber auch sie wurden in Millionen von Exemplaren verkauft und in Dutzende von Sprachen übersetzt. Harari ist damit zu einer intellektuellen Institution geworden und wird deswegen gerne interviewt oder zu Diskussionen eingeladen und zur "Lage der Welt" befragt. Es lag nahe, die mit dem ganzen Rummel verbundenen Aktivitäten über eine Organisation zu bündeln und zu betreuen, und deswegen ist Harari dem Vorschlag seines Ehemannes Itzik Yahav gefolgt und hat mit ihm zusammen "Sapienship" gegründet. Die Erleichterungen, die er durch die Unterstützung des 15-köpfigen Teams erfährt, hat er in einem lesenswerten Gespräch mit Tim Ferriss anschaulich geschildert.

Harari, Casanave, Sapiens Aufstieg

Es lag nahe, den Inhalt von "Eine kurze Geschichte der Menschheit" - obwohl einfach zu lesen - auch für andere Leserschichten zu erschließen. Das Ergebnis liegt seit einigen Monaten vor, es ist der erste Band einer auf vier Bände angelegten Comic-Adaption. Allein schon dieser erste Band kommt auf fast 250 Seiten, das Unternehmen wird also etwas dauern (und in der Summe dem Leser wohl 100 Euro kosten). Der Zeichner Daniel Casanave ist kein Unbekannter, ich habe von ihm die dreibändige Comic-Adaption von Franz Kafkas "L'Amérique", der Mann hat also einen ausgewiesen langen Atem. Bei der Adaption des Textes für den Comic hat David Vanderbeulen unterstützt, die Zeichnungen Casanaves wurden durch Claire Champion koloriert. Das Ergebnis kann sich inhaltlich und äußerlich sehen lassen.

Inhaltlich orientiert sich "Sapiens" eng an der Textausgabe, und zwar am Teil 1 "Die kognitive Revolution". Die dort genannten Kapitel

  1. Ein ziemlich unauffälliges Tier
  2. Der Baum der Erkenntnis
  3. Ein Tag im Leben von Adam und Eva
  4. Die Sintflut

haben im Comic nun die Überschriften

  1. Rebellen der Savanne
  2. Meister der Fiktion
  3. Sex, Lügen und Höhlenmalereien
  4. Interkontinentale Serienmörder.

Natürlich wäre eine gleichförmige Bilderzählung zu langweilig geworden, deswegen wird bei der Erzählung mit verschiedenen Inszenierungen gearbeitet, mit Interviews, mit Vorträgen, als Film und so weiter. Stilistisch wird die Haupterzählung aufgelockert mit einer Art Vintage-Helden-Comic, mit Zitaten bekannter Gemälde (Alex Colville, Arnold Böcklin und anderen), mit einer Art Filmerzählung, mit Ausschnitten aus Filmen.

Harari, Casanave, Sapiens Aufstieg

Die Protagonisten sind nicht die üblichen männlichen weißen Wissenschaftler, die alles wissen und alles erklären, sondern es wird auf Geschlechtergerechtigkeit und Rassengerechtigkeit geachtet (eine Hauptrolle hier im ersten Band spielt zum Beispiel die Biologin Arya Saraswati, daneben der sympathische Weintrinker Robin Durham, ein Kommunikationsforscher, der während eines Gesprächs mehr als eine halbe Flasche Wein trinkt, die Anthropologin Franziska Duarte dos Santos aus Brasilien und weitere teils bunte Figuren. Die Hauptperson Yuval Noah Harari (vegan, homosexuell, mit einem Mann verheiratet) ist auch wohltuend anders als der typische weiße Wissenschaftler.

Der Inhalt ist sorgfältig und spannend dargestellt, ganz deutlich ist, dass die Wissensvermittlung ein hohes Ziel ist. Schon der schiere Umfang des Comics zeigt ja, dass er keinesfalls als Kurzfassung oder als "management summary" zu betrachten ist. Auch die Übersetzung ist sorgfältig und gelungen. Das Buch ist also für nahezu jeden Leser mit Genuß und Gewinn zu lesen, auch für diejenigen, die schon das dicke Buch gelesen haben.

