Home, Journal, Kunst, Literatur, Musik, Astronomie, Pforr-Material, Links

Journal 2018, 2017, 2016, 2015, 2014, 2013, 2012, 2011, 2010, 2009, 2008, 2007 2006, 2005, 2004, 2003, 2002


Journal 2018

Schauspiel: Peter Turrini - "Josef und Maria"

(14.12.2018) Das knapp einstündige Zwei-Personen-Stück wurde in der seit den achtziger Jahren für den Publikumsverkehr geschlossenen Passage unter dem Heidelberger Bismarckplatz aufgeführt: Das Heidelberger Theater versucht sich eben ganz gerne in originellen Lokalitäten. Die Passage wird als Lager oder Abstell-"Kammer" des Kaufhauses genutzt, und so gab es nette Kontraste von Schaufensterpuppen und Regalen zu Graffitis aus den achtziger Jahren wie "Bullen weg" und "RAF" samt rotem Stern.

Josef und Maria

Maria, eine ehemals schöne Putzfrau, darf an Weihnachten nicht zur Familie ihres Sohnes, weil es die Schwiegertochter nicht möchte (und sonst hat die Putzfrau wohl niemanden), und Josef, ein Nachtwächter und Möchtegern-Freigeist braucht keine Weihnachten, ist aber aus der Zeit gefallen, träumt vom kommenden Sozialismus, ist aber letztlich überall abgehängt und darf gerade einmal die Zeitung seiner Genossen austragen. Sie erzählen sich einige Schnipsel aus ihrem Leben, ihrem Elend, und fast sind es Monologe, denn das Gegenüber nimmt den Faden kaum auf und beginnt immer wieder von den eigenen Problemen zu reden. Kommunikation findet nur oberflächlich statt. Auch wenn die beiden kurz einen Tango miteinander tanzen empfindet man das nicht als ein "sich finden": Die beiden bleiben in ihrem Kokon des Elends eingesponnen. Ein trauriges Stück.

JamSession im Café Art, Walldorf

(12.12.2018) Mittwochs ist im Café Art in Walldorf meist JamSession, und diesmal war der Besuch Ehrensache, denn unser Bandleader Claus Hochgeschwender stellte einige seiner Songs in einer Version nur für Gesang und Gitarre vor, "unplugged" wenn man so will.

Claus Hochgeschwender
Claus singt und spielt seine Songs.

Echtzeit
Die Band "Echtzeit".

Die (mindestens) achtköpfige Band "Echtzeit" besteht aus Schülern der Musikschule Hockenheim. Die Musik war gekonnt und fetzig und schön rockig. Sowohl Musiker als auch Sänger und Sängerinnen hatten alles auswendig drauf. Beeindruckend.

unbekannt
Wenn ich nur wüsste, wie diese Gruppe heißt...

Besonders gut gefallen hat mir diese vierköpfige Band, ausser dem Gitarristen auch alles aktuell Schüler der Musikschule Hockenheim. Leider war der Bandname so kompliziert, dass ich ihn mir nicht merken konnte, und auch mit "googeln" kam ich nicht weiter. Na egal. Alle vier waren stark, besonders die harmlos aussehende Drummerin spielte mit beachtlicher Power und war rhythmisch top. Diese erst seit zweieinhalb Monaten zusammen probende Band würde ich gerne noch einmal hören.

Kirchenkonzert "Wenn du denkst du bist verlassen"

(08.12.2018) Ein vorweihnachtliches Kirchenkonzert der Chorgemeinschaft Eintracht Sängerbund, der Sängerin Maram El Dsoki und einem (leider namenlosen) Streicherensemble, alles unter der Leitung von Armin Fink.

CES-Auftritt

Eigentlich sollte die Veranstaltung in der Hauptsache ein Chorkonzert sein, der Hauptauftritt des Jahres. Für mein Gefühl wurde der Chor aber nur als Hintergrund und als Folie gebraucht für die Sängerin Maram El Dsoki und dem Dirigenten, Pianisten und grönemeyernden Sänger Armin Fink. Heimlicher Star wurde dann aber das Streich-Oktett: Für die Aufführung des "Allegretto" aus dem "Concerto grosso for strings" von Karl Jenkins bekam das Ensemble langanhaltenden und lautstarken Beifall, offenbar auch zur eigenen Überraschung. Und auch am Ende der Veranstaltung bekam das Streichensemble mehr Beifall als die gute, aber jedenfalls für meinen Geschmack etwas zu überkandidelte Sängerin Maram. Besonders der gemischte Chor tat mir leid: Zwei Stunden Stehen, und nur bei der Hälfte des Repertoires mitsingen dürfen - stelle ich mir frustrierend vor. Unangenehm war, dass ich nahe bei einer Box sass, und der laute und hohe Gesang von Maram mir wehtat (so dass ich mir ein Ohr zuhalten musste; zwei Frauen neben mir flohen zu einem ruhigeren Platz).

Palazzo in Mannheim

(25.11.2018) Super Essen, super Artisten, super Moderator. Was soll man sagen?!?! Ein wie in den letzten Jahren rundum gelungener Abend. Für sein (vieles) Geld bekommt man vieles geboten und bereut keinen Cent.

Palazzo
Yours truly als zufriedener Gast...

Neues Ölbild "Battleship" fertig

(13.11.2018) Mit diesem Bild ist meine Beschäftigung mit dem Thema "Battleship" erstmal beendet. Ich hätte es gern mit aufgelösten Konturen, gleichzeitig "impressionistisch" und "expressionistisch" gemalt. Nichts von beiden hat es, schade.

Battleship
"Battleship", Öl auf grundiertem Packpapier, 55 cm x 74 cm.

SETI - warum?

(28.10.2018) Warum macht man den ganzen Aufwand, nach Exo-Planeten zu suchen? Was will man mit der Suche nach ausserirdischen Leben überhaupt erreichen? Im Sky & Telescope Juli/2018, S.12, ist auf einer Seite zum aktuellen Stand des Projekts SETI eine tolle Liste der Fragen, die man damit beantworten will - und die für jeden halbwegs interessierten Zeitgenossen auch wichtig sein sollten:

Wolfgang Büscher - "Deutschland, eine Reise"

(18.09.2018) Nach "Berlin - Moskau" und "Hartland" ist "Deutschland, eine Reise" das dritte Buch, das ich von Wolfgang Büscher lese. Und wieder ist es eine Lektüre, die unterhält und anregt, die aufwühlt und zornig macht. Büscher wechselt von fast schon lyrischen Landschaftschilderungen zu harten Sozialreportagen, von gelungenen kleinen Essays (wie der zu Franz Anton Mesmer [S.198-209]) zu Geschichten wie aus einem Lexikon. Dieser Stilmix macht das Buch unabhängig von den teils ernsten Themen kurzweilig zu lesen, nie ist es langweilig. Manchmal denkt man, dass etwas masochistisches an Büscher ist: Warum geht er denn gerade im Herbst auf seine monatelange Wanderung und stapft im Winter in den Grenzgebirgen zwischen Polen und der Tschechichen Republik im Schnee herum? Warum sucht er sich oft die abgelegensten und schäbigsten Unterkünfte aus. Braucht er diesen Kitzel:

Ich spielte die mir vertraute Rolle: der ewige einzige Gast. [S. 91]

Trotzdem hat man als Leser oft das Gefühl: Ja, genau so sollte man reisen. Das Neue und Unerwartete suchen bzw kommen lassen. Keine vier- oder fünf-Sterne-Hotels.

Büscher, Deutschland

Hier einige typische und interessante Passagen aus dem Buch:

Büscher besucht ein Rockkonzert in einer Kneipe in Enschede und beschreibt in wenigen scharfen Sätzen, was er beobachtet; zunächst natürlich das Publikum, welches eine Generation älter als die Musiker ist, aber noch mehr, nämlich das, was er spürt:

Der Rauch der verqualmten Spielstätte hatte etwas von einem Brandopfer. Er stieg den Alten wohlgefällig in die Nasen. Mütter mit Sonderangeboten in den Augen und Graubärte mit Piratengold im Ohr sogen es noch einmal gierig ein. Etwas flackerte auf, etwas, das einmal war. Eine wilde Geste, ein Schrei, dann verschwand es wieder, und hungrige Kajalaugen suchten aufs Neue nach dem, was die Sänger und Trommler und Gitarristen ihnen hinwarfen. Noch einmal, noch einmal. Wild thing, you make my heart sing... I think you move me. [S.22]

Einige Tage später ist Büscher in Timmendorf, um die "Reichen" zu sehen. Als er sie findet, tut er wohl nur etwas überrascht:

Jetzt waren sie endlich da, die Reichen, aber was, um Himmels Willen, waren denn das für Gestalten, die da auf die Timmendorfer Lichtung traten? Natürlich, es gab auch ein paar klassisch Unauffällige in Weiß und Dunkelblau, so wie es sich gehört an einem besseren Strand. Sie fielen aber auf und waren deutlich in der Minderheit unter den anderen, die auch noch da waren.

Das Verblüffende an diesen anderen aber war der Eifer, mit dem sie sich selbst beschriftet hatten. Viele waren mit Initialen und Labels übersät wie bezahlte Rennfahrer, und viele waren zu braun im Gesicht - auch eine Schrift. Fast alle trugen die unvermeidlichen bunten Baseballkappen mit irgendwelchen Zeichen darauf, Männer wie Frauen, und grelle Signalfarben, ein krasses Gelb oder Rot. Ihre nackten Oktoberfüße steckten in Schuhen, die laut riefen: Ich bin der Porsche Cayenne unter den Schuhen! Ich bin großer Sport!

Um Sport ging es, alles in allem. Nicht um wirlichen Sport, versteht sich. Man versuchte, eine Aura des Sportiven um sich zu erzeugen, dazu dienten auch die demonstrativ lockeren Umgangsformen, garniert mit möglichst auffälligen Sonnenbrillen. (...) [S.46-47]

Und so weiter. Eine schöne Dekonstruktion der Schönen und Reichen also.

In Wismar, bei einer Domführung, erlebt er, wie fremd dem Volk der Dichter und Denker die eigene Kultur, die eigene Vergangenheit geworden ist:

In St. Nicolai hörte ich dem jungen Mann zu, der einer Besuchergruppe die Bedeutung der vielen Heiligenfiguren auf dem Flügelaltar erklärte. Hätte er über aztekische Dämonen und Tiersymbole gesprochen, es hätte auf die Leute auch nicht seltsamer gewirkt. Alles war ihnen fremd. "Das ist ja Wahnsinn!", hatte einer ins Gästebuch geschrieben. Er meinte wohl: So viele gewaltige Kirchen in so einer kleinen Stadt; so viele hohe Säulen, Kreuzrippengewölbe und Backsteintürme. Manchmal kamen mir die Deutschen vor wie aus der Zeit gefallen und vorsichtig wieder hineingeführt. Wie ein Treck aus dem Nichts, etwas verwildert vor diesen etwas verwilderten Zeugnissen stehend: Das alles sollen einmal wir gewesen sein?[S.49]

Einfach nur niederziehend sind Geschichten wie der "Untergang der Stadt Swinemünde" am 12.3.1945 [S.61ff]

Der deutsche Osten, die Namen dort - eine seltsame Stimmung erzeugt das in Büscher:

Alle Ostnamen hörten sich dunkel und verboten an. Insterburg. Die Brücke von Tilsit. Memelland. Marienburg an der Nogat. Ragnit. Ratibor. Elche auf der Kurischen Nehrung. Trakehner, das Gestüt. Trakehnen, das Ende, der Treck übers Eis. Nein, das klang nicht wie "Rhein" und "Main" und "Drosselgass", das klang weit weg und gefährlich. Ein Name wie Tilsit - roch er nicht nach Käse, Treckschweiß, Schicksal und Schuld? [S.66]

Solche Beobachtungen wie die in einem Zug von Stettin Richtung Süden finde ich herrlich:

Der polnische Schaffner kam und bat so höflich um die Fahrscheine, dass sich alle im Zug ein paar Augenblicke lang vornehm fühlten. "Meine Herrschaften", sagte er und meinte die müden Alten mit ihren bunten Tüten und Taschen und die dösenden oder knutschenden Jungen mit den gleichen geschorenen Schädeln und Kapuzenshirts wie überall. Sie richteten sich auf, wie an einem Faden hochgezogen. Als er den Waggon verließ, sackten sie wieder in sich zusammen. [S.71]

Als Büscher nach Görlitz kommt geht es ihm wie uns vor einigen Jahren: Er ist von der Schönheit der Stadt Görlitz fast erschlagen.

Ein feiner Regen fiel, als ich nach Görlitz kam. Und wie mir [der Ort] Guben gezeigt hatte, was die Phrase heißt: "finis Germaniae", so zeigte mir Görlitz die Schönheit, und es war wie ein Schlag auf die Augen. Wie schön das Land gewesen sein muss. Was wir verloren haben. Ich lief durch eine unfassbar heile Stadt. [S.85]

Die ersten Westler, die nach dem magischen November 1989 hier auftauchten, wussten nicht, worüber sie mehr staunen sollten - über die Entdeckung eines vernachlässigten, aber wunderbar intakten Stückes Renaissance, diesen unglaublichen Tagtraum, von dem sie nichts geahnt hatten und durch den sie nun liefen. Oder darüber, wie günstig dieser Traum zu haben war: All die Häuser aus der Kolumbuszeit standen leer, man konnte sie kaufen für den Gegenwert eines sehr, sehr billigen Gebrauchtwagens. [S.86]

In einem deutsch-tschechischen Grenzort (Dubí) kommt er an "Imbissen" vorbei, in denen sich halbnackte Mädchen den vorbeirutschenden LKW-Fahrern anboten. Diese Mädchen hatten es im Schnee ja noch angenehm, andere...:

Die in den Mädchenhütten hatten es trocken und warm, andere standen im Schnee, halbe Knder manchmal, mit nackten Beinen und kurzem Rock. Sie sahen nicht hin, wenn ich vorüberging, einer aus den Bergen im langen Mantel, die Kapuze über den Kopf gezogen. Wenn der Weg eng war, wichen sie mir aus. Plötzlich tauchte eine vor mir auf, eine junge Zigeunerin mit kurzem gelben Haar und dem harten Gesicht eines Mannes, der alles gesehen hat, was dreckig und niedrig ist; es war das erste Mal, dass ich auswich. [S.102]

Sein Besuch im ehemaligen Konzentrationslager Flossenbürg und die Geschichten um den "Henker von Flossenbürg" (dem Scharführer Karl Weihe), den schlimmsten der dortigen Killer und Folterer: Einfach nur niederdrückend. [S.121-134]

In einem anderen der grenznahem deutschen Orte (Lam) landet Büscher wieder in einem Gasthof und wird Zeuge (und Mitmacher) einer irren Veranstaltung. Eine Männerrunde bestürmt einen der ihren, den "Girgl", nun endlich Musik zu machen. Er nimmt schließlich eine Gitarre und beginnt unter dem Johlen und Jauchzen der Männer, obszöne Lieder zu singen. Irgendwann rasen alle, und Bücher beginnt mitzurasen:

Bis dahin war es eine Gaudi gewesen, jetzt war es etwas ganz anderes. Jetzt kam der holde Wahn herbei und fuhr in den Girgl. Ganz versunken sang er, mit entrücktem Lächeln, zart fasste er die Gitarre, und dann passierte es, dann sprang es über, die schweren, verschwitzten Männer brüllten nicht mehr, sie ächzten und schluchzten und jubelten wie in der Hochzeitsnacht, und auch aus meiner Kehle hörte ich hohe Töne steigen, er sang, und ich tanzte und heulte dazu. [S.143] ...

