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Journal 2018

Yuval Noah Harari - "Eine kurze Geschichte der Menschheit"

(10.02.2018) Es war in den letzten Jahren nahezu unmöglich, NICHT von diesem Buch zu erfahren, KEINE begeisterten Besprechungen zu lesen. Die wenigen kritischen Stimmen waren leicht als neidische Kollegen oder als die üblichen Korinthenkacker zu identifizieren.

Harari, Sapiens, Geschichte der Menschheit

Klar kann man immer sagen, dass auf 500 Seiten eine Geschichte der Menschheit nicht zu leisten ist. Wer das sagt, behauptet aber letztlich, dass es nicht möglich ist, einen Überblick über die Geschichte der Menschheit für ein größeres Publikum zu schreiben, und das kann ja wohl nicht wahr sein. Denn wer hätte denn Zeit und Lust, eine viertausendseitige Geschichte der Menschheit zu lesen?

Ich würde sogar behaupten, dass es auch möglich sein müsste, mit 100 Seiten auszukommen. Das ist eben wie bei japanischen Kunstwerken, bei denen ein Meister mit einem Strich mehr und besseres leistet als ein Anfänger mit hunderten von Strichen.

Ich habe das Buch in den letzten zwei Wochen mit Genuss und Gewinn gelesen und muss sagen: Die Lobeshymnen sind berechtigt! Die Themenvielfalt ist riesig, aber nie hat man das Gefühl, erschlagen zu werden. Und der über fast alles gegossene feine Humor von Harari macht das Lesevergnügen komplett. Bis hin zu so Themen wie die Bedeutung von Banken und die Notwendigkeit des Vertrauens für die Herausbildung der modernen Staaten und des Kapitalismus.

Harari räumt mit vielen Vor- oder Falschurteilen auf: Zum Beispiel führte die landwirtschaftliche Revolution zwar dazu, dass die Menschheit sesshaft wurde, aber der einzelne Mensch hatte fast nur Nachteile dadurch (tägliche harte Arbeit, viel weniger Flexibilität, einseitigere und ungesündere Kost usw).

Phantastisch die Erklärungen, wie einige hundert stinkende und abgerissene spanische Halunken die mittel- und südamerikanischen Staaten vernichten konnten. Oder wie die kleine Niederlande das reiche und mächtige Spanien besiegen und zur Weltmacht werden konnte.

Erfrischend auch die neuen Fragestellungen: Sind die Menschen durch die ganzen Entwicklungen denn auch glücklicher geworden? Wie kann man Glück überhaupt messen? Wieso sind wir immer noch so unzufrieden?

An mehreren Stellen und in einigen Abbildungen wird deutlich, dass das Herz des Veganers Harari für Tiere schlägt. Die Wikipedia erwähnt dazu ein 2015 erschienenes Guardian-Interview mit Harari, in dem er "die industrialisierte Massentierhaltung eines der schwersten Verbrechen der Menschheitsgeschichte und das Schicksal industriell aufgezogener Tiere eine der dringendsten ethischen Fragen unserer Zeit" nannte [https://de.wikipedia.org/wiki/YuvalNoahHarari]

Harari betrachtet die besonders wichtigen Revolutionen bzw. Entwicklungssprünge in der Menschheitsgeschichte, das wären

  1. die kognitive Revolution vor ca 70000 Jahren
  2. die landwirtschaftliche Revolution vor ca 12000 Jahren, und
  3. die wissenschaftliche Revolution (ab dem 15. Jahrhundert)

Allerdings ist dieser Prozess für ihn keine wie auch immer gesteuerte geradlinige Entwicklung, sondern eine Aneinanderreihung von Zufällen. Es entstehen immer größere Einheiten, und heute ist nahezu eine globale Vereinheitlichung erreicht. Bindemittel dafür sind die Sprache und durch die Sprache erst möglich gewordenen Mythen (incl. der Religion) und gemeinsamen Vorstellungen. Dabei fasst Harari den Begriff "Mythen" sehr weit - auch "Geld" passt da rein.