Walter Kempowski - "Tadellöser & Wolff" und Lars Bardram - "Stellenkommentare zu Tadellöser & Wolff"

(04.01.2021) Kempowski habe ich erst 2019 für mich entdeckt (als ich "Aus großer Zeit" gelesen habe). Eine gewisse Arroganz hielt mich vorher davon ab, diesen "Bestsellerschreiber" zu lesen. Im "offenen Bücherregal" unseres Stadtteils fand ich im Herbst 2020 dann Kempowskis wohl bekanntesten Roman, den "Tadellöser & Wolff", und habe ihn gleich gelesen. Im November begann ich die zweite Lektüre, diesmal parallell mit dem auf der Webseite des Kempowski-Archivs verfügbaren Stellenkommentar von Lars Bardram. Dieser erstmals 2016 veröffentlichte Stellenkommentar (mit inzwischen 272 Seiten) ist "work in progress", ich benutzte die Ausgabe von Mai 2020, inzwischen gibt es eine wiederum erweiterte Fassung vom Januar 2021, in der glücklicherweise die Ergänzungen zur vorherigen Ausgabe mit Sternchen markiert und deswegen leicht aufzufinden sind. Nach der Erfahrung mit der parallelen Lektüre kann ich Bardrams Kommentar nur wärmstens empfehlen.

Kempowski, Tadellöser & Wolff

"Tadellöser & Wolff" ist ein gleichermaßen tolles und bedrückendes Buch. In kurzen Textblöcken wird quasi wie in einem Fotoalbum ein Blick auf Ereignisse, Personen oder Gedanken geworfen und alles montiert zu einer lebendigen und letztlich auch spannenden Zeitgeschichte. Diese Geschichte von unten, aus dem Blickwinkel eines Jugendlichen, ist weit entfernt von der typischen Geschichtsschreibung mit Königen, Kaisern und Politikern, zeigt aber sehr genau, was "unten" ankommt. Und das ist bedrückend: Unaufhaltsam wird hier eine Gesellschaft immer weiter ihrer Rechte beraubt, der einzelne immer weiter in Pflichten eingebunden, der Widerstand immer schwieriger und letztlich lebensgefährlich. Und das alles gesteuert von einer gar nicht mal so großen Clique skrupelloser Politiker, skrupelloser Armeeführer, skrupelloser Wirtschaftsbosse und skrupelloser Schreibtischtäter. Und von einer großen Meute genauso skrupelloser und beflissener Mitläufer mitgetragen und verstärkt. Dass auch die (bürgerlichen) Opfer dieser Politik keine Unschuldsengel sind, steht auf einem anderen Blatt, bestes Beispiel die in ihrer extremen politischen Naivität auf ihre Art genau so skrupellose und mitleidslose und gleichermaßen selbstgerechte Mutter Kempowski. Automatisch steht natürlich die Frage im Raum: Wer hätte das alles auf welche Weise verhindern können? Ein individueller Widerstand erscheint im Kontext dieser politischen Maschinerie von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Das ganze Buch schildert also nicht nur, es ruft auch dazu auf, drohenden Entwicklungen frühzeitig zu begegnen, politisch wach zu sein. Es macht auf eine dringliche Art sehr nachdenklich.

Dass Kempowski hier auch eine Familiengeschichte schreibt, ist zweitrangig. Er ist die Hauptperson dieses von März 1938 bis zum 1.5.1945 (die Russen dringen in Rostock ein) reichenden paradigmatischen Zeitgemäldes, es könnte aber auch jeder andere bürgerliche Jugendliche in anderen deutschen Städten sein.

Ich kann mir inzwischen gut vorstellen, die komplette "Deutsche Chronik" von Kempowski zu lesen. Ein toller Schriftsteller, und überraschend humorvoll.