Der Girgl war ein Erleuchteter. Ich lief nach draußen, warf mich in den Schnee und kühlte meine Nerven, sie standen mir überall heraus. (...) Und ich lag im ersten Schnee von Lam und jaulte wie ein verliebter Kojote.[S.144]

Die "Klausen" in Oberstdorf: Ich war oft in Oberstdorf, nur im Sommer allerdings, als Startpunkt zu Bergwanderungen. Dass es dort "Klausen" gibt, habe ich nicht geahnt, geschweige denn gewusst, was das ist: Eine Art wilder Karneval, bei dem verkleidete junge Männer alles verprügeln dürfen, was sich noch auf der Gasse zeigt, besonders natürlich junge Mädchen. Und auch Büscher bekommt einige noch tagelang schmerzende Schläge ab. Eine interessante Beschreibung. Sich vorzustellen, dass das, was Büscher beschreibt, schon die domestizierte Form dieses Brauchs war, fällt fast schwer. [S.185-190]

In Freiburg erinnert sich Büscher an seine Studentenzeit in den siebziger Jahren zur Zeit der Teach-Ins und der Möchtegern-Revolutionäre. Er denkt nach, ob er sich für den ganzen Unsinn schämt oder schämen sollte und kommt zum Schluss:

Ich hatte darüber nachgedacht, ob ich so etwas empfand [wie Scham], und war zu dem Schluss gekommen, dass es mir wahrscheinlich nicht viel anders ging als den Abgeirrten anderer Zeiten. Warum schwiegen und schweigen so viele über die Kriege, aus denen sie kommen - weil sie sich ihrer schämen?

Das ist nicht wahr. Sie schweigen, weil kein Mensch wüsste, was das ist, wovon sie nicht reden. Sie wissen es selbst nicht mehr. Sie waren gefangen in einem anderen Gesetz, einer anderen Höhle, und irgendwann sind sie einfach aufgestanden und hinausgegangen. [S.220]

Pforzheim kommt nicht gut weg, und Büscher beobachtet und beschreibt besonders scharf:

Ich verließ die diesige Rheinebene und kam nach Pforzheim, wo es klarer war, aber auch kälter. Und härter. Über die Stadt hatte ich sagen hören, sie sei bis in die sechziger Jahre hinein nach Frankfurt und Baden-Baden die mit den meisten Millionären gewesen.

Das sah man ihr nicht an. Die Fußgängerzone bot das Bild einer geschlagenen Stadt. Zwischen ärmlichen Nachkriegsbauten - bunkerhafte Kästen, industrieplattenverkleidet oder mit nacktem Beton, grauweiß, ockergelb, hellbraun - ging die Not auf und ab. Not jeder Art. Winternot. Sommernot. Geldnot. Herzensnot. Und die schlimmste: die Not, wohin sich wenden. Warum ist das alles so, was ist denn nur los? Was mache ich hier?

Zu junge Mütter, zu rosa angezogen, zu dick, zu durchbohrt. Bärtige Männer, die sich im Schritt kratzten, ihre vermummten kleinen Frauen zwei Meter hinter ihnen. Verfrorene Gestalten, die Kapuzen über den Kopf gezogen, als wären sie angewachsen. Nackte Mädchenbäuche selbst im Winter. So viel bedruckter Stoff, so viel bedruckte Haut.

Das exzessive Tätowieren von Haut und Kleidung hatte ich ganz vergessen. Im Süden, am böhmischen und bayerischen Rand oder am Bodensee, gab es das kaum. Jetzt war es wieder da, wie im Norden und Osten. Ein älteres Paar ohne Aufdrucke, Piercings und Tattoos ging durch die Zone der verrückt gewordenen Zeiten wie Besuch aus einer anderen Zeit.

Es war ein Ort für Apokalyptiker, und es war die richtige Saison, das heuchlerische Weihnachtsgeklingel aus den Discounthöhlen brachte einen um den Verstand. Die Not war groß, die Armut, die spirituelle Armut von Westdeutschland. Diese Fußgängerzone schrie nach einem Fanatiker. Einem Prediger mit Glut in den Augen und einem starken einfachen Wort. Er würde kommen, dessen war ich nun sicher. [S.223-224]

Und dann erzählt Büscher die spannende Geschichte des Wilhelm Cordier, der nach dem zweiten Weltkrieg eine Gemeinde um sich scharte und mit ihnen zunächst auf die Falkland-Inseln, dann nach Patagonien zog. [S.224-233]

Am Ende ist der Test etwas gehetzt: Vom Bodensee bis zum Startpunkt der Reise an der niederländischen Grenze - sicherlich ein Drittel der Gesamtstrecke - braucht Büscher nur 40 Seiten, ein Sechstel des Gesamttextes.

Zwischenstand neues Ölbild: "Battleship"

(04.09.2018) Zum zweitenmal das Thema battleship. Dieses Bild soll trister wirken als das reichlich bunte Gemälde von 2016. Dies ist der Stand nach zwei Abenden Arbeit am Bild. Da werden noch einige folgen müssen.

battleship

Lupano / Cauuet: "Die alten Knacker", Bd.3 und Bd.4

(02.09.2018) Als ich im Juni die ersten beiden Bände dieser Serie gelesen habe war mir klar, dass ich unbedingt auch die nächsten Bände lesen würde - und das habe ich nun schon mehrere Male gemacht.

Alte Knacker Bd. 3 u. Bd. 4

Beide Bände halten locker das Niveau, welches die ersten beiden Nummern vorgegeben haben. Man kann gar nicht anders, als alles doppelt und dreifach zu lesen - man entdeckt immer neues, gerade weil Cauuet ein Meister des Erzählens in Bildern und ein Meister der Körpersprache ist.

Band 3 ("Der, der geht") beschäftigt sich etwas intensiver mit der Vergangenheit von Mimile: Man erfährt von seinen Jahren als Rugby-Spieler im Pazifik, von seiner Freundschaft zu Errol und der verkorksten Liebe zu Berthe. Aber natürlich wird unglaublich vieles andere angerissen oder ausführlicher erzählt. Herrlich die Demontage der drei alten Knacker durch Sophie, die sich von Berthe die peinlichen und boshaften Streiche des Trios in der Nachkriegszeit gegen sie hat erzählen lassen und dies dem Trio nun knallhart vorwirft. Und während dieser Strafpredigt zerschlägt sie auf den Glatzköpfen der alten Knacker rohe Eier (was natürlich seine Bewandtnis hat). Eine herrliche Szene!

Alte Knacker, Sophies Strafpredigt

Band 4 ("Die Zauberin") beschäftigt sich etwas mehr mit der Arbeit von Sophie als Puppenspielerin, der Vorgeschichte dazu, und der beginnenden Liebesgeschichte zu Vasco, den Insektenforscher. Die "Zauberin" ist übrigens eine streng geschützte Insektenart.

En passent behandelt der Band verschiedene Formen der politischen Betätigung, vom strammen gewerkschaftlich organisierten Linkssein, wie es Antoine vorlebt (dem das Produkt der Arbeit egal ist, Hauptsache man erhält einen größeren Anteil vom Kuchen), über das Spontisein von Pierrot mit seinen subversiven Aktionen, über die lockeren aber politisch wirkungsvollen Aktionen von Sophie, dem ökologischen Engagement von Vasco bis hin zur von Mimile gelebten politischen Indifferenz.

Und ungeduldig erwarte ich nun den fünften Band der Serie, der im Herbst erscheinen soll.

Heinrich Thommen - "Sulamith und Maria"

(26.08.2018) Untertitel: "Beziehungen zwischen Friedrich Overbeck, Franz Pforr und den Schwestern Regula und Lisette Hottinger". Mit einem Vorwort von Michael Thimann.

Thommen, Sulamith und Maria

Das Buch habe ich nach der Verlagsankündigung sofort bestellt und konnte es so unmittelbar nach der Veröffentlichung lesen. Mit 68 Euro ist der Band nicht billig, dennoch habe ich nicht gezögert, ging es doch um ein Thema und um ein Bild, über das ich Anfang der achtziger Jahre meine Magisterarbeit geschrieben habe. Die damals bekannten Quellen habe ich alle im Original gelesen (soweit greifbar), meine Abschriften der Quellen stehen seit über zwanzig Jahren im Internet. Dank der langen Beschäftigung meine ich, den beiden Protagonisten Franz Pforr und Friedrich Overbeck auch menschlich recht nahe gekommen zu sein.

Im Vorwort schreibt Prof. Dr. Michael Thimann, dass die von Heinrich Thommen angewandte Methode einer biographischen Lesart der Gefahr unterliegt, "in einem Schlüsselroman zu enden, in dem alle Informationen auf das zu verbergende konkrete Geheimnis zu beziehen wären." Thommen hätte aber seiner Meinung nach diese Gratwanderung gemeistert. Mir kommt es allerdings so vor, dass eben doch viele Äußerungen, die zum Teil aus anderen, klar zuordbaren Kontexten stammen, immer wieder einseitig im Hinblick auf eine unterdrückte Liebesbeziehung zu den beiden Hottinger-Mädchen interpretiert werden.

Wenn Friedrich Overbeck aber von der Kunst schwärmt, dann schwärmt er wirklich von der Kunst, nicht von einem konkreten Mädchen. Und gar Pforr: Da kann ich mir nach der Kenntnis seiner Schriften gar nicht vorstellen, dass er von einem Mädchen schwärmt. Das macht er eher, wenn es um Jungs oder um Männer geht.

Mir hat die Lektüre letztlich einen zwiespältigen Eindruck hinterlassen, viele der angeführten Stellen finde ich entweder falsch interpretiert oder überinterpretiert. Dem Kerngedanken des Buches kann ich also nicht zustimmen.

Das Buch selber macht einen wertigen Eindruck, man bekommt etwas für sein Geld: Guter Einband, hochwertiges Papier, gutes Lektorat. Die Abbildungen erscheinen im ersten Moment etwas klein, sind aber derartig scharf gedruckt, dass sie geradezu nach einem Vergrößerungsglas verlangen.

Haruki Murakami - "What I Talk About When I Talk About Running"

(24.08.2018) Als Jugendlicher und als "junger Mann" habe ich Leichtathletik als Leistungssport betrieben: Mittelstrecken und Mehrkampf waren meine Spezialitäten. Daneben habe ich viel Basketball gespielt.

dlv mehrkampfabzeichen
Meine beiden DLV Mehrkampfabzeichen in Gold (1970, 1971)

Seit 40 Jahren mache ich keinen Sport mehr, fahre allerdings täglich 1,5 Stunden mit dem Fahrrad - der Arbeitsweg eben. Nun wollte ich - um mich nicht zu einseitig zu bewegen - wieder mit dem Laufen anfangen. Zunächst hat mir die Lektüre von Günter Herburgers "Lauf und Wahn" (vgl Journal vom 29.10.2016) Lust darauf gemacht, und nun habe ich Haruki Murakami gelesen. So präpariert habe ich vor zwei Wochen tatsächlich angefangen, wieder zu laufen, hitzebedingt aber nur 20 Minuten.

Murakami, Running

Die Murakami-Lektüre war tatsächlich motivierend. Der gute Mann ist nicht ohne Grund einer der bekanntesten Schriftsteller der Gegenwart. In diesem eher schmalen Buch verbindet er seine läuferische Entwicklung mit seiner Entwicklung zum Schriftsteller, schildert Erfahrungen im Sinn von "Lessons learned" und erzählt auch einige Grenzerfahrungen. Dankenswerterweise macht er aus seiner Geschichte keine Anekdotensammlung, aber Anekdoten kommen auch vor.

Die Lektüre hat Spaß gemacht, stellenweise war sie sogar spannend. Der englische Text ist in einer einfachen Sprache gehalten und hat sich flüssig lesen lassen.

Akademia Filmu i Telewizji - Klassische Musik, gespielt von polnischen Jugendorchestern

(01.08.2018) Ich habe zu Beginn diesen Jahres begonnen, meine ca 320 LPs in alphabetischer Reihenfolge durchzuhören. Ziel war oder ist, wirklich jede einmal wieder anzuhören (manche habe ich sicherlich über 30 Jahre nicht mehr aufgelegt) und etwa die Hälfte davon auszumisten. Einige Klassik-Platten, die ich Anfang der 70er-Jahre gekauft habe und die auf Tonaufnahmen der 50er Jahre basierten, waren von solch mediokrer technischer Qualität, dass ich auf YouTube nach Versionen der Stücke in guter technischer Qualität suchte. Von diesen speicherte ich dann teils das ganze Video, teils nur die Tonspur ab.

Dabei bin ich auf eine umfangreiche Reihe von Aufnahmen gestoßen, die von der polnischen "Akademia Filmu i Telewizji" aufgezeichnet wurden. Und zwar nicht irgendwie mit einer Video-Kamera irgendwo vor dem Orchester, sondern mit Dutzenden von Mikrophonen neben den Notenpulten der Musiker und mit mehreren großen gut gestellten Kameras. Kurz und gut: In einer tollen visuellen und akustischen Qualität.

Polnische Jugendorchester
Rechts in der vorderen Reihe als erste Violinistin Aleksandra Machaj

Auf der Webseite der Institution (http://gr.afit.pl/) wird nicht zuviel versprochen:

We are the most experienced TV production team in Poland, having made hundreds of TV & sound recordings in most renown Polish concert halls. In our productions we put a special emphasis on cooperation with the artists, so that our recordings and broadcasts reflect the composer's, director's and performers' design in the best possible way. At the same time, we do our utmost to ensure that our job does not bother real-life public of such concerts. Our team consists of professionals not only educated or experienced in film arts, television, cinematography, film editing, graphic design, sound engineering, but also in music arts and even composing. Concurrently we are music lovers and we simply like the music we record. The combination of so many specialties, occupations, experiences and interests provides us for not only the knowledge of musical forms, epochs or performance problems, but also allows us to successfully transforms the meaning and emotions of a musical piece into a film and television language. Thanks to that, our endeavors are „transparent” for the music lover/recipient - he or she does not notice the presence of cameras or editing. At the same time this combination allows a better understanding of the performed art. Consequently, our audience feels not as if they were watching the recording of a performance, but as if they were actually there.

Der Clou dabei: Es handelt sich fast ausschließlich um Aufzeichnungen mit Jugendorchestern. Der Aufwand, der mit den Aufnahmen betrieben wird, korrespondiert mit der Achtung, die man diesen jungen Musikern entgegen bringt. Bei der gebotenen Qualität würde man mit geschlossenen Augen nie vermuten, dass es sich um Jugendorchester handelt. Klar, es sind gute Orchester, es sind Orchester, die in einen Wettstreit miteinander sind. Es sind Solisten dabei, die am Anfange einer Karriere standen (man muss nur nach einigen besonders auffälligen jungen Künstlern recherchieren, denn korrekterweise werden die Namen der Solisten alle genannt). Man kann der "Akademia Filmu i Telewizji" nur dankbar sein, dass sie diese Konzertreihe ins Leben gerufen hat:

We've also organized a school orchestras competition, a successful undertaking promoting young Polish musicians in the world.