In diesem Zusammenhang kann es manche Leser befremden, dass Harari keinen Unterschied zwischen Religion und Ideologie macht und beispielsweise den Nationalsozialismus als "humanistische Ideologie" bezeichnet. Selbstverständlich muss man diese Terminologie im Gesamtzusammenhang lesen, wo sie Sinn macht, und nicht gleich verbal losdonnern, wenn man vom Buch nur aus dem Zusammenhang gerissene Zitate kennt und sofort das Wörtchen "anti" bei "humanistischer Ideologie" sehen möchte.

Einige Leser dürften Probleme damit haben, dass Harari das 20. Jahrhundert als besonders ruhigen und friedlichen Zeitraum bezeichnet - trotz aller Kriege und Völkermorde. Aber ich konnte ihm dabei sofort zustimmen.

Am Ende erliegt Harari der Versuchung, die Geschichte fortzudenken und mögliche zukünftige Entwicklungen zu beschreiben. Das ist nett zu lesen, aber vielleicht nicht unbedingt in DIESEM Buch angebracht. Glücklicherweise (muss man sagen) läßt Harari es bei einigen Ansätzen bewenden und verfolgt das Thema erst in einem Folgebuch ("Homo deus") intensiver.

Fazit: Ein unbedingt lesenswertes Buch, welches nicht kürzer sein sollte, aber glücklicherweise auch nicht umfangreicher ist. Ich kann mir vorstellen, es noch einmal zu lesen.

Es handelt sich um ein Taschenbuch, allerdings ist es ausgesprochen bequem zu lesen: Es liegt trotz der Dicke gut und fast flach auf dem Schreibtisch, die Schrift hat die richtige Größe und der Zeilenabstand ist lesefreundlich.

Reinhard Kleist - "Nick Cave. Mercy on me"

(04.02.2018) Kann man dieses 320 Seiten lange, 20 cm auf 26 cm große und 1300 Gramm schwere Buch mit sehr festem Einband (hardcover at its best) überhaupt noch „Comic“ nennen? Als "graphic novel" wird es vom Verlag beworben, allerdings hat diese Bezeichnung zuletzt etwas an Glanz verloren, da sich dieser Marketing-Begriff nicht wie erwartet in Verkaufszahlen niedergeschlagen hat.

Reinhard Kleist, Nick Cave

Mit seinen "graphic novels" vergleichsweise erfolgreich ist Reinhard Kleist. Johnny Cash, Fidel Castro, ein Boxer, eine Olympia-Teilnehmerin sind so seine Themen, alles nicht uninteressant, aber in der Themenwahl vielleicht doch etwas brav. Warum sollte man 20 bis 25 Euro in die gezeichnete Geschichte von jemanden investieren, der einem nicht sonderlich interessiert? Das geht nur, wenn die graphische Umsetzung von Reiz ist.

Seit Weihnachten habe ich zweimal Kleists neuestes Werk "Nick Cave" gelesen und immer mal wieder darin geblättert. Hat es mir gefallen?

Zunächst zum Inhalt: Das äußerlich sehr wertig daherkommende Buch illustriert Episoden aus der Biographie von Nick Cave, setzt Liedtexte in Bildererzählungen um, und natürlich gibt es auch frei erfundene Szenen. Gegliedert ist es in fünf unterschiedlich lange Kapitel.

  1. The Hammer Song
  2. Where the wild Roses grow
  3. And the Ass saw the Angel
  4. The Mercy Seat
  5. Higgs Boson Blues

Die ersten vier Kapitel beginnen und enden mit der Illustration eines Liedtextes, und jedes Mal bringt Cave darin jemanden um. Im letzten Kapitel treten die vier Opfer wieder auf und machen Vorwürfe. Ansonsten hangeln sich die Kapitel etwas an der Biographie entlang, allerdings mit einigen Rückblenden und Pespektivwechseln. Zum Beispiel wird zweimal beschrieben, wie Nick seine langjährige Freundin Anita Lane kennenlernt (S.26-35 und S.92-98), zweimal wird das Telefonat gezeichnet, in dem Cave über die Zeit in Berlin klagt (S.116-117 und S.173-174), zweimal holt ihn Anita von seiner Drogen-Entziehungskur ab (S.130-133 und S.236-237) und so weiter. Im letzten Kapitel, nachdem Cave von seinen vier Opfern geflüchtet ist, trifft er Robert Johnson an einer Strassenkreuzung und es kommt zu einem - nun ja - "philosophischen" Dialog. Der lohnt aber nicht das Abtippen.