Carmen Rohrbach - "Jakobsweg. Wandern auf dem Himmelspfad"

(03.01.2021) Ich habe dieses Buch über den Jakobsweg gelesen, weil mir der Busen der Autorin so gut gefallen hat (auf einer alten Aufnahme und auch nur im Bikini). Dieses Geständnis ist nicht political correct, das gebe ich gerne zu, allerdings ist es auch nur die halbe Wahrheit: Eine sehr gute Freundin macht seit fast zwei Jahrzehnten jedes Jahr eine zweiwöchige Wanderung auf einer der vielen Etappen des Jakobsweges, es lag also nahe, einmal einen Reisebericht über so eine Wanderung zu lesen. Wie ich auf Carmen Rohrbach gekommen bin, das weiß ich nicht mehr, dass ich letztlich ihr Buch gewählt habe, lag aber am Busen...

Carmen Rohrbach, Jakobsweg

Carmen Rohrbach war im Frühsommer 1991 unterwegs. Schaut man sich die Statistiken zum Jakobsweg an, so kamen Anfang der neunziger Jahre jährlich gerade einmal rund 10000 Pilger (nennen wir sie mal so) in Santiago de Compostela an. Inzwischen (und nicht wegen Harpe Kerkeling, der nur die deutschen Pilger beeinflusste, die aber nur einen kleinen Teil der Wanderer ausmachen) liegen die Zahlen deutlich über 300000, dem 30-fachen, und nur COVID hat 2020 für einen Einbruch bei den Zahlen gesorgt. Die Wanderung wie von Carmen Rohrbach geschildert wird man also so nicht mehr nachvollziehen können, sie ist ein Massenphänomen geworden. Das ganze Übernachtungs- und Bewirtungswesen und der Kontakt mit den Einheimischen in den ländlichen Gegenden hat einen anderen Charakter angenommen.

Carmen Rohrbach, und das macht ihre Wanderung für mich interessant, ist nicht aus religiösen Motiven unterwegs. Sie übernachtet auch sehr oft im Freien (was mir früher auch gut gefiel), und sie will tagsüber alleine gehen, Begleitung lehnt sie ab. Ihre fehlende Religiosität hält sie aber nicht davon ab, für viele kleine romanische Kirchen oder Klöster teils weite Umwege zu machen und mit viel Verständnis die Architektur und deren Wirkung zu beschreiben. Natürlich sind solche Beschreibungen und die Schilderung geschichtlicher Zusammenhänge eher Sache eines normalen Reiseführers, aber Carmen Rohrbach hat einen durchaus eigenständigen Blick. Einen weiteren Schwerpunkt bilden die Naturbeschreibungen, wobei Vögel für die promovierte Biologin ein besonderes Steckenpferd zu sein scheinen.

Ihre Begründung für diese Wanderung, für dieses Ziel, fällt etwas dünn aus, sie schreibt selber, dass sie auch andere Ziele hätte angehen können, aber der Camino sollte es sein. Warum? Das wird nicht ganz klar.

Doch was mag mich in heutiger Zeit dazu bewegen, eine Fußwanderung zum heiligen Jakobus zu unternehmen? Ausgerechnet ich, die niemals beten gelernt hat, nicht mal getauft ist und Kirchen nur betritt, um sie zu besichtigen oder gegebenenfalls darin zu übernachten? Noch weiß ich es nicht. Während der Wanderung hoffe ich mehr Klarheit zu bekommen. Ich bin aufgebrochen, um Antworten zu finden, Auskünfte über mich selbst. Was ich bin, was ich soll, wie ich weiter leben kann. Aber warum ausgerechnet eine Pilgerreise? Wenn ich Zeit zum Überlegen nötig hätte - und beim Gehen denkt es sich am besten -, könnte ich doch auch das Nordkap oder die südlichste Spitze von Europa zum Ziel wählen. Aber als ich von Santiago de Compostela hörte, stand für mich fest, das solltest du tun, da mußt du hin. Ich bin ziemlich Hals über Kopf aufgebrochen, es war schon eher eine Flucht. Am Morgen, als ich aufwachte, es war der 18. Mai, wußte ich noch nicht, daß ich gerade an diesem Tag losgehen würde.[S.8]

Bei dieser wachsweichen Begründung ist es kein Wunder, dass der Zielort Santiago de Compostela nicht als wirkliches Ziel empfunden wird und die Autorin weiterwandert nach Finisterre (das klingt ja auch so schön), aber ist das wirklich ein befriedigender Abschluss einer doch recht strapaziösen und langen Wanderung über 1000 Kilometer?

