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Journal 2019

Ludwig Tieck - "Des Lebens Überfluss"

(23.06.2019) Auch wenn Tieck diese kurze Novelle für eines seiner "gelungensten Werkchen" hält - ich bin damit nicht warm geworden: Zu unwahrscheinlich ist alles, zu viel Süßholzraspelei findet statt, zu viel offensichtliche Allegorik ist reingebaut, zu viel "kreatives Schreiben". Und alles viel zu geschwätzig, zu viel Ballast.

Tieck, Des Lebens Überfluss

Die ganze Geschichte entwickelt sich für den Leser vom Ende her, auch die Details werden erst geschildert, indem der Bürgerliche Heinrich (der Held) mangels Büchern (die alle verkauft sind) in seinem Tagebuch zurückblättert, um die Genese ihre Zustands zu verstehen. Wie die beiden sich immer bestätigen, dass sie mit ihrer Liebe eigentlich alles haben, was sie brauchen, wie die winzigste Kartoffel deswegen zum Festschmaus stilisiert wird - das ist schlicht lächerlich und wird durch den Schluß der Geschichte konterkariert, wenn der adlige Vater von Clara ihr verzeiht und das ursprünglich verfolgte und geflüchtete Paar dann wie selbstverständlich in großem Reichtum lebt. Das als Idylle geschilderte Leben der beiden, das real ein Dahinvegetieren am Existenzminimum ist, mit der Aussicht, dass die endlichen Vorräte in naher Zukunft ganz verbraucht sind, wird so desillusoniert. Genau genommen enttarnt das Ende das Süßholzraspeln als das, was es ist: Als Schutzbehauptung, als Notlüge.

W.Belka (d.i. Walther Kabel) - "Auf den Vulkaninseln der Aleuten"

(22.06.2019) W.Belka ist eines der vielen Pseudonyme des Vielschreibers Walter Kabel (1878-1935). Laut Wikipedia verzeichnet die Deutsche Nationalbibliothek 495 Hefte und Bücher von Walther Kabel. Da er seine Texte teilweise im Wochenrhythmus ablieferte (oder laut Vertrag abliefern musste) ist klar, dass man keine hohen Ansprüche an die literarische Qualität der Texte haben sollte. Dass die Qualität allerdings so unterirdisch ist, hätte ich ehrlich gesagt trotzdem nicht erwartet.

Belka, Aleuten

"Auf den Vulkaninseln der Aleuten" beschreibt das Schicksal einiger Deutscher, die auf einem japanischen Schiff von Yokohama aus unterwegs nach San Franzisko sind. Während der Fahrt bricht der Erste Weltkrieg aus, und Deutschland und Japan befinden sich im Krieg miteinander. Die an Bord befindlichen Deutschen sollen deswegen als Kriegsgefangene einem japanischen Kreuzer übergeben werden. Der Funker outet sich als Deutscher und entwickelt einen Fluchtplan, der vieles nicht berücksichtigt, aber immerhin schaffen sie es bis auf eine Aleuteninsel, wo sie einige Wochen eine Roinsonade durchleben.

Man kann sich fragen, ob die Kriegsgefangenschaft so schlimm ausgefallen wäre, dass sie diese halsbrecherische Flucht rechtfertigt. Die Barkasse ist eigentlich zu klein für die Meeresgegend und die zurückzulegende Strecke, die Vorräte reichen nicht (was allerdings irgendwann keine Rolle mehr spielt), man muss auf drei gefangene Japaner aufpassen und so weiter und so fort. Das Büchlein strotzt vor Ungereimtheiten: Klar hat ein Vielschreiber nicht die Zeit, für sein Thema zu recherchieren, aber die hanebüchenen Fehler und die extrem unwahrscheinliche Handlung hätte ein Autor mit etwas "Factchecking-Ethos" nicht so stehenlassen. In kürzester Zeit werden zwei Steinhäuser gebaut (wie das Dach konstruiert wurde, wird nicht erklärt), man findet Tonerde und macht gleich Töpfe und Teller, man bastelt aus Metallbeschlägen Waffen, betreibt also Eisenverarbeitung und so weiter. In Ganzen erinnert der Text an Jules Vernes "Geheimnisvolle Insel", wo auch ein technischer Zivilisationsprozess durchlaufen wird, hier wie dort gibts einen Ingenieur, dem "nichts zu schwör" ist, allerdings liest sich das bei Jules Verne vernünftig, bei Belka / Kabel gehetzt und unmotiviert.