Folgende Stücke haben mir besonders gut gefallen:

Holger Hof - "Gottfried Benn. Der Mann ohne Gedächtnis"

(29.07.2018) Er hat einiges erlebt, der Doktor Benn: Zwei Weltkriege, drei Ehen, unzählige Geliebte, Karriereknicks, gesellschaftliche Umbrüche, hat hunderte von Leichen seziert, hunderte von Prostituierten auf seinem Behandlungsstuhl gehabt. Und er hat trotzdem immer weiter produziert (gedichtet, Essays produziert, tausende von Briefe geschrieben) und praktiziert (als Arzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten, einige Monate auch als Schiffsarzt). Immer kleinteiliger kennen wir seine Biographie, immer umfangreicher wird die Liste der bekannten Geliebten (meist auch in Verbindung mit einem Briefband). Sympathischer wird einem der Mensch dabei nicht, und trotzdem will man, muss man immer wieder und immer noch mehr von ihm lesen. Kommt man der Quelle dieser Produktivität (Benns) und dieser Faszination (unsererseits) mit neuen Biographien näher? Bisher nein.

Holger Hof, Gottfried Benn

Leider (oder glücklicherweise?) muss man sagen, dass dieses "nein" auch nach Holger Hofs Biographie "Der Mann ohne Gedächtnis" seine Gültigkeit behält. Brian Kernighans Satz über dunkle Ecken gilt auch für Benns dichterische Produktivität: "Dark corners are basically fractal - no matter how much you illuminate, there's always a smaller but darker one." (Quelle).

Holger Hof hat Benns Taschenkalender ausgewertet, und als Ergebnis verspricht der Klappentext, dass ein völlig neuer Benn zu entdecken ist. Natürlich ist das Quatsch. Wir wissen nun einige Datumsangaben mehr, kennen die Namen einiger weiterer Liebschaften - das Leben Benns "von Tag zu Tag" hat also einige Einträge mehr. Aber hilft das, Benns Faszination, die in seiner Sprache begründet ist, zu verstehen? Natürlich nicht. Benns politische, philosophische, künstlerische Einsichten sind einseitig und begrenzt, aber egal, von was oder über was er schreibt - seine Sprache entschädigt für alles. Jedes Schnipselchen möchte man lesen.

Nochmal zum "völlig neuen" Benn: Hofs Biographie ist zur Hauptsache eine Lebensbeschreibung, die kaum Werkdeutungen enthält. Wie soll aber anhand einiger neuer Lebensdetails ein "völlig neuer" Benn zu entdecken sein?

Seit der unsäglichen Unterstellung von Theweleit in "Buch der Könige I", dass sich die Produktivität Benns auch aus "Frauenopfern" speist, hört man es manchmal in verallgemeinerter Form und auch in dieser Biographie klingt es an, dass Benns Produktivität von seinen Eheproblemen, Frauengeschichten, Karriereknicks, Kriegsbeteiligungen, Leichengeschichten und so weiter profitierte. Zum Glück ist Hof dieser reichlich naiven Interpretationsspur nicht gefolgt. In der minutiösen Schilderung der letzten Monate des Krieges, in denen Benns zweite Frau umkam, meint man seine Antwort auf Theweleits Unterstellung zu lesen. Dieser Frauenopfer-Ansatz ist wohl eher etwas für Leute, die sich an Verschwörungstheorien begeistern, denn in der Konsequenz würde es heißen, dass Benn für alles, was ihn förderte, (mit)verantwortlich war, für den Tod seiner ersten Frau, den Tod seiner zweiten Frau, für seine Karriereknicks, für die Kriege und so weiter. Starker Toback. Ich würde es also lieber so sagen: Trotz privater und gesellschaftlicher Umwälzungen (Ende von Ehen, Kriege, Karriereknicks) hat Benn immer auch die Kraft gehabt, sich weiter zu entwickeln.

Ganz wichtig (und zum Fremdschämen) ist der mehrseitige Brief Benns vom April 1939 an seinen Vorgesetzten, in dem er sich gegen die Angriffe eines völkischen Malers zur Wehr setzte, und zwar so: "...von einer Gegensätzlichkeit zwischen meinen Büchern und dem Nationalsozialismus [kann] keine Rede sein...". Das ist also Benns gelebte "aristokratische" innere Emigration. Nach außen hin stramm und regierungstreu, nach innen hin...? Na ja.

Trotz der Vorbehalte würde ich Hofs Buch trotzdem als lohnende Lektüre betrachten - man muss nur wissen, was einem erwartet: Eine Lebensbeschreibung, keine Deutung.

Mondfinsternis 27.07.2018

(27.07.2018) Es war bei weitem nicht die schönste Mondfinsternis, die ich je gesehen habe, aber sie war an einem Spätabend mit tropischen Temperaturen zu sehen, und ganze leicht bekleidete Familien - sogar mit kleinen Kindern - waren bei uns im Feld unterwegs: Der Medien-Hype hatte ganze Arbeit geleistet. Hoffentlich waren die meisten über dieses Himmelsereignis nicht zu enttäuscht, denn wir mussten oft Hilfe leisten und zum anfangs schwer erkennbaren Mond zeigen. Es war also sicherlich die kommunikativste Mondfinsternis, die ich erlebt habe. Nett war, dass der helle Mars (in Opposition) recht nahe dabei stand. Keine Aufnahme zeigt den Zauber der Realität, trotzdem macht man natürlich immer einige Fotos.

mondfinsternis 27.07.2018
Drei Ausschnitte mit dem verfinsterten Mond; rechts ist auch der Mars mit drauf.

Jeff Campbell - "Speed Cleaning"

(26.07.2018) Beim Ausmisten von ca 10 Jahre alten Zeitungsausschnitten ist mir eine Buchbesprechung über "Speed Cleaning" aufgefallen (das Thema interessiert mich schon sehr lange...). Ich habe die Besprechung überflogen, nach dem Buch recherchiert, es als Kindle-eBook für 2,99 € gefunden, bestellt, und war nach weniger als einer Minute am lesen. Aufgehört habe ich nach drei Stunden, als ich mit dem Buch fertig war. Mal eine Klassikerlektüre der anderen Art, denn die erste Auflage kam schon 1985 "self-published" heraus.

campbell speed cleaning

Campbell stellt seine Putzprinzipien vor, das nötige Material, die allgemeinen und speziellen Techniken (abhängig vom Raum) und streift auch das Thema der Umweltverträglichkeit der Putzmittel.

Knapp die Hälfte des Buches behandelt das gleichermaßen spannende Thema, auf was zu achten ist, wenn man putzen lässt. Von wem? Was ist mit Steuern & Abgaben? Was mit Versicherungen? Wie motiviert man? Und so weiter.

Ich habe das Buch mit Gewinn gelesen, denn Recht hat er: Man lernt viel zu spät, schnell und gut zu putzen. Und bei "schnell" ist sein Richtwert: Weniger als eine Stunde für das Ein-Familienhaus bzw die Wohnung.

Ingeborg Bachmann - "Kriegstagebuch"

(24.07.2018) Ingeborg Bachmann: "Kriegstagebuch" Mit Briefen von Jack Hamesh an Ingeborg Bachmann. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Hans Höller. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010. 108 S., gebunden.

Ingeborg Bachmann, Kriegstagebuch

Der kleine Band ist nicht uninteressant, kommt aber mit einigen Etikettenschwindeln daher:

Mir waren bei der Lektüre die Briefe von Hamesh, besonders die aus Tel Aviv, weit interessanter als das Bachmannsche Tagebuch. Hamesh war 1938 als 18-jähriger mit einem Kindertransport von Wien nach London gekommen, Eltern und Verwandte waren schon alle tot. Als er jetzt, als Angehöriger des englischen Militärs, wieder nach Österreich kommt, ist er erstaunt, unter den ganzen Alt- und Noch-Nazis ein Mädchen kennen zu lernen, dass sich mit verbotener Literatur beschäftigt. Und nun sitzt dieser heimatlose Jude unter den Tätern, himmelt ein Mädchen aus einer Täterfamilie an und es wird natürlich zum Dorfgespräch, dass "die Bachmann" mit einem Juden geht. Und er gibt ihr Bücher, u.a. "Das Kapital" von Marx - in der rassistischen, antisemitischen und antikommunistischen Familie der Bachmanns würde zum Beispiel die Mutter deswegen gleich ohnmächtig werden, würde sie es erfahren. Und trotzdem schreibt er ihr später, wie wohl er, der Heimatlose, der Entwurzelte, der Einsame, sich im Kreis der Bachmannschen Familie fühlte.

Bachmann ud Hamesh
Ingeborg Bachmann links neben Jack Hamesh ("klein und eher häßlich").
Obervellach, Sommer 1945.
Aus: Hans Höller "Ingeborg Bachmann", Reinbeck bei Hamburg, 1999, S.8

Möglich, dass Ingeborg Bachmann die sechs DIN-A-4-Seiten abgetippt hat, um sie in späteren Werken zu verwenden, vielleicht als Gedächtnisstütze. Die Anstrengungen, die der Herausgeber Hans Höller unternimmt, um Bezüge zum späteren Werk herzustellen, sind allerdings schon etwas kurios. Gar zu behaupten, dass man das "Galicien"-Kapitel in "Das Buch Franza" nun anders lesen wird - das ist schon abenteuerlich.

Interessant fand ich die herausgeberischen Entscheidungen, im Tagebuchtext der Bachmann "stillschweigend" Korrekturen vorzunehmen (S.100), bei den Briefen Hameshs aber Grammatik und Orthographie genau wiederzugeben. Bei dieser Ungleichbehandlung gewinnt natürlich die Schriftstellerin, weil fehlerlos...

Hamesh, der noch 1946 wieder nach Palästina übersiedelte, um als Zivilist ein neues Leben zu beginnen, beschreibt sehr interessant die Aufbruchstimmung im neuen Staat - diese Passagen gehören für mich zum Interessantesten des Buches, zum Schluss also einige Auszüge aus dem langen Brief vom 16.7.1947:

"Palestina im heutigen Sinne ist ein neues, ein erwachendes Land.

So wie jedes Land welches beginnt seine Kräfte zu fühlen, muss auch Palestina ungeheure Schwierigkeiten überwinden.

Dieses kleine Land, ist gewollt oder ungewollt ins Zentrum der Weltpolitik vorgerückt. Viele wollen das nicht wahr haben.

Hier ist Öl, hier liegt der Suezkanal, der Weg nach Indien. Jerusalem, hier wurde Christus geboren, hier hausten einst die Juden, hier vegetieren schon seit Jahrhunderte Araber ein Elendsleben wie Du es kaum für möglich halten könntest.

[...]

Die Landwirtschaft ist modern, mechanisiert, das Dorf kommt hier der Stadt viel näher als in Europa. Die Landbevölkerung ist nicht zurückgeblieben, sie setzt sich zum größten Teil aus ehemaligen Studenten, Mittelständlern und Intelektuellen zusammen.

Die Landwirtschaft ist zumeist in kollectiven Einheiten organisiert.

Die Jugend, die hier heranwächst, ist schön gebaut, stolz unbefangen, einfach und frei von all den Verfolgungen und Minderwertigkeitskomplexen wie sie die jüdische Jugend in Europa aufwies.

[...] Neue Dörfer springen aus dem Sand. Wasser wird gesucht und immer wieder gefunden, neue Quellen zur Zurückdrängung der Wüste.

Bäume werden gepflanzt auf Boden der Jahrtausende vernachlässigt wurde. Schulen, Bibliotheken, Abendkurse, Arbeiterstudiengemeinschaften, Gewerkschaften, Konservatorien, Universität, technische Hochschulen, alles was in eine moderne Welt gehört wird hier langsam aber sicher entwickelt.

Der Lebensstandard der Arraber ist ums hundertfache gestiegen und es ist eine Lüge wenn man erzählt er werde durch die Juden bodenlos gemacht. Noch kein Arraber musste seinen Boden verlassen.

Im Gegenteil seit der Einwanderung der Juden haben sich die Arraber hier vermehrt, Spitäler, hygienische Einrichtungen, Mutter und Geburtenpflege, das alles ist das Pionierwerk der einst heimatlosen vertriebenen verhassten Juden."(S.64-67)

zu Jakob Chamicz = Jakob Marasch = Jack Hamesh = Yaakov Chamish

In einer neueren Ausgabe des "Kriegstagebuchs" ist die Identität von "Jack Hamesh" gelöst: Es handelt sich um Jakob Chamicz aus Wien (16.03.1920-21.07.1987), der als Jakob Marasch geboren wurde, in der British Army zu Jack Hamesh wurde und schließlich in Israel zu Yaakov Chamish.

Die Mutter (1890-1936) hieß Heni Marasch, war Hilfsarbeiterin, "heimatzugehörig" nach Szczurowice, Bezirksgericht Brody im damaligen Galizien. Sie starb 1936 an Lungenschwindsucht

Der Vater Abraham Marasch verstarb schon 1922.

Die rituell geschlossene Ehe der Eltern wurde nie offiziell registriert, weswegen Heni Chamicz als ledig galt.

Jakob Marasch wurde am 5.10.1926 in das Wiener Melderegister eingetragen, unter der Adresse des Waisenhauses der Israelischen Kultusgemeinde. Wahrscheinlich konnte die Mutter das Kind nicht allein versorgen und aufziehen.

Ab 1934 erlernte Jakob das Schustergewerbe.

Die letzte Eintragung zu Jakob Chamitz lautet: "ist ausgezogen am 1.11.1938 nach Palästina." Die letzte Wohnanschrift vor der Emigration: Lehrlingsheim der Israelitischen Kultusgemeinde.

Im November 1938 emigrierte er ins britische Protektorat Palästina und arbeitete bis 1941 als landwirtschaftlicher Hilfsarbeiter, von Juni 1941 bis Sommer 1946 war er Soldat der Britischen Armee.

In der Zeit vom Mai 1945 bis Juni 1946 war er als Dolmetscher in Hermagor in Kärnten stationiert.

Von 1946 bis 1965 lebte er in Tel Aviv.

1949 heiratete er zum ersten Mal.

Zuerst war er als Hafenarbeiter tätig, ab 1952 (nach einer Armverletzung) als Angesteller in der Hafenverwaltung von Jaffa.

1965 übersiedelte er nach Aschdod.

Er starb 1987 während einer Herzoperation in Ramat Gan.

Aus den beiden Ehen stammen zwei Söhne. Der Kontakt zu den Söhnen wurde hergestellt und die Söhne wurden auch mit Heinz Bachmann, dem Bruder Ingeborg Bachmanns, bekannt gemacht. In der Hinterlassenschaft ihres Vaters fand sich ein signiertes Foto von Ingeborg Bachmann mit dem Datum 23.6.1946, dem Datum der Abreise von Jack Hamesh aus Kärnten nach Neapel und Palästina.

Neues Ölbild fertig: "Lebbe nix Ponyhof"

(10.07.2018) So werde ich das neue Ölbild wohl lassen, werde allerdings nach zwei Wochen prüfen, ob noch etwas zu korrigieren ist.