Für einen Cave-Fan, der über dessen Biographie, sein musikalisches und sonstiges Werk gut informiert ist, passt die Umsetzung: Die biographischen Szenen und die Illustration der Liedtexte geben genug Anhaltspunkte, um sich zurechtzufinden – bei den wenigen Lebensabschnitten, für die ich etwas über Caves Leben weiß, verstehe ich das Gezeichnete. Ob das Buch auch für Nicht-Cave-Fans ein großer Gewinn ist, würde ich bezweifeln. Ich kenne vielleicht zwei Dutzend Musiktitel von Nick Cave, die Hälfte davon würde ich als sehr schön bezeichnen; seine Biografie und seine literarischen Versuche haben mich dagegen nie interessiert. Bei diesen Voraussetzungen stößt der „Nährwert“ des Buches deutlich an seine Grenzen. Ohne biografische Kenntnisse, die man sich anderswo besorgen muss, erschließen sich die herausgepickten Episoden nicht zur Gänze. Und für die vielen erwähnten Songs (nicht nur die von Nick Cave) tut man gut daran, sie sich zum Beispiel auf YouTube anzuhören – und auch auf die Texte zu achten. Man bekommt mit dem Band also weder eine stand-alone-Biografie noch eine Interpretation der Lyrik. Über die Musik, die Cave als sein Ideal vorschwebt, gibt es in einigen Zeichnungen einige wenige Sätze, die man getrost als Plattitüden bezeichnen kann.

Die wenigen zitierten Passagen aus Caves literarischer Produktion ("Und die Eselin sah den Engel") wirken in ihrer Adverb- und Adjektivlastigkeit und ihren sonstigen formalen Mängeln - und auch inhaltlich - eher wie pubertäre Schreibversuche. Hier hat sich jemand seinen jugendlichen Schwulst in das Erwachsenenleben gerettet. Erschwerend kommt hinzu, dass sich Caves Bildwelt zu einem ansehnlichen Teil aus biblischen Motiven und seiner etwas verquasten Religiosität speist – auch der Untertitel des Bandes "Mercy on me" ("Sei mir gnädig") stellt ja schon eine religiöse Konnotation her. Nicht jeder aber kann oder will mit diesem Zeug noch viel anfangen.

Rein vom Inhaltlichen her gesehen könnte man es also als gewagt betrachten, über Nick Cave zwei Bücher (die "graphic novel" und ein "art book") zu veröffentlichen, denn letzten Endes muss man schon fragen: Wie bekannt ist denn Nick Cave überhaupt? Wer will über ihn so viel lesen?

Zum Formalen: Bei über 320 Seiten Umfang und gefühlt 1100 einzelnen Zeichnungen kann man keine 1100 Kunstwerke erwarten. Kleist ist sicherlich ein überdurchschnittlich guter Zeichner, ich würde auch die Anlage der Zeichnungen (Wahl der Perspektive, Dynamik, gewählter Ausschnitt) meist als gelungen bezeichnen. Hapern tut es in meinen Augen manchmal mit der Ausführung. Sicher, es ist ein großer Unterschied, ob man 320 Seiten zu zeichnen hat oder 60 Seiten. Aber gar zu flüchtig (euphemistisch könnte man es expressiv nennen) muss das Ergebnis auch nicht gerade ausfallen. Die Figurencharakterisierung ist grenzwertig. Klar erkennt man Nick Cave auf den ersten Blick, bei DIESEM Gesicht sollte das auch kein Problem sein. Aber Anita Lane beispielsweise kommt rüber wie eine harmlose Schülerin, nachlässig und unattraktiv gezeichnet – das wird ihr nicht gerecht. Der "Bad Seets"-Gitarrist Blixa Bargeld scheint nur einen einzigen Gesichtsausdruck zu haben. Oder Straßenszenen wie auf den Seiten 232 bis 234: Die Ausführung wirkt schlicht ungekonnt, ist aber vielleicht eher der Zeitnot geschuldet. Aber Fakt ist: Man würde dem Buch einige inhaltliche Mängel eher verzeihen, wenn die Zeichnungen besser wären.

Reinhard Kleist, Nick Cave, Galionsfigur
Eines meiner Lieblingsbilder aus dem Comic, allerdings ohne Cave...