Bei der Lektüre extrem störend war die offen rassistische Sprache des Erzählers und der Handelnden. Es wird nur selten von Japanern geredet, es sind meist "Japse", "Gelbe", "gelbe Affen", "Fratzen".

Fazit: Ein Text, der die Lektüre nicht lohnt. Und auch als Jugendbuch kann man es wegen der rassistischen Sprache und der Herrenrasse-Attitude nicht empfehlen.

Nachtleuchtende Wolken (noctilucent clouds)

(13.06.2019) Im Norden schöne Nachtleuchtende Wolken zu sehen, einige Aufnahmen gemacht.
Kamera: EOS 450D
Blende 4,5, Brennweite 34 mm
Belichtungszeit 15 sec
ISO 400 ASA
Sonne: Höhe -15,9 Grad, Azimuth 344 Grad

Beobachtungsort: Heidelberg
Beobachtungsbedingungen: ausgesprochen klar, sehr gute Fernsicht
Uhrzeit: 21h20 UT
Richtung: Azimut 346 Grad bis 32 Grad
Höhe über dem Horizont: 9,3 Grad
Helligkeit: 4
Formen: Typ IIa, Typ IIb, Typ IIIb, Typ IVb

NLC, 13.06.2019
NLCs am Abend des 13.6.2019, 21h20 UT (23h20 Sommerzeit), Ausschnitt.
Größer

Lukas Bärfuss - "Hagard"

(01.05.2019) Nach zwei abgebrochenen Versuchen, das Buch zu lesen, schließlich beim dritten Anlauf in einem Rutsch durchgelesen. Den Anfang fand ich so kitschig, dass er mir richtiggehend einen Unwillen erzeugte. Beispiel: Wenn die Erzählinstanz davon spricht, dass sie von den Erscheinungen "einige Male an den Rand des Wahnsinns geführt" wurde, dann tut mir das fast weh. Aber wenn man diese Durststrecke von Anfang überwindet, dann wird das Buch richtig gut.

Bärfuss, Hagard
Lukas Bärfuss - "Hagard"
btb Verlag, 2019. 173 Seiten

Jochen Klauß - "Charlotte von Stein. Die Frau in Goethes Nähe"

(29.04.2019) Unter verschiedensten Blickwinkeln beleuchtet Jochen Klauß das Leben der Charlotte von Stein und ihre Beziehung zu Goethe. Folgende Themen behandelt er: Legende; Herkunft; Erscheinungsbild; Charakter; Familie; Vertraute Goethes; Domizile; Arbeitsplatz; Freizeit; Freunde; Nachruhm. Das Buch ist sehr sachlich und versteigt sich nicht in gewagte Spekulationen. Es erhellt vieles zum Hofleben und zu wichtigen Persönlichkeiten im Umkreis der Stein, was man sonst eher nicht so konzise zusammengefasst findet. Mir hat die Lektüre des Buchs viel gebracht, es gab keine langweiligen Passagen. Charlotte von Stein hat viel erlebt, auch viel schlimmes. Sie hat sich wacker geschlagen, denn auch der Alltag am Hof war nicht so einfach, denn der Personenkreis dort war

"...ein schier undurchdringliches Knäuel von divergierenden, sich kreuzenden politischen, persönlichen und sonstigen Interessen, Neigungen und Zielsetzungen - die Hauptursache für jenen bereits angedeuteten permanenten Stellungs- und Grabenkampf der beteiligten Personen, hinter denen in der Regel noch ein versorgungshungriger Familienclan, eine Legion postensuchender Freunde und Protégés in Lauerstellung lagen."[S.207]

Klauß' Urteil über das Leben der Stein ist letztlich zuzustimmen:

"Sieht man ab vom Leben des großen Dichters [Goethe], tut sich vor unserem Auge ein würdevoller Lebensgang auf, der tiefen Respekt verdient."[S.85]

Humor konnte sie trotzdem haben: Ihr Vorschlag für die eigene Grabschrift, 1811 an Knebel geschickt, hat was:

"Sie konnte nichts begreifen, die hier im Boden liegt,
Nun hat sie's wohl begriffen, da sie sich so vertieft."[S.81]

Jochen Klauß, Charlotte von Stein
Jochen Klauß - "Charlotte von Stein. Die Frau in Goethes Nähe"
Zürich: Artemis & Winkler, 1995. 317 Seiten.