Lebbe nix Ponyhof
"Lebbe nix Ponyhof", Öl auf Hartfaser, 60 cm x 80 cm

Seth Stephens-Davidowitz - Sozialpsychologie und Pornoforschung mit Big Data

(02.01.2018 und 29.06.2018) Was kann man mit der Auswertung von Google-Suchen über die Befindlichkeit eines Landes und seiner Menschen herausfinden? Seth Stephens-Davidowitz hat versucht, das in fünfjähriger Arbeit mit Google-Trends (ergänzt um Google Adwords und die anonymisierte Datenbasis von PornHub) herauszufinden. Google-Trends ist ein Tool, mit welchem die Anzahl von Suchanfragen zu einem Thema in einer gegebenen Region zu einer gegebenen Zeit abgefragt werden kann. Seine Ergebnisse hat er in seinem Buch "Everybody Lies" veröffentlicht. Ich habe mehrere Interviews und mehrere Buchbesprechungen gelesen und fand manche Erkenntnis nicht uninteressant. Etwas lästig ist der marktschreierische und in den Superlativ verliebte Stil - da muss man bei der Lektüre einfach durch. Ein Beispiel für diesen Stil: Seiner Meinung nach ist Google Trends "the most important data set ever collected on the human psyche." Das ist nicht gekleckert, das ist geklotzt.

Er begründet seine Wertschätzung des Google-Materials damit, dass "die Leute" Google Dinge sagen, die sie sonst niemanden sagen, und bei Google nach Antworten auf Fragen suchen, die sie niemanden sonst stellen. Allerdings: Wenn besorgte Eltern nach dem Thema "Kindesmisshandlung" recherchieren, machen sie das aus anderen Gründen als ein sadistischer Pädophiler. Man kann aus unterschiedlichsten Motiven etwas in Google recherchieren. Aber ich unterstelle mal, dass Stephens-Davidowitz solche Kritikmöglichkeiten in seinem Buch antizipiert und schon beantwortet hat, also etwas Methodendiskussion betrieben hat - wie man aus Andeutungen erkennt.

eros, sex
Béla Hassforther - Eros, Komposition (27.11.2016)

Was sind nun beispielhaft interessante Ergebnisse?

Ein großer Teil von Stephens-Davidowitzens Funden betrifft Pornographie, denn wer sich mit der menschlichen Natur beschäftigt, muss sich mit Sex beschäftigen. Und überhaupt: "Everybody is obsessed with sex. If they say they're not, they're lying." Wieder einige Funde:

Für Stephens-Davidowitz haben seine Erkenntnisse auch etwas beruhigendes: Man fühlt sich nicht mehr so allein mit seinen Süchten und Unsicherheiten und Ängsten, man sieht nämlich, dass viele andere die gleichen Interessen und Sorgen haben, dass es vielen anderen auch so geht. Gerade auch beim Thema Pornographie: "The data from porn tells us that everybody is weird. Thus, nobody is weird. And yet we all feel weird because we assume (wrongly) that no one else is as weird as we are."

Klingt schon interessant, das Buch, aber man kann nicht alles kaufen und lesen. Mir reichen diese Schnipsel.

Meine vier Hauptquellen: 1, 2, 3, 4

Theater und Orchester Heidelberg: "Shakespeare in Music"

(18.06.2018) Wenn man eine Vorstellung bei den Heidelberger Schlossfestspielen besucht, schaut man unwillkürlich immer zu den Wolken hoch, zum Himmel - denn regnen darf es nicht. Wir haben Glück gehabt und ideale Bedingungen gehabt: Schönes Wetter mit guter Fernsicht, nicht zu heiß.

Die angenehm kurze Vorstellung (ohne Pause) zum Thema Shakespeare und Musik war schön, der "szenisch-musikalische Sommernachtsabend", wie die Veranstaltung beworben wird, hat uns gefallen.

Günter Lehr (musikalische Leitung und Komposition) und Henning Bock (Regie und Bühne) haben einen interessanten Mix von Liedern, Sonetten und Szenen zusammengestellt, der musikalisch von Renaissance-Musik bis zu Heavy Metall reichte. Beeindruckend, wie toll die auf dem Keyboard gespielte Laute klang. Die drei Begleitmusiker Günther Lehr (Klavier und Keyboard), Nina Hacker (Kontrabass und E-Bass) und Günter Bozem (Schlagzeug und Percussion) haben mir überhaupt gut gefallen. Und natürlich der Countertenor Gert Hohmann, über dessen Mienenspiel ich öfters hätte laut lachen können.

Heinrich Thommen - "Im Schatten des Freundes"

(17.06.2018) Vollständiger Titel: Heinrich Thommen, "Im Schatten des Freundes. Arbeitsmaterialien von Franz Pforr im Nachlass Ludwig Vogels", Schwabe Verlag, Basel, 2010, 510 Seiten, 131 Abbildungen.

Das umfangreiche Buch hat mir in der Woche, die ich dafür gebraucht habe, einiges an Konzentration abgefordert, aber da ich Anfang der achtziger Jahre meine Magisterarbeit über Franz Pforr geschrieben habe, fühle ich mich zur Kenntnisnahme neuerer Literatur über Franz Pforr und den "Lukasbund" schon irgendwie verpflichtet. Gekauft habe ich den nicht ganz billigen Band (78 Euro) schon bald nach Erscheinen, also wohl 2011, aber erst jetzt mich zur Lektüre entschlossen, weil Thommen einen weiteren Band über Pforr herausgebracht hat, der aktuell (Mitte Juni 2018) noch nicht erschienen ist, den ich aber bereits bestellt habe.

Heinrich Thommen, Im Schatten des Freundes

Heinrich Thommen beschäftigt sich seit den siebziger Jahren mit dem Werk von Ludwig Vogel, einem Mit-Gründungsmitglied des Lukasbundes. Das Ergebnis dieser und der Studien aus den achtziger Jahren wurde veröffentlicht in Heinrich Thommen, "Ludwig Vogel im Kreise seiner Malerfreunde in Wien und Rom 1808–1813", Lizentiatsarbeit mit Werkkatalog, Basel, 1988.

Bei diesen und anschließenden Studien ist Thommen immer wieder auf Material gestoßen, welches er Franz Pforr zuschreiben konnte.

In der vorliegenden umfangreichen Veröffentlichung geht Thommen nun gezielt der Frage nach, was sich im umfangreichen Nachlaß Ludwig Vogels anderen Künstlern, insbesondere Franz Pforr, zuschreiben lässt, wie es dazu kam, dass Pforrs Material im Nachlaß von Ludwig Vogel aufging, und wieso in Vergessenheit geriet, dass sich umfangreiches Material Pforrs überhaupt im Nachlaß Vogels finden lässt.

Knapp zusammengefasst lief es so:

Als Pforr 1812 starb, hinterließ er ein Testament, hatte aber auch schon bei der Weihnachtsfeier 1811 im Wissen um seinen baldigen Tod manches aus seinem Besitz verteilt.

In seinem Testament bestimmte Pforr, welche seiner Werke (und des Erbes seines Vaters) nach Frankfurt zu seinen Wohltätern kommen sollten, welche für die Unterstützung seiner Malerfreunde versteigert, und welche an Overbeck oder andere gehen sollten.

Vogel bekam als Geschenk zu Weihnachten 1811 von Pforr die sogenannte "Costümsammlung", keine Sammlung von Kleidungsstücken, sondern Kopien nach alten Vorlagen, in der Mehrzahl von Pforr angefertigt, aber auch von verschiedenen anderen Kunstschülern aus Pforrs Bekanntenkreis, die Pforr sammelte. Diese Sammlung galt nicht als Sammlung von Kunstwerken, sondern als Arbeitsmaterial (weswegen Thommen im Untertitel des Buches auch nur von "Arbeitsmaterialien" spricht, nicht von "Werken").

Auch Vogel und andere "Lukasbrüder" kopierten während der Zeit auf der Wiener Akademie aus diesen Vorlagen, was die Zuschreibung an einzelne Kunstschüler nicht leichter macht.

Vogel klebte nach seiner Rückkehr in die Schweiz bei der Bearbeitung seines rasch anwachsenden Zeichnungsmaterials auch die besseren Exemplare aus dieser "Costümsammlung" auf blaue Bögen, damit also seine Zeichnungen mit denen anderer vermischend.

Wohl schon in Vorbereitung einer irgendwann anstehenden Nachlassteilung und von Verkäufen aus dem Nachlass ordnete Ludwig Vogels Sohn Arnold Vogel-Hotz nach 1861 die Mappen und die Ablage seines inzwischen über 70 jährigen Vaters. Auch er konnte erkennen, dass Zeichnungen in einem anderen Stil dabei waren, die er dann als "anonym" bezeichnete.

Nach Vogels Tod wurde sein Nachlaß auf seine drei Kinder verteilt, alles wurde korrekt als "Vogels Nachlaß" bezeichnet.

Die Erben ließen große Teile des Nachlasses dem Landesmuseum zukommen, wo die Teile bezeichnet wurden als "Aus dem Nachlass Ludwig Vogels". Auch die in den Handel gekommenen Zeichnungen führten als Provenienz die Bezeichnung "Aus dem Nachlass Ludwig Vogels".

Und so trat das Material Pforrs immer mehr in den Schatten von Vogels Werk.

Thommen hat in mühevoller Arbeit versucht, mit unterschiedlichen Methoden die verschiedenen Stile zu unterscheiden, immer beachtend, dass neue Funde auch das in Frage stellen, was man aus dem Bekannten als Stilkriterien ermittelt hat - die Maßstäbe ändern sich mit jedem neuen Fund. Anhand der Abbildungen, die zwar klein, aber in sehr guter Qualität vorliegen, kann man versuchen, die Schlüsse Thommens nachzuvollziehen, und ich muss sagen, dass sie mich überzeugt haben. Thommen ist es durch seine Beharrlichkeit gelungen, Pforrs bekanntes Oeuvre durch die Zuschreibung von rund 150 Funden glatt zu verdoppeln.

Es liest sich spannend und hat schon etwas von einer kriminalistischen Fährtensuche, wie Thommen seine Methoden, deren Stärken und Schwächen und ihre Anwendung beschreibt. Und besonders hier ist das Buch auch jenseits des eng gesteckten Untersuchungsthemas von allgemeineren Interesse.

Interessant und wohl auch ein Hinweis auf das bald erscheinende neue Buch Thommens sind manche Klärungen zur Biographie Pforrs, die geradezu verlangen, in einer eigenen Veröffentlichung zusammengestellt zu werden. Ich bin also auf das neue Buch gespannt.

Zwischenstand neues Ölbild: "Lebbe nix Ponyhof"

(12.06.2018) Nach einigen Monaten mal wieder ein Zwischenstand von meinem neuen Ölbild mit dem Arbeitstitel "Lebbe nix Ponyhof" (alternativ: "Lebe is nix Rosegadde"). Immer noch viel zu tun...

Lebbe nix Ponyhof
"Lebbe nix Ponyhof", Öl auf Hartfaser, 60 cm x 80 cm

Lupano / Cauuet: "Die alten Knacker", Bd.1 und Bd.2

(02.06.2018) Diese inzwischen vier Bände umfassende Serie hat so viele Preise gewonnen und so viel Lob erfahren, dass ich aus Neugier die ersten beiden Bände bestellt habe. Und ich muss zugeben: Wilfried Lupano (Autor) und Paul Cauuet (Zeichner) haben eine beeindruckende Comicserie geschaffen. Dreimal habe ich die beiden Bände bisher gelesen - und habe sie noch nicht satt.

Alte Knacker, Band 1, Band 2

Band 1 ("Die übrig bleiben") stellt die drei seit ihrer Kindheit befreundeten Ü70-Franzosen Pierrot, Mimile und Antoine vor. Alle haben sich eine obrigkeitsfeindliche Einstellung aus der Jugend bewahrt, von noch offensiv bis eher sediert. Als der 200%ige Gewerkschafter Antoine erfährt, dass seine verstorbene Frau ihn mit dem verhassten Boss seiner Firma betrogen hat, schnappt er sich sein Gewehr und macht sich auf in die Toskana, wo der ehemalige Firmenboss nun lebt. Seine beiden Freunde und seine Enkelin Sophie fahren hinterher, um ihn vom Mord abzuhalten. Der ehemalige Boss ist nun aber ein an Alzheimer erkrankter Tattergreis, weswegen ihm Antoine nichts anhaben kann. Der demente Alte verwechselt die Enkelin Sophie mit ihrer Oma (Sophie soll ihrer Oma total aus dem Gesicht geschnitten sein), und gibt der vermeintlichen Geliebten die Daten für ein geheimes Konto mit 97 Millionen Euro.

Band 2 ("Bonny und Pierrot")

Band 2 spielt knapp ein Jahr später, die schwangere Sophie ist inzwischen Mutter eines Babys. Um es Pierrot zu ermöglichen, seine subversiven Aktionen weiter durchzuziehen, schickt ihm Sophie einen Koffer mit Geld (vom geheimen Konto des ehemaligen Firmenchefs). Aus purem Zufall unterschreibt sie mit dem Namen einer ehemaligen algerischen Mitkämpferin und Geliebten von Pierrot, was diesem ganz verrückt macht, weil er unbedingt wissen will, was aus seiner Freundin geworden ist. Viele Rückblenden in die Vergangenheit gibt es, z.B. die Proteste gegen den Algerienkrieg. Pierrot gesteht, dass er - überredet von seiner algerischen Geliebten - mit ihr sogar einen Banküberfall durchgeführt hatte. Sophie macht eine eigene Aktion unter dem Namen dieser Geliebten, um Pierrot aus seiner Vergangenheitschose zu befreien (sprengt mit einer "Mehlbombe" eine Aktionärsveranstaltung). Letztlich stellt sich heraus, dass Pierrots ehemalige Geliebte die Frau eines biederen Bekannten von Pierrot geworden ist und ein biederes Leben in einem biederen Vorort von Paris fristete, und natürlich nun alt und klapprig und verwirrt geworden ist. Der Titel dieses zweiten Bandes ("Bonnie und Pierrot") ist eine Anspielung auf das Räuberduo "Bonnie und Clyde" und spielt auf den Banküberfall von Pierrot mit seiner damaligen Freundin an. Interessant aber nicht ungewöhnlich, mit über 70 wissen zu wollen, was aus einer Jugendliebe geworden ist.

In beiden Bänden werden die drei Alten trotz ihrer innerlichen und äußerlichen Macken meist(!) sympathisch charakterisiert, sie haben ihr Leben gehabt oder sind noch voll aktiv, und Spuren davon machen Sophie (als sie vom Vorleben von Mimile erfährt, Bd. 1) oder den coolen Hacker (als er von Pierrots Banküberfall erfährt, Bd. 2) meist sprachlos.

Es werden solche Details sein, die Lupano in einem Interview über die Ursachen ihres Erfolges anspricht: Die drei alten Männer geben den Lesern das Gefühl, "dass man keine Angst vor dem Älterwerden haben muss." Sie nehmen noch am Leben teil, sind keine Bürde für die Gesellschaft. Oder auch folgende Aussage von Lupano: In fiktionalen Stoffen sind Alte "...meist auf ihr Alter reduziert und die jungen Frauen oder Männer werden viel komplexer dargestellt - das ist verrückt, weil wenn du jung bist, weißt Du gar nichts über das Leben. Und genau das will ich in den 'alten Knackern' erzählen: Altern heißt nicht Reduktion, sondern die Verfeinerung der Persönlichkeit."