Es wundert nicht, dass sich laut Verlagsinformationen der kleine Boom der „Graphic Novels“ inzwischen weitgehend gelegt hat – Literatur auf hunderten von meist reichlich durchschnittlich gezeichneten Seiten – wer braucht das? Wenn sogar Robert Crumb nach jahrelanger Arbeit an seiner „Genesis“-Umsetzung in einem Interview mit Ted Widmer zugibt, dass er nicht ganz zufrieden ist und wieder „back to drawing pornography“ geht – dann muss sich Reinhard Kleist keine allzu großen Vorwürfe machen. Vielleicht hätte er das ganze komprimieren müssen – das Format der „Illustrierten Klassiker“ wäre wohl etwas besser gewesen.

Nick Cave ist begabt darin, sich zu inszenieren. Sicherlich hat er nicht nur einen eigenen Archivar für seine Produktionen (ausser als Musiker versucht er sich auch immer mal wieder als Schriftsteller und Dichter, auch Bilder macht er), sondern auch ein eigenes Marketing-Team. Kein Wunder, dass ihm viele auf den Leim gehen und von Nick Cave als einem "lebenden Mythos" schreiben.

Zum Schluß einige nette Zitate:

"Alt werden? Wird mir nicht passieren!" [S.97]
"Ich scheiss auf die Zukunft!" [S.97]

Das sind so die Art Aussprüche, für die man sich später schämt.

Ein Dauerthema ist der Wunsch, anders zu sein wie die andern, auch als Rockstar:

"Darum geht's doch: Anders zu sein! Schocken!!! Bis zur letzten Konsequenz." [S.46]

Klingt reichlich pubertär, und genau das wirft ihm seine Freundin Anita Lane auch vor:

"Ich finde das pubertär, nur zu provozieren.[S.101]

Zum Glück übernimmt er nicht ganz die Schock-Phantasien von Lydia Lunch, die er in London kennenlernt. Hier einige ihrer Sprüche:

"Hier traut sich niemand was Krasses! Ich schon."
"Es soll extrem sein! Ich bin extrem!"
"Ich hasse Kommerz! Die ganze Szene ist viel zu kommerziell, zu brav."
"Lasst uns zusammen kompromissloses Theater machen, mit Blut, Sex und Gewalt."[alles S.63]

Zu was die ganze Schockerei gut sein soll - keine Aussage darüber. Dass man Kommerz auch mit Kompromisslosigkeit machen kann - kein Gedanke dazu. Etwas von diesen Sprüchen bleibt leider doch hängen, wenn man die Urteile von Cave und seiner Band über die Szene in London liest:

"Das gab's alles schon mal, nur besser."
"Null Risiko, das ist völlig vorhersagbar!"
"Zu kommerziell!"
"Zu brav!"[alles S. 66]

Richtig Eindruck macht auf ihn während des Berlin-Aufenthalts die Band "Einstürzende Neubauten", deren Gitarrist und Sänger Blixa Bargeld Gründungsmitglied von Caves "Bad Seeds" wird. Zu den "Neubauten" findet Cave ausnahmsweise lobende Worte:

"Wenn die die Bühne verlassen, hat sich was verändert, bei mir, beim Publikum, in der Welt. Die haben jemand anders [sic] aus mir gemacht."[S.165]
Das ist radikal! Monumental! Das ist die Musik, die ich suche!"[S.165]
"Unter der Oberfläche ist viel mehr! Da lauern Monster! Mit der Musik können wir sie hervorlocken![S.166]

Folglich macht er Schluß mit der alten Band "Birthday Party":

"Ich muss etwas verändern. Birthday Party muss sterben!"[S.173]

Ob der jetzt sechzigjährige Cave, kommerziell erfolgreich, in einer Villa in Brighton and Hove lebend, seine alten Texte und Aussprüche wohl noch goutieren könnte?

Fazit: Der Comic von Reinhard Kleist ist die Lektüre wert. Wer an expressiven Schwarz-Weiss-Zeichnungen Gefallen findet und sich gerne an salopp formulierten Kunstprogrammen reibt, der kann sich lange mit dem Band beschäftigen.