Liest man die abgedruckten Originalbriefe aus der Zeit nach dem Bruch mit Goethe, mit den Klagen, mit der Wut, dann kommen einem Behauptungen wie die, dass Charlotte von Stein nur eine Strohfrau gewesen sei, um Goethes Beziehung mit Anna Amalia zu decken, doch sehr gewagt wenn nicht gar abwegig vor. Besonders intensiv und innig war die Beziehung zu Goethe ab 1781. Aber läuft eine Liebesbeziehung tatsächlich so ab, wie von Klauß angedeutet, muss immer eine Steigerung her? Ich glaube nicht:

"Ab 1781 scheint eine Steigerung des Liebesverhältnisses, eine Weiter- und Höherentwicklung dieses Verhältnisses nicht mehr möglich. Wo Stagnation eintritt, ist der Anfang vom Ende vorgezeichnet. Was hätte noch eintreten, was noch vollzogen werden können?"[S.163]

So sympathisch sie über lange Strecken erscheint: Die Ungleichbehandlung ihrer Söhne stört den Eindruck doch sehr: Gerade Karl von Stein, ihr ältester Sohn, musste einiges an Ungerechtigkeiten schlucken.

Schließlich noch eine sehr schöne Stelle von Goethe über die Bedeutung des Briefschreibens, die ich gut nachvollziehen kann:

"Briefe gehören unter die wichtigsten Denkmäler, die der einzelne Mensch hinterlassen kann. Lebhafte Personen stellen sich schon bei ihren Selbstgesprächen manchmal einen abwesenden Freund als gegenwärtig vor, dem sie ihre innersten Gesinnungen mitteilen, und so ist auch der Brief eine Art von Selbstgespräch. Denn oft wird ein Freund, an den man schreibt, mehr der Anlass als der Gegenstand eines Briefes."[aus: Winckelmann und sein Jahrhundert; hier: S.100]

Dieter Borchmeyer hat 1995 das Buch von Klauß in einer lesenswerten Rezension in der FAZ vorgestellt. Ich habe das Buch damals in einer sehr guten aber nicht mehr existenten Heidelberger Buchhandlung spontan gekauft und jetzt noch einmal gelesen.

Wilhelm Solms - "Zwei Zigeuner, schwarz und gräulich"

(20.04.2019) Ein schmales Bändchen, gerade einmal 134 Seiten. Ich habe beim Kauf schon etwas geschluckt, dafür 18,80€ auszugeben. Unter den Hauptüberschriften "Tsiganologische Beschreibungen", "Kriminalisierung des Fahrenden Volkes", "Dämonisierung der Zigeuner", "Bestialisierung des orientalischen Nomadenvolks", "Romantisierung von Zigeunerinnen und Zigeunern", "Randexistenzen" und "Das lustige Zigeunerleben" listet Solms insgesamt "36 Eigenschaften der deutschen Literaturzigeuner" auf, die er durch Zitate belegen kann. Mit fortschreitender Lektüre wurde mir doch etwas unwohl: Solms geht mit einem beachtlichen Furor gegen alles vor, was auch nur im entferntesten als Diskriminierung interpretiert werden könnte. Dabei wird jedes gefundene Zitat direkt als Meinungsäußerung des armen deutschen Dichters gewertet und führt zu dessen Verurteilung. Welche literarische Figur in den jeweiligen literarischen Texten aus welcher Ursache was über dieses Volk sagt, welches man sich aus p.c. kaum noch traut zu benennen, das scheint keine Rolle zu spielen. Beispielweise gehen Tiervergleiche gar nicht: Im martialisch benannten Kapitel "Bestialisierung des orientalischen Nomadenvolks" findet sich die Eigenschaft "22. Tiervergleiche". Hier werden Vergleiche beanstandet wie "eine junge, schlanke Pantherkatze", "wilde Katze", "mit der Kraft und Schnelligkeit des Hirsches". Vielleicht sollte Solms auch mal Liebespaaren auf den Mund schauen, welche (Achtung: Ironie) unreflektiert empörende Tiermetaphern beim Säuseln verwenden.