Im ersten Band wurde die Vergangenheit von Antoine durchleuchtet, im zweiten Band die von Pierre, im dritten Band wird es die von Mimile sein. Ohne es zu wissen würde ich vermuten, dass auch Sophie ein Band gewidmet sein wird, denn man weiß von der Enkelin von Antoine bisher nur, dass sie in Paris war und schwanger zurück aufs Land ging. Und Naomi Kleins kapitalismuskritische "Schock-Strategie" liest und in der Lage ist, eine Philippika gegen Rentner oder andere loszulassem.

Antoine, der in seinem Arbeitsleben ein kämpferischer Gewerkschafter war, der gegen Massenentlassungen und Lohndumping gekämpft hat, lebt im Alter in einem ansehnlichen großen Haus (fast einer Villa). Nach der Lektüre der ersten beiden Bände weiß ich noch nicht, ob das etwas zu bedeuten haben könnte... Pierre, der Anarchist in dem Kleeblatt, lebt dagegen in einer zugemüllten Dachgeschosswohnung. Wie man im 2. Band erfährt, ist er auch aktuell noch sehr aktiv politisch tätig. Hat also Antoine irgendwann seinen Frieden mit den Verhältnissen gemacht, um materiell so gut dazustehen? Die Vergangenheit von Mimile ist noch ganz dunkel, er ist auch der einzige, der schon in einem Altersheim lebt.

Der Zeichenstil von Cauuet ist weder verniedlichend noch glatt-realistisch, sondern karikierend und scharf. Man meint, dass das bei dem Thema und den Geschichten gar nicht anders sein könnte.

Die beiden Bände haben mir so gut gefallen, dass ich mir auch die nächsten zwei Bände bestellen werde.

Auftritt mit den Lightnings im Ascot (Wiesloch)

(26.05.2018) Das Ascot in Wiesloch hat den Besitzer gewechselt. Schön, dass auch unter den neuen Betreibern Auftritte möglich sind. Die Bühne ist an einer anderen Stelle im Raum, nicht so gut wie vorher - aber na ja. Vier Stunden haben wir gespielt, war wieder schön.

Spektrum Spezial: "1200 v.Chr. Das dramatische Ende der Bronzezeit"

(15.05.2018) Es ist immer wieder überraschend, wie einem frühe Lektüre für ein ganzes Leben prägen kann: Ende der sechziger Jahre (wohl 1968) habe ich mit Begeisterung das Buch "Das enträtselte Atlantis" von Jürgen Spanuth gelesen. Mit 14 oder 15 Jahren bei den damaligen Recherchemöglichkeiten war es zum einen fernliegend, zum anderen nahezu unmöglich, sich über den weltanschaulichen Hintergrund von Autoren zu informieren; sowieso trat man Büchern noch mit gläubigen Interesse gegenüber. Von daher war es für mich damals ausgemacht, dass Helgoland ein Rest des versunkenen Atlantis ist und die "Seevölker" durch die Naturkatastrophe vertriebene "Atlanter" sind. Und alles geschah um 1200 v.Chr. Klar sehe ich das heute anders, weil ich mich schon bald nach Beginn des Internetzeitalters und der ersten Suchmaschinen über Jürgen Spanuth und seine Anhänger kundig gemacht habe.

spektrum spezial 1200 v. Chr.

Aber wie ein dankbares Versuchstier für den Pawlow-Reflex läuteten bei mir sofort alle Glocken, als ich vor einigen Monaten in unserer Bahnhofsbuchhandlung das Spektrum-Sonderheft "1200 v. Chr." sah. Ich konnte einige Wochen widerstehen, bekam es aber aufgrund der frühen Prägung nicht aus dem Kopf und habe es schlußendlich gekauft und von vorne bis hinten gelesen.

Spanuth ist natürlich heute kein Thema mehr, eher hackt man an Eberhard Zangger und seinen Luwiern herum (was tatsächlich auch in einem eher schwachen weil übertrieben polemischen Beitrag geschieht). Und natürlich sind ganz andere Themen inzwischen wichtig bzw Gegenstand der Forschung (wobei sich "wichtig" und "Gegenstand der Forschung" nicht immer deckt).

Interessant fand ich folgende Beiträge:

Kulturkollaps. Ende mit Schrecken, S.6-13: Um 1200 v.Chr. wurden die mykenischen Paläste zerstört und das hethitische Großreich nebst diverser Kleinstaaten in Kleinasien zerbrach. Kriegerische Seevölker wurden dafür verantwortlich gemacht, konnten aber bisher nicht identifiziert werden. Weitere (oder andere) Ursachen des Kollapses könnten Erdbeben und eine Dürreperiode gewesen sein. Vermutlich gabe es wohl nicht nur eine Ursache.

Königtum. Wer sass einst auf Mykenes Thron? S.14-19: Die Regierungsform der frühgriechischen (mykenischen) Reiche (1450-1200 v. Chr.) ist immer noch unklar: Gab es einen Großkönig? Oder mehrere Könige? Ist mir eigentlich egal, war aber trotzdem einer der interessanteren Aufsätze des Heftes.

Troja. Die Erforschung eines Mythos, S.20-29: Troja darf in einer Aufsatzsammlung über diese Zeit nicht fehlen, ist immer interessant. In der Bronzezeit gab es hier ein bedeutendes politisches und wirtschaftliches Zentrum. Kandidaten für ein durch einen Krieg zerstörtes Troja sind Troja VI (um 1300 v. Chr.) und Troja VIIa (um 1200 v. Chr.). Trotz der Zerstörungen blieb der Ort aber weiterhin besiedelt, "Lebbe geht weider", wie es so schön heißt (Dragoslav Stepanovic). Der Aufsatz ist allerdings nur grenzwertig interessant.

Seevölker. Sturm im Wasserglas, S.44-47: Pharao Ramses III rühmte sich als Sieger über die Seevölker. Der Wahrheitsgehalt des Berichts wird aber inzwischen bezweifelt. Auch die im Bericht erwähnten Philister sind wohl eher friedlich eingewandert.

Ägypten. Über wen herrscht Pharao denn noch? S.64-69: Dieser Aufsatz liefert quasi die Antwort auf die Frage, warum Ramses III. offenbar bei den Berichten über kriegerische Aktionen massiv aufgeschnitten hat: Er rühmte sich zwar, ein erfolgreicher Feldherr zu sein, konnte aber den Verfall des Reiches nicht aufhalten und wurde letztlich bei einem Putsch ermordet. Auch seine Nachfolger waren reichlich erfolglose Politiker.

Griechenland. Die dunklen Jahrhunderte. S.70-75: Nach der Zerstörung der mykenischen Paläste und dem Ende des Herrschaftssystems reduzierte sich das Leben in Griechenland auf kleine Gemeinschaften. Aber immerhin: Eisen löste die Bronze ab, und an der kleinasiatischen Küste wurden erste Siedlungen gegründet. Im 8.Jh. v. Chr kam dann die Alphabetschrift auf, und der Bürgerstaat "Polis" wurde als Organisationsform populär. So dunkel waren diese Jahrhunderte also doch nicht (abgesehen davon, dass eine ausbeuterische und tyrannische Kultur typischerweise auffallendere architektonische Hinterlassenschaften hat als eine eher demokratische und friedliche Kultur, die kulturell deutlich höher stehen kann).

Régis Loisel: "Micky Maus - Café Zombo"

(05.05.2018) Mit 29 Euro für 76 Seiten scheint dieser Comic aus der Egmont Comic Collection auf den ersten Blick vielleicht etwas teuer, aber schon nach der ersten Lektüre (der bei mir in den nächsten Wochen schnell hintereinander weitere Lektüren folgten) weiß man, dass der Band jeden Cent wert ist. Gekauft habe ich ihn im Laden des Erika-Fuchs-Hauses in Schwarzenbach a.d. Saale, welches wir am 04.05.2018 besuchten.

Loisel, Cafe Zombo

Die Handlung spielt zur Zeit der großen Depression in Amerika, in einem ärmlichen, ländlichen Milieu. Die männliche Bevölkerung ist entwürdigt zu Tagelöhnern. In ihrer Körperhaltung, Körpersprache und Mimik beim Stehen in der Warteschlange wird der Grad der Entwürdigung deutlich.

Die wirtschafliche Depression führt auch zu persönlicher Depression und zu Nachlässigkeiten. Überall liegt Abfall herum, auf der Strasse, in den Gärten, in den Wohnungen. Leere Konservendosen und Sardinenbüchsen, alte Reifen, kaputte Fässer - Müll und Verfall allerorten. Die einfachen Holzhäuser sind oft nur notdürftig repariert, die Kleidung der Männer geflickt und schäbig. Alles wirkt etwas trostlos.

Loisel, Cafe Zombo
Goofy in seiner Küche: Geflickte Kleidung, Müll auf dem Boden, hängende Schranktür,
Eimer unter der tropfenden Spüle, Stapel von schmutzigem Geschirr im Ein-Personen-Haushalt.

Micky und Rudi werden bei der Arbeitssuche immer wieder abgewiesen, was in ihrem Fall - wie man später sehen wird - einem Kalkül entspricht: Micky ist als pfiffiger Kerl bekannt. Sie entschliessen sich, erstmal Urlaub mit ihren Frauen zu machen, und besuchen Donald, der an einem See lebt und ein Boot hat. Zu fünft geniessen sie einen Urlaub in ausgelassener Stimmung. Wieder zurückgekehrt finden sie ihr Viertel verändert wieder: Die Frauen und Kinder sind in ein Ferienlager gelockt, die Männer mit einem präparierten Kaffee zu zombieartigen Arbeitssklaven gemacht worden (daher Café Zombo). Der Banker Rock Fuller will sie überreden, als Vorarbeiter den Abbruch des Viertels zu betreuen, es soll ein Golfplatz für die Reichen angelegt werden. Da Micky und Rudi das ablehnen kommt es zum Kampf, der mit immer größerer Entschlossenheit und Bitterkeit und teils sehr brutal bis zum Sieg der Armen durchgefochten wird.

Micky ist anders charakterisiert als in den Micky-Maus-Heften, die ich in den sechziger Jahren gelesen habe, nicht so bieder und streberhaft, sondern lebendiger, kampflustig, auch brutal (sogar Goofy wird "sorgfältig bewusstlos geschlagen", wobei Mickys Baseballschläger zersplittert). Den Kampf mit Kater Karlo, der mit harten Bandagen geführt wird, scheint Micky zu genießen. Überhaupt Kater Karlo: Ein Bösewicht wie er im Buch steht. Ein herrlich gezeichnetes Riesenmaul mit gerade mal noch einer Handvoll von Zähnen.

Ein etwas schräges Licht fällt auf die Gattinen der beiden Helden, auf Minnie und Klarabella: Hemmungslos nutzen sie die Gutmütigkeit Goofys aus und behandeln ihn wie einen Sklaven, Dankbarkeit ist ihnen fremd. Auch sonst sind sie durchaus anspruchsvoll und gewohnt, ihren Willen zu bekommen. Ihre Männer sehen sie ungern untätig, denn "ein untätiger Mann ist ein verlorener Mann".

Rock Fuller bringt nur Gefühle gegenüber seinem Auto auf (als es demoliert wird); über die verarmten Bewohner des Viertels sagt er nur: "Nur weil sie arm sind, müssen wir doch kein Mitleid haben, nicht wahr? Haha!" Mit zwei Chemikern (also Wissenschaftlern) hat er willfährige Organe zur Durchsetzung seiner Interessen. Auch diesen beiden geht jede Empathie ab.

Was soll man zu den Bildern sagen... Meisterhaft. Spitze. Zum Heulen schön. Unbedingt anschauen!

Loisel löste bei mir - gemeinsam mit der Giuseppe-Bergmann-Serie von Milo Manara - einen richtigen Comic-Lese-Boom aus: Auf jeden Band der Serie "Die Suche nach dem Vogel der Zeit" habe ich Ende der achtziger Jahre sehnsüchtig gewartet. Auch "Peter Pan" ist ein Meisterwerk von Loisel. Leider hat sich Loisel in den letzten zehn Jahren eher als Szenarist verstanden und andere zeichnen lassen. Dass er es noch kann und wie: Das hat er in "Café Zombo" eindrucksvoll demonstriert. Die Branche weiß nun wieder, wo der Hammer hängt.

Erika-Fuchs-Haus, Schwarzenbach a. d. Saale

(04.05.2018) Seitdem ich in der Comic-Zeitschrift Alphonz 4/2014 von der bevorstehenden Eröffnung des Erika-Fuchs-Hauses in Schwarzenbach a.d. Saale gelesen habe, wollte ich es besuchen. Nun hat es geklappt.

Erika-Fuchs-Haus
Erika-Fuchs-Haus, Bahnhofstraße 12, 95126 Schwarzenbach a.d. Saale

Durch den Anspruch, ein "Museum für Comic und Sprachkunst" zu sein, darf natürlich nicht nur Erika Fuchs vorgestellt werden, der Anspruch reicht weiter. Deswegen beginnt der Rundgang auch mit einem etwa 10-minütigen Kurzfilm zur Comicgeschichte, der recht geschickt die Entwicklung der Comics und wichtige Werke vorstellt, und das alles in einer Kürze, die auch jugendliche Besucher nicht überfordert.

Nach dem Film kommt man in das "begehbare Entenhausen", wo Einblicke in die Behausungen von z.B. Donald oder Daniel Düsentrieb gegeben werden, aber auch die Hafenanlagen von Entenhausen vorgestellt werden - und man wundert sich, so gar nicht mitbekommen zu haben, dass Entenhausen geradezu eine Metropole mit Gefängnis, Münster, Theater, Hafen usw ist, kein verschlafenes Kleinstädtchen.

Erika-Fuchs-Haus
Ein kleiner Teil des begehbaren Entenhausens.

Es folgt ein Raum, der in wandgroßen biographischen Comics des Zeichners Simon Schwartz das Leben von Erika Fuchs darstellt. Es ist lobenswert, dass auch so dunkle Kapitel wie die Rolle ihres Mannes im Dritten Reich thematisiert werden, der Leiter eines Rüstungswerks neben dem Konzentrationslager Laura war, wo 2500 Zwangsarbeiter in einem unterirdischen Flüssigsauerstoffwerk eingesetzt waren. Die 1906 in Rostock geborene promovierte Kunsthistorikerin Erika Fuchs war ab 1951 drei Jahrzehnte lang für die Übersetzung der Donald-Duck-Geschichten verantwortlich.

Erika-Fuchs-Haus
Der Raum mit der Comicbiographie von Erika Fuchs (Zeichner: Simon Schwartz).

Der nächste und größte Raum mit interaktiven Stationen ist der Sprachkunst von Erika Fuchs gewidmet. Es gibt originale Objekte von ihr zu sehen sowie auf einer Reihe von Monitoren Interviewausschnitte. Mit einer Art "Glücksrad" konnte man nach dem Zufallsprinzip Substantive zusammensetzen, und wir bekamen das wirklich schöne Wort "Bürzelschmuck" vorgeschlagen.

Erika-Fuchs-Haus
Zwei der Hilfsmittel von Erika Fuchs:
Die sogenannte "Morenhovener Lupe", die sie 1994 als Kleinkunstpreis bekam.
Und "Der deutsche Wortschatz nach Sachgruppen" von Franz Dornseiff.