Alexandra Doerrier - "Die Lukasbrüder. Die Nazarener und die Kunst ihrer Freundschaft"

(08.01.2018) Die erste Überraschung für mich war, dass es dieses Buch überhaupt gibt. Selbst die beiden bekanntesten Lukasbrüder - Friedrich Overbeck und Franz Pforr - sind nicht so bekannt, dass man sich vorstellen könnte, ein Künstlerroman um diese Gruppe hätte auch nur eine kleine Chance am Markt.

Doerrier, Lukasbrüder

Die zweite Überraschung für mich war: Das Buch liest sich gut und ist spannend. Erwartet habe ich ehrlich gesagt nicht viel: Ich habe es nur gekauft - obendrein auch nur in der e-Book-Version -, weil mich die Nazarener und besonders deren frühe Phase, also der Lukasbund, immer noch interessiert und ich einigermaßen regelmäßig nach neuer Literatur schaue. Dass mich das Buch tatsächlich anspricht hätte ich nicht erwartet.

Der Lukasbund war eine Vereinigung junger Akademieschüler in Wien, die sich gegen die Herrschaft der Kunstakademie und gegen den Kanon der akademischen Künste auflehnte. Um die beiden Protagonisten Overbeck und Pforr scharten sich ab 1806 mehrere andere Schüler. Vier der Lukasbrüder (Overbeck, Pforr, Vogel und Hottinger) reisten 1810 nach Rom und kamen dort schließlich für einige Zeit im aufgelassenen Kloster San Isidoro unter.

Der Roman geht mit den Ereignissen etwas frei um: Overbeck war kein strenger Führer, Pforr galt als "Meister" und auf einer Stufe stehend mit Overbeck, die Entstehungsgeschichte der Bilder "Italia und Germania" von Overbeck und "Sulamith und Maria" von Pforr ist komplexer, als hier geschildert. Pforr ist nicht im Kloster San Isidoro gestorben, gepflegt von Hottinger, sondern in Albano, aufopferungsvoll gepflegt vom nachgekommenen Lukasbruder Josef Wintergerst, und so weiter und so fort.

Das alles tut dem Lesevergnügen keinen Abbruch, es handelt sich um einen Roman, nicht um eine kunstgeschichtliche Untersuchung. Eine Konzentration der Handlung auf vier Personen ist dann schon OK.

Scribble zum neuen Bild "Lebbe nix Rosegadde"

(07.01.2018) Ob mein neues Bild tatsächlich so heißen wird, das weiß ich jetzt natürlich noch nicht. Jedenfalls habe ich mal einige Scribbles gemacht, wie ich mir das Bild gegenwärtig vorstelle. Einige Gefesselte, mit Tüchern über Kof und Oberkörper, sonst nackt. Die Landschaft wenig einladend, feucht, mit einigen dammartigen Wegen, und labyrinthisch, weil's so schöner ist.

Lebbe nix Rosegadde

Auf hochdeutsch würde es übrigens heißen: "Das Leben ist kein Rosengarten", aber das klingt nicht so schön...
Das Format wird 60 cm x 80 cm sein, wie üblich Öl auf Hartfaser.

Jürgen Schwandt / Stefan Kruecken - "Sturmwarnung"

(02.01.2018) Eine begeisterte Buchbesprechung in der Rhein-Neckar-Zeitung vom 12.06.2016 hievte dieses Buch in meine Lektüre-Wunschliste - die abgedruckten Zitate aus dem Buch waren einfach allerliebst. Weihnachten 2017 machte es möglich: Ich habe das Buch geschenkt bekommen, noch im Dezember ein erstes Mal gelesen und nun auch die zweite Lektüre beendet.

Jürgen Schwandt, Sturmwarnung

Zunächst: Es ist rein äußerlich ein schönes Buch! Schöner Einband, gutes Papier, eine sehr schöne und gut lesbare Schrift, gut gewählte Abbildungen in guter Druckqualität, Lesebändchen - alles, was dazugehört. Es ist mit 29,90 Euro für 192 Seiten natürlich auch nicht ganz billig.

Auch der Inhalt ist ansprechend: Stefan Kruecken, der Verleger und Ghostwriter von Jürgen Schwandt, hat einen guten Job gemacht und es vermieden, eine vierhundertseitige Chronik von Schwandts Leben zu präsentieren - wen hätte das denn interessiert. Statt dessen gibt es auf den 192 Seiten, von denen ca 150 Seiten Text sind, einen gut zu lesenden und interessanten Mix aus einigen wichtigen Stationen aus dem Leben Schwandts, und - das eigentlich interessante - allgemeine Schilderungen aus der Welt der Seefahrt und immer wieder Reflexionen zum Zeitgeschehen.