Wilhelm Solms, Zwei Zigeuner
Wilhelm Solms "Zwei Zigeuner, schwarz und gräulich. Zigeunerbilder deutscher Dichter"
Vittorio Klostermann GmbH, Frankfurt am Main, 2018. 134 Seiten.

Solms mag über weite Strecken mehr oder weniger Recht haben, oft schiesst er aber über Ziel hinaus und stilisiert dieses Volk, dass noch nicht einmal "fahrendes Volk" genannt werden darf, weil es ja eigentlich seßhaft ist und nur immer wieder vertrieben wird, er stilisisiert dieses Volk also zu einem Muster an Harmlosigkeit, Gutmütigkeit, Ehrlichkeit, Familiensinn und so weiter. Sind sie anders, wurden sie von der Umwelt so gemacht. Das Buch könnte man fast als ein Produkt der im Kapitel "Romantisierung von Zigeunerinnen und Zigeunern" beschriebenen Romantisierung betrachten.

Gekauft habe ich das Buch eigentlich, weil ich ein großer Fan der Filme von Tony Gatlif bin, dem Sohn einer Roma, in dessen Filmen Sinti und Roma häufig die Hauptrolle spielen. Und ich liebe diese Filme und diese Figuren...

Michel Houellebecq - "Ausweitung der Kampfzone"

(10.03.2019) Schneller als gedacht habe ich doch noch einen zweiten Text von Houellebecq gelesen, diesmal vom anderen Ende des Zeitstrahls: Nach dem aktuellen "Serotonin" (2019) nun das schon 1994 in Frankreich erschienene "Ausweitung der Kampfzone".

Houellebecq, Ausweitung der Kampfzone

Inhaltlich hat man ein Deja vue: Auch hier wieder eine Hauptperson, die dies und das treibt, nette Beobachtungen an Menschen und Dingen, aber eben auch wieder eine Hauptperson, die krank wird, eine Depression entwickelt, äußerlich und innerlich auf dem absteigenden Ast sitzt. Ab der zweiten Hälfte war die Handlung berechenbar, ich empfand bei der Lektüre immer mehr Längen, schlimmer noch: Das Schicksal des Protagonisten war mir ziemlich egal, da nicht zur Identifikation einladend.

Ein nicht eigentlich schlechtes Buch, aber es gibt eben deutlich bessere...

Michel Houellebecq - "Serotonin"

(17.02.2019) "Serotonin" ist das erste Buch, welches ich von Michel Houellebecq gelesen habe. Bisher wusste ich von Houellebecq nur, dass es sich um einen "Skandalautoren" handeln sollte - was ich für mich übersetzte als: Das ist ein Autor, zu dessen Marketingstrategie es gehört, mit einigen Themen zu provozieren, aber nicht zuviel - man will schließlich gleichzeitig Bestseller-Autor sein. Dieses Vorurteil hat mich lange Zeit davon abgehalten, an die Lektüre zu gehen.

Houellebecq, Serotonin

Jetzt, nach der Lektüre, würde ich sagen: Es macht durchaus Spaß, ihn zu lesen. Die Lektüre ist kurzweilig, eigentliche Durststrecken gibt es nicht (wobei der Text auch nicht länger sein dürfte). Eine reichlich überdrehte Hauptperson überdreht ganz, schrammt am Suizid und an einem Mord vorbei, es gibt etwas Sex, etwas psychische Gewalt, gute Beobachtungen (was immerhin für eine gute Portion Empathie sprechen könnte), und - leider - viel Gejammer. Die Krankengeschichte des Helden mag gut erzählt sein, trotzdem behagt mir zuviel Wehleidigkeit nicht, das habe ich in der Realität genug.

Der Stil, die Themen (ausser der Wehleidigkeit) haben mich an die Rabbit-Romane von John Updike erinnert, auch an dessen "Gottesprogramm". Updike seziert in diesen Romanen gekonnt die amerikanische Gesellschaft und Befindlichkeit über einige Jahrehnte hinweg und ist dabei ein gnadenloser Beobachter des Alltags. Seine Analysen sind in meinen Augen aber treffender, vielseitiger, unterhaltender als die von Houellebecq.

Ich habe es zwar nicht bereut, "Serotonin" gelesen zu haben, aber ob ich noch etwas von Houellebecq lesen werde: Keine Ahnung.


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