Von Santiago de Compostela hatte ich Abschied genommen. Eine wichtige Erfahrung für mich, doch konnte sie nicht der Abschluß meiner Pilgerreise sein. Ich glaube, erst wenn ich das »Ende der Welt«, Finisterre, erreiche, wird sich mein Unterwegssein wirklich mit Sinn erfüllen. Ich denke darüber nach, was die Bezeichnung »Ende der Welt« für mich bedeutet. Es klingt nach absolutem Ende: Ende der Welt - Ende des Lebens. Das ist aber für mich keine schreckliche Vorstellung. Nicht mehr als Lebewesen existent zu sein, ist für mich ein befreiender Gedanke. Die Auflösung ist eine Erlösung von der Verantwortung als Individuum. Meine Substanz als Einzelwesen kann sich dann überallhin verteilen, in alles einfließen, wieder dem Gesamten angehören. Aber solange ich lebe, will ich so individuell sein, wie es nur mir allein möglich ist. Ich will meinen Weg gehen, der mein ist und nur der meine sein kann. Unterwegs auf meinem Lebensweg möchte ich Menschen begegnen, aber ich kann niemandem folgen und will keinem erlauben, mir zu folgen. Vor meiner Pilgerschaft hatte ich mich noch gegen diese Bestimmung gesträubt. Ich bin mir unterwegs immer sicherer geworden, daß ich allein leben muß und will.

Muss man für diese und die folgenden "Erkenntnisse" so weit gehen?

Es ist immer nur ein einziges Lebenskonzept, das ich mir ausmale. Meine Vorstellung sträubt sich gegen eine seßhafte Lebensweise, gegen Dauer und Beständigkeit.

Aber natürlich hat Carmen Rohrbach einen festen Wohnsitz in sehr attraktiver Lage bei München, von da aus macht sie ihre Reisen - ist das nicht etwa doch zur Hauptsache "seßhaft"? Nebulös auch dieses Résumé:

Realität und Traum. Wirklichkeit und Wunschvorstellung. Ich könnte nicht leben ohne das eine und das andere. Ich brauche die Welt, wie sie wirklich ist und wie ich sie mir ausdenke. Ich muß unterwegs sein, nicht um anzukommen, sondern um immer wieder neu mich selbst zu finden und zu erfinden.

Dann lobt man sich doch lieber die etwas handfesteren Einsichten wie diese zum Verhältnis von Pilgern und Komfort:

Der Pilgerweg wird seine Wirkung verlieren, wenn tatsächlich eine Kette komfortabler Refugios aneinandergereiht werden. Es ist dann ein Fernwanderweg wie jeder andere. Pilgern bedeutet auch, Entbehrungen auf sich zu nehmen, also die Mühsale des Weges zu ertragen: Hunger, Durst, Kälte, Hitze, ein hartes Lager, Erschöpfung. Wer sich diesen Plagen stellt und sie überwindet, erfährt eine Art Läuterung und Bewußtwerdung. Selbstverständliches ist plötzlich nicht mehr selbstverständlich. Man merkt, wieviel Kraft es kostet, mit Unbequemlichkeiten fertig zu werden, aber nach der Überwindung erhält man vielfache Kraft zurück. Es sind elementare Erlebnisse, die so im Alltagsleben nicht erfahrbar sind. Deswegen ist der Pilgerzug für jeden eine seine Persönlichkeit beeinflussende Erfahrung. Darum sollten Herbergen wie in Santo Domingo eine Ausnahme bleiben.

Trotz aller Mäkelei habe ich das Buch aber gerne gelesen und kann es empfehlen.


Journal 2021, 2020, 2019, 2018, 2017, 2016, 2015, 2014, 2013, 2012, 2011, 2010, 2009, 2008, 2007, 2006, 2005, 2004, 2003, 2002

Home, Journal, Kunst, Literatur, Musik, Astronomie, Pforr-Material, Links