Erika Fuchs blieb nicht lange unbekannt, und dank ihrer tollen Übersetzungen war sie schnell populär und beliebt - kein Wunder, dass es jede Menge Hommagen an sie gibt (von Ulli Lust, Ralf König, Flix, Reinhard Kleist usw), die in einem eigenen Raum vorgestellt werden.

Für die anschließende Bibliothek müsste man etwas mehr Zeit mitbringen, andererseits waren wir am Museum interessiert, nicht an Büchern.

Zu guter letzt: Sowohl kurz vor Betreten des Filmvorführraumes als auch aus der Bibliothek heraus kann man die Sammlung Severin sehen: Diese Sammlung aus Donald-Duck-Figuren, Comics, sowie Severins Forschungsarbeiten zu Entenhausen sind der Grundstock des Museums.

Fazit: Ein sehenswertes kleines Museum.

Reinhard Kleist - Artbook "Nick Cave And The Bad Seeds"

(01.04.2018) Für seine Nick-Cave-Biographie (hier meine Besprechung) hat Reinhard Kleist unzählige Einzelbilder gemacht, der fertige Comic-Band enthält ja rund 1100 Bilder. Vermutlich sind mehrere tausend Vorstudien gemacht worden. Und natürlich hat Reinhard Kleist auch größere Graphiken als Vorstudie, als fertige Druckvorlage oder als für sich stehendes Werk gemacht. Es bietet sich natürlich an, die besten und spannendsten dieser Graphiken in einem "Artbook" zu versammeln.

Reinhard Kleist, Artbook Nick Cave

Sein Artbook zu Nick Cave im großzügigen LP-Format enthält wunderschöne ganzseitige Abbildungen, aber auch manches kleinere Werk, es enthält Tuschezeichnungen und Werke in verschiedenen anderen graphischen Techniken. Es ist ein Buch, das nicht nur Nick-Cave-Fans immer mal wieder in die Hand nehmen können. Solche Bücher würde ich mir von einigen anderen Comic-Künstlern auch als spin-off zu wichtigen Alben oder Serien wünschen. Empfehlenswert!

Corto Maltese - Äquatoria

(26.03.2018) Den neuen Corto-Maltese-Band des spanischen Duos Juan Díaz Canales (Szenario) und Rubén Pellejero (Zeichnungen) habe ich seit Januar mehrmals gelesen. Er ist gut, aber nicht sehr gut, aber immerhin besser als der Vorgängerband - dem ersten Corto-Band dieses Autorenteams -, denn da waren sie wohl noch etwas verkrampft.

Corto Maltese, Äquatoria

Dieser zweite Band enthält schöne Bildfolgen, nette Dialoge, er spannt einen weiten Bogen - aber wirkt wie ein "Corto Maltese" aus dem Baukasten: Man nehme einen mythischen Schatz, mindestens eine schöne Frau, Kampfszenen, einen Corto auf Seiten der Guten, der aber gerne damit kokettiert, auf keiner Seite zu stehen und so weiter. Natürlich enthält ein richtiger Corto Maltese noch mehr Bausteine, aber "you got it".

Der neue Band beginnt in Venedig, wo Corto seiner steif und formell wirkenden Begleitung Aida den Grund seines Aufenthalts in Venedig erläutert: Er will den Magischen Spiegel des Johannes suchen. Aus keinem Anlaß als ihr die Geschichte zu erzählen fährt er mit ihr auf die Insel San Lazzaro degli Armeni, bewegt sich sicher wie ein Mitbewohner im Kloster und zieht in der Bibliothek eine alte Handschrift heraus, anhand derer er Aida Details der Geschichte erklären kann. Vielleicht war das 1911 - dem Jahr, in dem die Geschichte spielt - tatsächlich so einfach und selbstverständlich; als ich 1978 im Rahmen eines Seminars diese Bibliothek besuchte, war man natürlich unter ständiger Aufsicht und durfte die alten Handschriften nicht ohne Handschuhe berühren.

Corto weiß aber schon, dass die Spur weiter führt nach Malta, und so finden wir ihn zusammen mit Aida, die auf eine gute Story für den National Geographic hofft, auf einem großen Dampfschiff auf dem Weg nach Malta. Da auf Malta gerade die Cholera ausgebrochen ist, fährt das Schiff weiter nach Alexandria, was aber Corto und Aida nichts ausmacht.

Auf dem Schiff lernt Corto die Mischlingsfrau Ferida Schnitzer kennen - sehr zum Leidwesen von Aida. Die kleinen Eifersuchtsszenen sind mit rein bildnerischen Mitteln erzählt und doch ganz klar: Kein Text ist dafür nötig. Beim Auftauchen von Ferida hat Corto nur noch Augen für diese, das merkt natürlich Aida und rauscht von dannen. Das "Interesse" Aidas an Corto wird nie explizit angesprochen, es lebt von kleinen visuellen Anspielungen.

Sowohl Aida wie nun auch Ferida sind trotz der heißen Gegenden in wahre Ungetüme von Kleidung gewandet, Sonnenschirme inclusive, dazu tragen sie Wahnsinnsteile von Hüten.

In Alexandria besucht Corto einen Bekannten, den griechischen Dichter Konstantinos Kavafis - Corto ist also nicht das erste Mal hier und hat ein Faible für Gedichte - so einfach gestaltet man eine neue Facette an Corto.

Corto bei Manolis
Eine beeindruckende Komposition: Corto besucht den Sarghändler Manolis.
Das Empfangskomitee...

Kavafis verweist wegen Informationen zum Magischen Spiegel an einen griechischen Bekannten, der aber Corto abblitzen lässt, weil ein Nicht-Grieche nicht vertrauenswürdig sein kann. Kaum ist Corto auf dem Rückweg kommt er gerade recht, um Kavafis vor Attentätern zu retten. In deren Taschen findet er den Hinweis auf ein geplantes Attentat auf Winston Churchill, eilt zum geplanten Tatort und rettet Churchill im letzten Moment das Leben. Das ist in der Summe etwas viel Zufall und Heldentum auf einmal, aber OK.

Da Corto mit seinen Heldentaten die Nationalpartei gegen sich aufgebracht hat, muss er - zusammen mit Aida - Alexandria heimlich verlassen. Dabei hilft Manolis, der griechische Bekannte von Kavafis, denn nun ist Corto für ihn auf der richtigen Seite. Sie werden an Bord eines Schiffes gelotst, welches sie unter dem Kapitän Henry de Monfreid nach Sansibar bringen soll, wo Corto weitere Unterstützung für seine Suche nach dem Magischen Spiegel versprochen wird.

Corto und Aida gehen ohne Gepäck auf das kleine Schiff, Aida immer noch in wallenden Gewändern und mit Sonnenschirm (wo macht sie auf so einem reinen Männerkahn ihre großen und kleinen Geschäfte, frägt man sich unwillkürlich), Corto ohne Zigarettenvorräte (wo und wie frischt er seine Vorräte auf, um weiterhin Kette rauchen zu können, sorgt man sich unwillkürlich). Die Reise in dem kleinen Boot dürfte mehrere Wochen gedauert haben - nicht schlecht in den immer gleichen Klamotten.

Henry de Monfreid bekommt an einer Übergabeboje statt Geld eine schwarze Sklavin, fast nackt, der Corto - ganz Gentleman - seine Jacke zum Bedecken der Brüste gibt.

Da die abergläubische Besatzung die Anwesenheit von zwei Frauen als unheilbringend betrachtet, schlägt Corto vor, mit den beiden Frauen per Beiboot in das nicht mehr allzu ferne Sansibar zu rudern. Aida lehnt ab, da sie spürt, dass Corto eine gewisse Neigung zu Afra empfindet - und hat Tränen in den Augen. Sie bleibt zurück, um einen Artikel über Henry de Monfreid für den National Geographic zu schreiben. Die reale Aida hat das auch getan, allerdings 20 Jahre später: Im Comic wäre sie erst 22 Jahre alt und ist da natürlich noch keine Autorin vom National Geographic. Eine seltsame Figur: Steif, hochmütiger Blick, strenges Kostüm, immer in braun gekleidet - man kann sich nicht vorstellen, dass das eine weltbereisende Frau zu Anfang des 20. Jahrhunderts ist.

Corto geht mit Afra in Sansibar herum, unterwegs erinnert sie sich an ein Sklavenlager und besucht es, Corto schweigsam hinterher. Dabei gibt es einige eindrucksvolle zeichnerische Passagen.

Corto und die Sklavin Afra
Eine Nachtszene: Der stocksteife Corto und die verzweifelte Sklavin Afra

Danach besucht Corto alleine den ehemaligen Sklavenhändler Tippu Tip, weil der ihm bei der Suche nach dem Magischen Spiegel helfen könnte - und so ist es auch. Bei Tippu Tip, der zur Handlungszeit des Comics schon sechs Jahre tot ist, trifft Corto beim Abendessen Ferida Schnitzer wieder und es wird bestimmt, dass er sie auf der Suche nach ihrem Vater begleitet.

Und so geht es weiter. Man muss nicht alles nacherzählen. Aber es fällt auf: Der Anlass der Reise / des Abenteueres ist reichlich bemüht - aber da der Spruch "der Weg ist das Ziel" nicht immer gilt, braucht es halt etwas, um die Handlung in Gang zu bringen, denn "ohne Ziel kein Weg".

Das Personal des Comics hat keinen richtigen Sinn, das ganze wirkt oft wie ein bemühtes name-dropping, und Corto wird damit zu einem everybodys darling, der alles und jeden kennt (und en passent einem der wichtigsten Politiker des 20. Jahrhunderts das Leben rettet). Aber was hilft es der Handlung, dass die geschichtliche Gestalt Henry de Monfreid Kapitän des Schiffes ist, welches Corto nach Sansibar bringt? Ein x-beliebiger Seebär hätte es auch getan. Und wie kann der 24 jährige Schulabbrecher Corto Maltese gleichzeitig intimer Kenner apokrypher Legenden sein, gleichzeitig sich in Klosterbibliotheken auskennen, gleichzeitig Freund eines griechischen Dichters in Alexandria sein, gleichzeitig mitten in Afrika den dicken Wälzer "The Golden Bough" von J.G. Frazer lesen (und das Kunststück fertigbringen, ohne Gepäck in Sansibar anzukommen und irgendwie das Buch aufzutreiben...) und so weiter.

Es wäre nicht nötig gewesen, ein Figurenarsenal heran zu zerren, welches zeitlich nicht zusammenpasst, also entweder schon tot ist (Tippu Tip) oder seine beste Zeit erst 20 Jahre später hat (Aida). Mir wäre es lieber gewesen, das alter ego von Corto Maltese, sein "Freund" Rasputin, würde mitmischen...

Trotz aller Einwände wirkt das Buch aber doch! Man merkt halt, dass zwei Ausnahmekünstler am Werk waren.

Zwischenstand neues Ölbild: "Lebbe nix Ponyhof"

(06.03.2018) Ein erster Zwischenstand von meinem neuen Ölbild mit dem Arbeitstitel "Lebbe nix Ponyhof" (alternativ: "Lebe is nix Rosegadde"). Sehr viel ist noch zu tun...

Lebbe nix Ponyhof
"Lebbe nix Ponyhof", Öl auf Hartfaser, 60 cm x 80 cm

Auftritt mit den "Lightnings"

(12.02.2018) Toller Auftritt mit den Lightnings im harry's in Walldorf. Es war Rosenmontag, volles Haus, ein tolles Publikum in Tanzlaune - was will man mehr.

Lightnings im harrys 20180212
Von links: Klaus Petrick (dr, voc), Claus Hochgeschwender (g, voc), Waldemar Martin (kb), Béla Hassforther (b)

Tim Ferriss - "Der 4-Stunden Körper"

(11.02.2018) Tim Ferriss ist ein seltsamer Vogel. Er möchte gerne den Eindruck vermitteln, umtriebig zu sein, mir kommt er aber eher getrieben vor. Bei allen Optimierungen an Arbeitsabläufen, am eigenen Körper, an Arbeits- und Kreativtechniken, die er seit Jahren vorschlägt und temporär selber lebt, frägt man sich, für was er das alles macht. Der gute Mann ist inzwischen 40 (Jahrgang 1977), ist ein begnadeter Selbstvermarkter, kommt einem aber immer noch wie ein großer Bub vor, der leider allmählich in die Jahre kommt. Die große Aufgabe, das große Ziel im Leben, für das die ganzen Optimierungen wohl den Weg ebnen sollen, scheint ihm selber zu fehlen. Er scheint das auch selber zu merken, denn auch er ist nicht frei von Depressionen und Suizid-Gedanken. Vielleicht sollte er sich mal vier Stunden in der Woche um ein Lebensziel kümmern. Vielleicht muss man sich dann auch einmal zu etwas "committen", sich auf etwas länger einlassen, Verantwortung übernehmen...

Nun gut.

Tim Ferriss, 4-Stunden-Körper

Ich kenne seinen ersten Bestseller, die "4-Stunden Woche", in die ich immer mal wieder reinlese, aber nie ausgelesen habe. Es klingt vieles interessant, aber die Übertragbarkeit auf das eigene Leben - da gibt es Probleme. Man ist kein "digitaler Nomade"; man ist verheiratet, hat einen Beruf, hat (Selbst-)Verpflichtungen, Freundschaften, spielt in einer Band, hat Haustiere usw. Man kann nicht plötzlich zu einen thailändischen Strand aufbrechen, weil es sich dort so schön und billig lebt, denn man würde diesem thailändischen Strand so vieles zum Opfer bringen, was man hier hat und schätzt, was man stützt und von dem man gestützt wird, was man liebt und von wem man geliebt wird.

Den "4-Stunden-Körper" habe ich nur als eBook gekauft, recht günstig sogar, und war froh drum. Es handelt sich um ein seltsam zusammengestoppeltes Werk, von einem Amateur mit wissenschaftlichen Anspruch, was oft eine schräge Lektüre ist. Ferriss mag gut sein als sein eigenes Versuchskaninchen, aber sein analytischer Anspruch ist immer im Kampf mit seiner Ungeduld und seinem multitasking / multiexperimenting. Er macht Experimente mit seinem Körper und notiert alles, und in späteren Kapiteln stellt man fest, dass er zur gleichen Zeit noch andere Experimente macht und auch hier Parameter ständig ändert. Reproduzierbar und auf andere übertragbar ist das ja dann nur wenig - ganz abgesehen davon, dass er fast immer auch das einzige Versuchskaninchen ist, eine Verallgemeinerung der Ergebnisse sich also verbietet.

Dennoch: Ich bin bei der Lektüre geblieben, habe zwar einiges im Turbo-Modus gelesen (seltsame Übungsbeschreibungen, komische Rezepte, schnurrige Erlebnisse), kann aber seine Mahnung nachvollziehen, dass das kein Buch zum linearen Lesen ist, sondern zum Rauspicken und zum Nachmachen. Irgendwas werde ich mir wohl auch raussuchen und schauen, was ich für Erfahrungen mache.