Schwandt hat sein Leben in einem Milieu zugebracht, in dem ein eher rauher Ton herrscht und klare Ansagen gemacht werden. Das Leben der Mannschaft kann durchaus von klaren und deutlichen Worten abhängen: "Man bekommt ein Schiff nicht diskutierend durch einen Sturm". Diese Klartext-Sprache scheint heute bei vielen Lesern gut anzukommen: Die Welt ist so komplex geworden, bei jeder Entscheidung müssen unendlich viele Abhängigkeiten bedacht werden - da ist es schön, wenn mal jemand mit klarer Sprache kommt und sagt, wie es ist und wie es gemacht wird. Ein "Basta"-Politiker hätte heute wohl auch wieder gute Chancen. Als ehemaliger Kapitän und ehemaliger Leiter der Zollbehörde hat Schwandt kein Problem, klar seine Meinung zu sagen, und das macht er, egal ob es sich um politische Aussagen handelt oder um eher etwas blödes Zeug. Gut ist es, wenn er klare Kante zeigt gegen rechtes Gedankengut, etwas peinlich ist es, wenn Sprüche kommen wie "Ein Seemann muss nicht stark sein, er muss nur stark tätowiert sein", oder "Das Leben ist zu kurz, um das Rauchen aufzugeben."

In begeisterten Kommentaren zum Buch liest man immer wieder, dass das ein Mann ist, der "alles" erlebt hat - wahrscheinlich glaubt Schwandt es schon selbst. Mit solchen Aussagen wäre ich denn doch etwas vorsichtiger. Soweit erkennbar hat er nie Kinder gehabt, und somit fehlt schon ein großer Lebens- und Erfahrungsbereich. Und da er früh zur See fuhr kam er auch nicht in Verlegenheit, mit hinfälligen und pflegebedürftigen Eltern konfrontiert zu sein. Um eine aktive Teilnahme am Krieg (oder Widerstand) kam er ja durch die Gnade der späten Geburt auch herum.

Mein Vater (Jahrgang 1919) ist auch zur See gefahren. Aber er musste zur Marine, wurde dreimal versenkt, war nach dem Krieg, als Deutschland keine Schiffe haben durfte, fünf Jahre in der Fremdenlegion (und hat da wohl auch einiges erlebt...), war dreimal verheiratet und hat fünf Kinder großgezogen und und und. Allerdings hat er kein Buch geschrieben. "Alles erlebt" übersetzen wir also lieber mal mit "vieles erlebt".

Wie jeder ältere Mensch hat Schwandt so seine Probleme mit der heutigen Jugend und ihrem Verhalten: Früher war natürlich alles besser, früher war man anständiger. Aber stimmt das? Die Besäufnisse, die Schwandt schildert, die üblen Schlägereien, der stolz geschilderte Alkoholschmuggel, das übermässige Rauchen (obwohl man gleichzeitig über Hunger klagt) - so richtig vorbildlich für die heutige Jugend will mir das nicht erscheinen.

Die "Sturmwarnung" hat es 2016 bis auf Platz 6 der Spiegel-Bestsellerliste (Hardcover Sachbuch) gebracht, auf Facebook ist Schwandt inzwischen bei einer sechsstelligen Anzahl von "Freunden". Trotz einiger Vorbehalte würde ich sagen, dass er sich diese Resonanz verdient hat, das Buch hat mir auch bei der zweiten Lektüre viel gegeben.

Einige Stellenkommentare:

Ich habe gelernt, weltoffen und tolerant zu sein.[S.10]

Nun, wenn man seine Auslassungen zur "Generation Wischfinger"[S.98/99] und anderes liest, dann gibt es bei der Weltoffenheit und Toleranz schon noch etwas Luft nach oben.

Das Bild des Landwirts, der seine Scholle niemals verlässt, sich aber eine Meinung über die Welt gebildet hat, voller Vorurteile und Klischees, ist mir ein Graus.[S.10]

Auch das zeugt von wenig Einfühlungsvermögen. Landwirte sind auch den Unbilden der Natur ausgesetzt, und um sich ausgewogene Meinungen zu bilden, muss man heutzutage nicht in einer Stadt wohnen (oder zu See fahren...).