Um das geht es im Buch:

Aber auch um so eminent wichtige Skills wie

Ein Gesamturteil fällt mir schwer. Seine Webseite schaue ich mir einigermaßen regelmäßig an, der Mann bringt immer mal wieder interessante Themen auf und hat dank seiner Bekanntheit keine Probleme, an interessante Gesprächspartner zu kommen. Die Lektüre lohnt sich also schon immer mal wieder - auch die vom "4-Stunden Körper".

Yuval Noah Harari - "Eine kurze Geschichte der Menschheit"

(10.02.2018) Es war in den letzten Jahren nahezu unmöglich, NICHT von diesem Buch zu erfahren, KEINE begeisterten Besprechungen zu lesen. Die wenigen kritischen Stimmen waren leicht als neidische Kollegen oder als die üblichen Korinthenkacker zu identifizieren.

Harari, Sapiens, Geschichte der Menschheit

Klar kann man immer sagen, dass auf 500 Seiten eine Geschichte der Menschheit nicht zu leisten ist. Wer das sagt, behauptet aber letztlich, dass es nicht möglich ist, einen Überblick über die Geschichte der Menschheit für ein größeres Publikum zu schreiben, und das kann ja wohl nicht wahr sein. Denn wer hätte denn Zeit und Lust, eine viertausendseitige Geschichte der Menschheit zu lesen?

Ich würde sogar behaupten, dass es auch möglich sein müsste, mit 100 Seiten auszukommen. Das ist eben wie bei japanischen Kunstwerken, bei denen ein Meister mit einem Strich mehr und besseres leistet als ein Anfänger mit hunderten von Strichen.

Ich habe das Buch in den letzten zwei Wochen mit Genuss und Gewinn gelesen und muss sagen: Die Lobeshymnen sind berechtigt! Die Themenvielfalt ist riesig, aber nie hat man das Gefühl, erschlagen zu werden. Und der über fast alles gegossene feine Humor von Harari macht das Lesevergnügen komplett. Bis hin zu so Themen wie die Bedeutung von Banken und die Notwendigkeit des Vertrauens für die Herausbildung der modernen Staaten und des Kapitalismus.

Harari räumt mit vielen Vor- oder Falschurteilen auf: Zum Beispiel führte die landwirtschaftliche Revolution zwar dazu, dass die Menschheit sesshaft wurde, aber der einzelne Mensch hatte fast nur Nachteile dadurch (tägliche harte Arbeit, viel weniger Flexibilität, einseitigere und ungesündere Kost usw).

Phantastisch die Erklärungen, wie einige hundert stinkende und abgerissene spanische Halunken die mittel- und südamerikanischen Staaten vernichten konnten. Oder wie die kleine Niederlande das reiche und mächtige Spanien besiegen und zur Weltmacht werden konnte.

Erfrischend auch die neuen Fragestellungen: Sind die Menschen durch die ganzen Entwicklungen denn auch glücklicher geworden? Wie kann man Glück überhaupt messen? Wieso sind wir immer noch so unzufrieden?

An mehreren Stellen und in einigen Abbildungen wird deutlich, dass das Herz des Veganers Harari für Tiere schlägt. Die Wikipedia erwähnt dazu ein 2015 erschienenes Guardian-Interview mit Harari, in dem er "die industrialisierte Massentierhaltung eines der schwersten Verbrechen der Menschheitsgeschichte und das Schicksal industriell aufgezogener Tiere eine der dringendsten ethischen Fragen unserer Zeit" nannte.

Harari betrachtet die besonders wichtigen Revolutionen bzw. Entwicklungssprünge in der Menschheitsgeschichte, das wären

  1. die kognitive Revolution vor ca 70000 Jahren
  2. die landwirtschaftliche Revolution vor ca 12000 Jahren, und
  3. die wissenschaftliche Revolution (ab dem 15. Jahrhundert)

Allerdings ist dieser Prozess für ihn keine wie auch immer gesteuerte geradlinige Entwicklung, sondern eine Aneinanderreihung von Zufällen. Es entstehen immer größere Einheiten, und heute ist nahezu eine globale Vereinheitlichung erreicht. Bindemittel dafür sind die Sprache und durch die Sprache erst möglich gewordenen Mythen (incl. der Religion) und gemeinsamen Vorstellungen. Dabei fasst Harari den Begriff "Mythen" sehr weit - auch "Geld" passt da rein.

In diesem Zusammenhang kann es manche Leser befremden, dass Harari keinen Unterschied zwischen Religion und Ideologie macht und beispielsweise den Nationalsozialismus als "humanistische Ideologie" bezeichnet. Selbstverständlich muss man diese Terminologie im Gesamtzusammenhang lesen, wo sie Sinn macht, und nicht gleich verbal losdonnern, wenn man vom Buch nur aus dem Zusammenhang gerissene Zitate kennt und sofort das Wörtchen "anti" bei "humanistischer Ideologie" sehen möchte.

Einige Leser dürften Probleme damit haben, dass Harari das 20. Jahrhundert als besonders ruhigen und friedlichen Zeitraum bezeichnet - trotz aller Kriege und Völkermorde. Aber ich konnte ihm dabei sofort zustimmen.

Am Ende erliegt Harari der Versuchung, die Geschichte fortzudenken und mögliche zukünftige Entwicklungen zu beschreiben. Das ist nett zu lesen, aber vielleicht nicht unbedingt in DIESEM Buch angebracht. Glücklicherweise (muss man sagen) läßt Harari es bei einigen Ansätzen bewenden und verfolgt das Thema erst in einem Folgebuch ("Homo deus") intensiver.

Fazit: Ein unbedingt lesenswertes Buch, welches nicht kürzer sein sollte, aber glücklicherweise auch nicht umfangreicher ist. Ich kann mir vorstellen, es noch einmal zu lesen.

Es handelt sich um ein Taschenbuch, allerdings ist es ausgesprochen bequem zu lesen: Es liegt trotz der Dicke gut und fast flach auf dem Schreibtisch, die Schrift hat die richtige Größe und der Zeilenabstand ist lesefreundlich.

Reinhard Kleist - "Nick Cave. Mercy on me"

(04.02.2018) Kann man dieses 320 Seiten lange, 20 cm auf 26 cm große und 1300 Gramm schwere Buch mit sehr festem Einband (hardcover at its best) überhaupt noch „Comic“ nennen? Als "graphic novel" wird es vom Verlag beworben, allerdings hat diese Bezeichnung zuletzt etwas an Glanz verloren, da sich dieser Marketing-Begriff nicht wie erwartet in Verkaufszahlen niedergeschlagen hat.

Reinhard Kleist, Nick Cave

Mit seinen "graphic novels" vergleichsweise erfolgreich ist Reinhard Kleist. Johnny Cash, Fidel Castro, ein Boxer, eine Olympia-Teilnehmerin sind so seine Themen, alles nicht uninteressant, aber in der Themenwahl vielleicht doch etwas brav. Warum sollte man 20 bis 25 Euro in die gezeichnete Geschichte von jemanden investieren, der einem nicht sonderlich interessiert? Das geht nur, wenn die graphische Umsetzung von Reiz ist.

Seit Weihnachten habe ich zweimal Kleists neuestes Werk "Nick Cave" gelesen und immer mal wieder darin geblättert. Hat es mir gefallen?

Zunächst zum Inhalt: Das äußerlich sehr wertig daherkommende Buch illustriert Episoden aus der Biographie von Nick Cave, setzt Liedtexte in Bildererzählungen um, und natürlich gibt es auch frei erfundene Szenen. Gegliedert ist es in fünf unterschiedlich lange Kapitel.

  1. The Hammer Song
  2. Where the wild Roses grow
  3. And the Ass saw the Angel
  4. The Mercy Seat
  5. Higgs Boson Blues

Die ersten vier Kapitel beginnen und enden mit der Illustration eines Liedtextes, und jedes Mal bringt Cave darin jemanden um. Im letzten Kapitel treten die vier Opfer wieder auf und machen Vorwürfe. Ansonsten hangeln sich die Kapitel etwas an der Biographie entlang, allerdings mit einigen Rückblenden und Pespektivwechseln. Zum Beispiel wird zweimal beschrieben, wie Nick seine langjährige Freundin Anita Lane kennenlernt (S.26-35 und S.92-98), zweimal wird das Telefonat gezeichnet, in dem Cave über die Zeit in Berlin klagt (S.116-117 und S.173-174), zweimal holt ihn Anita von seiner Drogen-Entziehungskur ab (S.130-133 und S.236-237) und so weiter. Im letzten Kapitel, nachdem Cave von seinen vier Opfern geflüchtet ist, trifft er Robert Johnson an einer Strassenkreuzung und es kommt zu einem - nun ja - "philosophischen" Dialog. Der lohnt aber nicht das Abtippen.

Für einen Cave-Fan, der über dessen Biographie, sein musikalisches und sonstiges Werk gut informiert ist, passt die Umsetzung: Die biographischen Szenen und die Illustration der Liedtexte geben genug Anhaltspunkte, um sich zurechtzufinden – bei den wenigen Lebensabschnitten, für die ich etwas über Caves Leben weiß, verstehe ich das Gezeichnete. Ob das Buch auch für Nicht-Cave-Fans ein großer Gewinn ist, würde ich bezweifeln. Ich kenne vielleicht zwei Dutzend Musiktitel von Nick Cave, die Hälfte davon würde ich als sehr schön bezeichnen; seine Biografie und seine literarischen Versuche haben mich dagegen nie interessiert. Bei diesen Voraussetzungen stößt der „Nährwert“ des Buches deutlich an seine Grenzen. Ohne biografische Kenntnisse, die man sich anderswo besorgen muss, erschließen sich die herausgepickten Episoden nicht zur Gänze. Und für die vielen erwähnten Songs (nicht nur die von Nick Cave) tut man gut daran, sie sich zum Beispiel auf YouTube anzuhören – und auch auf die Texte zu achten. Man bekommt mit dem Band also weder eine stand-alone-Biografie noch eine Interpretation der Lyrik. Über die Musik, die Cave als sein Ideal vorschwebt, gibt es in einigen Zeichnungen einige wenige Sätze, die man getrost als Plattitüden bezeichnen kann.

Die wenigen zitierten Passagen aus Caves literarischer Produktion ("Und die Eselin sah den Engel") wirken in ihrer Adverb- und Adjektivlastigkeit und ihren sonstigen formalen Mängeln - und auch inhaltlich - eher wie pubertäre Schreibversuche. Hier hat sich jemand seinen jugendlichen Schwulst in das Erwachsenenleben gerettet. Erschwerend kommt hinzu, dass sich Caves Bildwelt zu einem ansehnlichen Teil aus biblischen Motiven und seiner etwas verquasten Religiosität speist – auch der Untertitel des Bandes "Mercy on me" ("Sei mir gnädig") stellt ja schon eine religiöse Konnotation her. Nicht jeder aber kann oder will mit diesem Zeug noch viel anfangen.

Rein vom Inhaltlichen her gesehen könnte man es also als gewagt betrachten, über Nick Cave zwei Bücher (die "graphic novel" und ein "art book") zu veröffentlichen, denn letzten Endes muss man schon fragen: Wie bekannt ist denn Nick Cave überhaupt? Wer will über ihn so viel lesen?

Zum Formalen: Bei über 320 Seiten Umfang und gefühlt 1100 einzelnen Zeichnungen kann man keine 1100 Kunstwerke erwarten. Kleist ist sicherlich ein überdurchschnittlich guter Zeichner, ich würde auch die Anlage der Zeichnungen (Wahl der Perspektive, Dynamik, gewählter Ausschnitt) meist als gelungen bezeichnen. Hapern tut es in meinen Augen manchmal mit der Ausführung. Sicher, es ist ein großer Unterschied, ob man 320 Seiten zu zeichnen hat oder 60 Seiten. Aber gar zu flüchtig (euphemistisch könnte man es expressiv nennen) muss das Ergebnis auch nicht gerade ausfallen. Die Figurencharakterisierung ist grenzwertig. Klar erkennt man Nick Cave auf den ersten Blick, bei DIESEM Gesicht sollte das auch kein Problem sein. Aber Anita Lane beispielsweise kommt rüber wie eine harmlose Schülerin, nachlässig und unattraktiv gezeichnet – das wird ihr nicht gerecht. Der "Bad Seets"-Gitarrist Blixa Bargeld scheint nur einen einzigen Gesichtsausdruck zu haben. Oder Straßenszenen wie auf den Seiten 232 bis 234: Die Ausführung wirkt schlicht ungekonnt, ist aber vielleicht eher der Zeitnot geschuldet. Aber Fakt ist: Man würde dem Buch einige inhaltliche Mängel eher verzeihen, wenn die Zeichnungen besser wären.

Reinhard Kleist, Nick Cave, Galionsfigur
Eines meiner Lieblingsbilder aus dem Comic, allerdings ohne Cave...

Es wundert nicht, dass sich laut Verlagsinformationen der kleine Boom der „Graphic Novels“ inzwischen weitgehend gelegt hat – Literatur auf hunderten von meist reichlich durchschnittlich gezeichneten Seiten – wer braucht das? Wenn sogar Robert Crumb nach jahrelanger Arbeit an seiner „Genesis“-Umsetzung in einem Interview mit Ted Widmer zugibt, dass er nicht ganz zufrieden ist und wieder „back to drawing pornography“ geht – dann muss sich Reinhard Kleist keine allzu großen Vorwürfe machen. Vielleicht hätte er das ganze komprimieren müssen – das Format der „Illustrierten Klassiker“ wäre wohl etwas besser gewesen.

Nick Cave ist begabt darin, sich zu inszenieren. Sicherlich hat er nicht nur einen eigenen Archivar für seine Produktionen (ausser als Musiker versucht er sich auch immer mal wieder als Schriftsteller und Dichter, auch Bilder macht er), sondern auch ein eigenes Marketing-Team. Kein Wunder, dass ihm viele auf den Leim gehen und von Nick Cave als einem "lebenden Mythos" schreiben.

Zum Schluß einige nette Zitate:

"Alt werden? Wird mir nicht passieren!" [S.97]
"Ich scheiss auf die Zukunft!" [S.97]

Das sind so die Art Aussprüche, für die man sich später schämt.

Ein Dauerthema ist der Wunsch, anders zu sein wie die andern, auch als Rockstar:

"Darum geht's doch: Anders zu sein! Schocken!!! Bis zur letzten Konsequenz." [S.46]

Klingt reichlich pubertär, und genau das wirft ihm seine Freundin Anita Lane auch vor:

"Ich finde das pubertär, nur zu provozieren.[S.101]

Zum Glück übernimmt er nicht ganz die Schock-Phantasien von Lydia Lunch, die er in London kennenlernt. Hier einige ihrer Sprüche:

"Hier traut sich niemand was Krasses! Ich schon."
"Es soll extrem sein! Ich bin extrem!"
"Ich hasse Kommerz! Die ganze Szene ist viel zu kommerziell, zu brav."
"Lasst uns zusammen kompromissloses Theater machen, mit Blut, Sex und Gewalt."[alles S.63]

Zu was die ganze Schockerei gut sein soll - keine Aussage darüber. Dass man Kommerz auch mit Kompromisslosigkeit machen kann - kein Gedanke dazu. Etwas von diesen Sprüchen bleibt leider doch hängen, wenn man die Urteile von Cave und seiner Band über die Szene in London liest:

"Das gab's alles schon mal, nur besser."
"Null Risiko, das ist völlig vorhersagbar!"
"Zu kommerziell!"
"Zu brav!"[alles S. 66]

Richtig Eindruck macht auf ihn während des Berlin-Aufenthalts die Band "Einstürzende Neubauten", deren Gitarrist und Sänger Blixa Bargeld Gründungsmitglied von Caves "Bad Seeds" wird. Zu den "Neubauten" findet Cave ausnahmsweise lobende Worte:

"Wenn die die Bühne verlassen, hat sich was verändert, bei mir, beim Publikum, in der Welt. Die haben jemand anders [sic] aus mir gemacht."[S.165]
Das ist radikal! Monumental! Das ist die Musik, die ich suche!"[S.165]
"Unter der Oberfläche ist viel mehr! Da lauern Monster! Mit der Musik können wir sie hervorlocken![S.166]

Folglich macht er Schluß mit der alten Band "Birthday Party":

"Ich muss etwas verändern. Birthday Party muss sterben!"[S.173]

Ob der jetzt sechzigjährige Cave, kommerziell erfolgreich, in einer Villa in Brighton and Hove lebend, seine alten Texte und Aussprüche wohl noch goutieren könnte?