Ein Seemann hilft Menschen in Not.[S.12]

Das ist so pauschal und so falsch wie der Satz "Ein Metzger hilft Menschen in Not."

Sämtliche Schiffe, die noch brauchbar waren, waren nach dem Zweiten Weltkrieg als Reparationszahlungen beschlagnahmt worden.

Aus diesem Grund ging mein Vater, Jahrgang 1919, Schiffsingenieur, nach dem Krieg zur Fremdenlegion. Wo hätte er arbeiten sollen?

Doch Befehle werden auf einem Schiff nicht hinterfragt, sie werden ausgeführt. Ein Schiff palavert man nicht an die Pier. In unserer heutigen Gesellschaft, in der jeder Trottel sein solides Zweifünftelwissen als eigene Meinung beisteuern darf, beinahe unvorstellbar. Doch auf See ist allein der Versuch, igendetwas mitbestimmen zu wollen, gleichbedeutend mit einer Meuterei und strafbar.[S.38]

Klare Worte...

Den Hass, den man heute als Raucher teilweise ertragen muss, den verstehe ich überhaupt nicht. [...] Oft sind es ehemalige Raucher, die am lautesten nach Verboten schreien. Die sind teilweise richtig militant.[S.45]

Da hat er recht - ist auch mein Empfinden. Ich bin schon immer Nichtraucher, Zigarettenrauch ist mir unangenehm, aber die Aggression, die ehemalige Raucher aufbringen, ist mir fremd.

Eine interessante Abschweifung zum Thema Hierarchie auf dem Schiff, hier ein Auszug:

Eine Gruppe Männer auf einem Schiff weit draußen ist so etwas wie ein schwimmender Pavian-Felsen: eine archaische, strikt hierarchische Gesellschaft, in der eine klare Schlagordnung gilt.Wer nicht parierte, wurde schnell, hart und schmerzhaft gemaßregelt.[S.48]

Interessant, aus rein wissenschaftlicher Neugier natürlich, die Schilderungen von Bordellen und dem Leben darin. Bordelle sind wichtig, sonst hätte Schwandt Probleme bei der Weisheitssuche gehabt:

Vom brasilianischen Schriftsteller Jorge Amado stammt die Weisheit: "Es ist unmöglich, mit allen Frauen der Welt zu schlafen, aber man muss es wenigstens versuchen." Während meiner Zeit auf See versuchte ich, diesen Rat zu beherzigen.[S.57]

In den meisten Häfen war ich praktisch mit einem Mädchen "verheiratet": mit Dolores, Carmen oder Derrescita. Jeder Versuch, sich beim nächsten Besuch zwecks sexueller Fortbildung mit einer anderen Liebesdame zu vergnügen, führte zu Empörung im Puff.

Über den Betten hing ein Kruzifix, und morgens um sechs verschwanden die meisten Frauen zur Frühmesse. Wie es gläubige Katholikinnen eben tun. Meine Gefährtin der Nacht weckte mich, ganz sittsam und in schwarz gekleidet, und zeigte mir mit dem Finger auf der Uhr, wann sie zurück war. Kaum war sie zurück, machten wir uns ans Werk, das Sündenkonto für die kommende Woche wieder aufzufüllen.[S.58]

Nach einem tagelangen Sturm, während dem die Mannschaft schon mit dem Leben abgeschlossen hatte, ging im rettenden Hafen der Punk ab:

"Es ist Zeit, unsere Wiedergeburt zu feiern. Was in jenen Nächten im Dezember 1955 in Lissabon geschieht, ist die härteste, chaotischste, orgiastischste Party, die mir bekannt ist. Die Mannschaft der Franziska Sartori besetzt ein ganzes Bordell, die Texas Bar, ein komplettes Freudengaus mit etwa einem Dutzend Mädchen. Der Alkohol fließt wie niemals zuvor. Es ist keine Feier im eigentlichen Sinne, es ist eher eine Explosion, ein Schrei nach Leben, der drei Tage dauern soll."[S.86]

Ein schönes und lesenswertes Buch also.


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