Fazit: Der Comic von Reinhard Kleist ist die Lektüre wert. Wer an expressiven Schwarz-Weiss-Zeichnungen Gefallen findet und sich gerne an salopp formulierten Kunstprogrammen reibt, der kann sich lange mit dem Band beschäftigen.

Dagmar ist tot

(14.01.2018) Von Zeit zu Zeit google ich nach alten Lieben. Heute habe ich dabei erfahren, dass Dagmar, eine meiner ganz großen Lieben (von Ende der siebziger Jahre) schon 2016 gestorben ist, mit gerade einmal 60 Jahren. Hat mich erschüttert.

Dagmar
Dagmar, 1978

Kennengelernt habe ich sie in einem Philosophie-Seminar, und ihr verdanke ich meine Begeisterung für Griechenland im Allgemeinen und für griechische Musik im Besonderen, denn sie war 1976 einige Wochen vor mir in Griechenland, brachte LPs mit und Erzählungen von zum Beispiel Matala an der Südküste von Kreta.

Von Ende August bis Mitte Oktober 1976 war ich mit meiner Freundin dann auch in Griechenland, u.a. eine Woche in Matala, damals noch ein Überwinterungsort für Hippies.

Als meine Art der Trauerarbeit habe ich im Lauf des Januar und Februar nahezu alles von Theodorakis angehört, was ich habe, zwei LPs und 8 CDs.

Alexandra Doerrier - "Die Lukasbrüder. Die Nazarener und die Kunst ihrer Freundschaft"

(08.01.2018) Die erste Überraschung für mich war, dass es dieses Buch überhaupt gibt. Selbst die beiden bekanntesten Lukasbrüder - Friedrich Overbeck und Franz Pforr - sind nicht so bekannt, dass man sich vorstellen könnte, ein Künstlerroman um diese Gruppe hätte auch nur eine kleine Chance am Markt.

Doerrier, Lukasbrüder

Die zweite Überraschung für mich war: Das Buch liest sich gut und ist spannend. Erwartet habe ich ehrlich gesagt nicht viel: Ich habe es nur gekauft - obendrein auch nur in der e-Book-Version -, weil mich die Nazarener und besonders deren frühe Phase, also der Lukasbund, immer noch interessiert und ich einigermaßen regelmäßig nach neuer Literatur schaue. Dass mich das Buch tatsächlich anspricht hätte ich nicht erwartet.

Der Lukasbund war eine Vereinigung junger Akademieschüler in Wien, die sich gegen die Herrschaft der Kunstakademie und gegen den Kanon der akademischen Künste auflehnte. Um die beiden Protagonisten Overbeck und Pforr scharten sich ab 1806 mehrere andere Schüler. Vier der Lukasbrüder (Overbeck, Pforr, Vogel und Hottinger) reisten 1810 nach Rom und kamen dort schließlich für einige Zeit im aufgelassenen Kloster San Isidoro unter.

Der Roman geht mit den Ereignissen etwas frei um: Overbeck war kein strenger Führer, Pforr galt als "Meister" und auf einer Stufe stehend mit Overbeck, die Entstehungsgeschichte der Bilder "Italia und Germania" von Overbeck und "Sulamith und Maria" von Pforr ist komplexer, als hier geschildert. Pforr ist nicht im Kloster San Isidoro gestorben, gepflegt von Hottinger, sondern in Albano, aufopferungsvoll gepflegt vom nachgekommenen Lukasbruder Josef Wintergerst, und so weiter und so fort.

Das alles tut dem Lesevergnügen keinen Abbruch, es handelt sich um einen Roman, nicht um eine kunstgeschichtliche Untersuchung. Eine Konzentration der Handlung auf vier Personen ist dann schon OK.

Scribble zum neuen Bild "Lebbe nix Rosegadde"

(07.01.2018) Ob mein neues Bild tatsächlich so heißen wird, das weiß ich jetzt natürlich noch nicht. Jedenfalls habe ich mal einige Scribbles gemacht, wie ich mir das Bild gegenwärtig vorstelle. Einige Gefesselte, mit Tüchern über Kof und Oberkörper, sonst nackt. Die Landschaft wenig einladend, feucht, mit einigen dammartigen Wegen, und labyrinthisch, weil's so schöner ist.

Lebbe nix Rosegadde

Auf hochdeutsch würde es übrigens heißen: "Das Leben ist kein Rosengarten", aber das klingt nicht so schön...
Das Format wird 60 cm x 80 cm sein, wie üblich Öl auf Hartfaser.

Jürgen Schwandt / Stefan Kruecken - "Sturmwarnung"

(02.01.2018) Eine begeisterte Buchbesprechung in der Rhein-Neckar-Zeitung vom 12.06.2016 hievte dieses Buch in meine Lektüre-Wunschliste - die abgedruckten Zitate aus dem Buch waren einfach allerliebst. Weihnachten 2017 machte es möglich: Ich habe das Buch geschenkt bekommen, noch im Dezember ein erstes Mal gelesen und nun auch die zweite Lektüre beendet.

Jürgen Schwandt, Sturmwarnung

Zunächst: Es ist rein äußerlich ein schönes Buch! Schöner Einband, gutes Papier, eine sehr schöne und gut lesbare Schrift, gut gewählte Abbildungen in guter Druckqualität, Lesebändchen - alles, was dazugehört. Es ist mit 29,90 Euro für 192 Seiten natürlich auch nicht ganz billig.

Auch der Inhalt ist ansprechend: Stefan Kruecken, der Verleger und Ghostwriter von Jürgen Schwandt, hat einen guten Job gemacht und es vermieden, eine vierhundertseitige Chronik von Schwandts Leben zu präsentieren - wen hätte das denn interessiert. Statt dessen gibt es auf den 192 Seiten, von denen ca 150 Seiten Text sind, einen gut zu lesenden und interessanten Mix aus einigen wichtigen Stationen aus dem Leben Schwandts, und - das eigentlich interessante - allgemeine Schilderungen aus der Welt der Seefahrt und immer wieder Reflexionen zum Zeitgeschehen.

Schwandt hat sein Leben in einem Milieu zugebracht, in dem ein eher rauher Ton herrscht und klare Ansagen gemacht werden. Das Leben der Mannschaft kann durchaus von klaren und deutlichen Worten abhängen: "Man bekommt ein Schiff nicht diskutierend durch einen Sturm". Diese Klartext-Sprache scheint heute bei vielen Lesern gut anzukommen: Die Welt ist so komplex geworden, bei jeder Entscheidung müssen unendlich viele Abhängigkeiten bedacht werden - da ist es schön, wenn mal jemand mit klarer Sprache kommt und sagt, wie es ist und wie es gemacht wird. Ein "Basta"-Politiker hätte heute wohl auch wieder gute Chancen. Als ehemaliger Kapitän und ehemaliger Leiter der Zollbehörde hat Schwandt kein Problem, klar seine Meinung zu sagen, und das macht er, egal ob es sich um politische Aussagen handelt oder um eher etwas blödes Zeug. Gut ist es, wenn er klare Kante zeigt gegen rechtes Gedankengut, etwas peinlich ist es, wenn Sprüche kommen wie "Ein Seemann muss nicht stark sein, er muss nur stark tätowiert sein", oder "Das Leben ist zu kurz, um das Rauchen aufzugeben."

In begeisterten Kommentaren zum Buch liest man immer wieder, dass das ein Mann ist, der "alles" erlebt hat - wahrscheinlich glaubt Schwandt es schon selbst. Mit solchen Aussagen wäre ich denn doch etwas vorsichtiger. Soweit erkennbar hat er nie Kinder gehabt, und somit fehlt schon ein großer Lebens- und Erfahrungsbereich. Und da er früh zur See fuhr kam er auch nicht in Verlegenheit, mit hinfälligen und pflegebedürftigen Eltern konfrontiert zu sein. Um eine aktive Teilnahme am Krieg (oder Widerstand) kam er ja durch die Gnade der späten Geburt auch herum.

Mein Vater (Jahrgang 1919) ist auch zur See gefahren. Aber er musste zur Marine, wurde dreimal versenkt, war nach dem Krieg, als Deutschland keine Schiffe haben durfte, fünf Jahre in der Fremdenlegion (und hat da wohl auch einiges erlebt...), war dreimal verheiratet und hat fünf Kinder großgezogen und und und. Allerdings hat er kein Buch geschrieben. "Alles erlebt" übersetzen wir also lieber mal mit "vieles erlebt".

Wie jeder ältere Mensch hat Schwandt so seine Probleme mit der heutigen Jugend und ihrem Verhalten: Früher war natürlich alles besser, früher war man anständiger. Aber stimmt das? Die Besäufnisse, die Schwandt schildert, die üblen Schlägereien, der stolz geschilderte Alkoholschmuggel, das übermässige Rauchen (obwohl man gleichzeitig über Hunger klagt) - so richtig vorbildlich für die heutige Jugend will mir das nicht erscheinen.

Die "Sturmwarnung" hat es 2016 bis auf Platz 6 der Spiegel-Bestsellerliste (Hardcover Sachbuch) gebracht, auf Facebook ist Schwandt inzwischen bei einer sechsstelligen Anzahl von "Freunden". Trotz einiger Vorbehalte würde ich sagen, dass er sich diese Resonanz verdient hat, das Buch hat mir auch bei der zweiten Lektüre viel gegeben.

Einige Stellenkommentare:

Ich habe gelernt, weltoffen und tolerant zu sein.[S.10]

Nun, wenn man seine Auslassungen zur "Generation Wischfinger"[S.98/99] und anderes liest, dann gibt es bei der Weltoffenheit und Toleranz schon noch etwas Luft nach oben.

Das Bild des Landwirts, der seine Scholle niemals verlässt, sich aber eine Meinung über die Welt gebildet hat, voller Vorurteile und Klischees, ist mir ein Graus.[S.10]

Auch das zeugt von wenig Einfühlungsvermögen. Landwirte sind auch den Unbilden der Natur ausgesetzt, und um sich ausgewogene Meinungen zu bilden, muss man heutzutage nicht in einer Stadt wohnen (oder zu See fahren...).

Ein Seemann hilft Menschen in Not.[S.12]

Das ist so pauschal und so falsch wie der Satz "Ein Metzger hilft Menschen in Not."

Sämtliche Schiffe, die noch brauchbar waren, waren nach dem Zweiten Weltkrieg als Reparationszahlungen beschlagnahmt worden.

Aus diesem Grund ging mein Vater, Jahrgang 1919, Schiffsingenieur, nach dem Krieg zur Fremdenlegion. Wo hätte er arbeiten sollen?

Doch Befehle werden auf einem Schiff nicht hinterfragt, sie werden ausgeführt. Ein Schiff palavert man nicht an die Pier. In unserer heutigen Gesellschaft, in der jeder Trottel sein solides Zweifünftelwissen als eigene Meinung beisteuern darf, beinahe unvorstellbar. Doch auf See ist allein der Versuch, igendetwas mitbestimmen zu wollen, gleichbedeutend mit einer Meuterei und strafbar.[S.38]

Klare Worte...

Den Hass, den man heute als Raucher teilweise ertragen muss, den verstehe ich überhaupt nicht. [...] Oft sind es ehemalige Raucher, die am lautesten nach Verboten schreien. Die sind teilweise richtig militant.[S.45]

Da hat er recht - ist auch mein Empfinden. Ich bin schon immer Nichtraucher, Zigarettenrauch ist mir unangenehm, aber die Aggression, die ehemalige Raucher aufbringen, ist mir fremd.

Eine interessante Abschweifung zum Thema Hierarchie auf dem Schiff, hier ein Auszug:

Eine Gruppe Männer auf einem Schiff weit draußen ist so etwas wie ein schwimmender Pavian-Felsen: eine archaische, strikt hierarchische Gesellschaft, in der eine klare Schlagordnung gilt.Wer nicht parierte, wurde schnell, hart und schmerzhaft gemaßregelt.[S.48]

Interessant, aus rein wissenschaftlicher Neugier natürlich, die Schilderungen von Bordellen und dem Leben darin. Bordelle sind wichtig, sonst hätte Schwandt Probleme bei der Weisheitssuche gehabt:

Vom brasilianischen Schriftsteller Jorge Amado stammt die Weisheit: "Es ist unmöglich, mit allen Frauen der Welt zu schlafen, aber man muss es wenigstens versuchen." Während meiner Zeit auf See versuchte ich, diesen Rat zu beherzigen.[S.57]

In den meisten Häfen war ich praktisch mit einem Mädchen "verheiratet": mit Dolores, Carmen oder Derrescita. Jeder Versuch, sich beim nächsten Besuch zwecks sexueller Fortbildung mit einer anderen Liebesdame zu vergnügen, führte zu Empörung im Puff.

Über den Betten hing ein Kruzifix, und morgens um sechs verschwanden die meisten Frauen zur Frühmesse. Wie es gläubige Katholikinnen eben tun. Meine Gefährtin der Nacht weckte mich, ganz sittsam und in schwarz gekleidet, und zeigte mir mit dem Finger auf der Uhr, wann sie zurück war. Kaum war sie zurück, machten wir uns ans Werk, das Sündenkonto für die kommende Woche wieder aufzufüllen.[S.58]

Nach einem tagelangen Sturm, während dem die Mannschaft schon mit dem Leben abgeschlossen hatte, ging im rettenden Hafen der Punk ab:

"Es ist Zeit, unsere Wiedergeburt zu feiern. Was in jenen Nächten im Dezember 1955 in Lissabon geschieht, ist die härteste, chaotischste, orgiastischste Party, die mir bekannt ist. Die Mannschaft der Franziska Sartori besetzt ein ganzes Bordell, die Texas Bar, ein komplettes Freudengaus mit etwa einem Dutzend Mädchen. Der Alkohol fließt wie niemals zuvor. Es ist keine Feier im eigentlichen Sinne, es ist eher eine Explosion, ein Schrei nach Leben, der drei Tage dauern soll."[S.86]

Ein schönes und lesenswertes Buch also.


Journal 2018, 2017, 2016, 2015, 2014, 2013, 2012, 2011, 2010, 2009, 2008, 2007 2006, 2005, 2004, 2003, 2002

Home, Journal, Kunst, Literatur, Musik, Astronomie, Pforr-Material, Links