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Journal 2022

Reinhard K. Sprenger - "Die Entscheidung liegt bei dir!"

(21.02.2022) Das Buch habe ich nach kurzem Reinblättern 2001 gekauft, die Lektüre aber bald gelangweilt beendet und das Buch liegen gelassen. Nun habe ich es mir noch einmal vorgeknöpft - bevor es im kommunalen Buchregal landet - und es brav ausgelesen.

Reinhard Sprenger, Die Entscheidung liegt bei dir

Was soll man sagen? Ein typisches Ratgeber-/Selbsthilfe-Buch halt, das um wenig mehr als um einige wenige zentrale Gedanken kreist, und einen guten Aufsatz abgegeben hätte, wenn es mit viel Sorgfalt auf 10 Seiten zusammengekocht worden wäre. So empfindet man die Wiederholungen, die Anekdoten, die rhetorischen Fragen auf Dauer immer stärker als Ballast.

Den Anspruch, "Wege aus der täglichen Unzufriedenheit" (so der Untertitel) aufzuzeigen, sehe ich nur ansatzweise eingelöst. Was nützt das ständige Beharren darauf, dass die Entscheidung bei einem selbst liegt? Ist ja wohl klar, dass das oft so ist. Aber:

Die Zielgruppe, die von Sprengers knallharten Sprüchen profitieren kann (oder könnte), ist daher in meinen Augen eher klein.

Es gibt natürlich einige gute Gedanken im Buch, aber dazu zähle ich nicht diese bis zum Überdruss wiederholten Behauptungen, dass man für seine jetzige Lebenssituation voll und ganz verantwortlich ist, sie bewusst gewählt hat und deswegen auch wieder abwählen kann. "In jeder Sekunde unseres Lebens sind wir frei, alles über den Haufen zu werfen und neu zu beginnen."[S.28] Aber das ist halt alles zu einfach gesagt und wird nicht besser, wenn man es hundertmal im Buch wiederholt.

Beispielsätze aus dem Buch, manche gut, manche nicht so gut:

Das waren gute und z.T. nur auf dem ersten Blick gute Sätze aus einem Drittel des Buches. Vielleicht tippe ich irgendwann noch weitere Zitate ab.

Díaz Canales & Guarnido - "Blacksad. Wenn alles fällt - Band 6,1"

(20.02.2022) Sieben lange Jahre sind seit dem fünften Band der Serie vergangen. Blacksad ist melancholischer geworden, älter halt auch. Ein Haudrauf ist er nicht mehr: Wenn er jetzt mal ordentlich zuschlägt, muss er danach seine Faust in Eiswasser kühlen. Und die Zeiten, in denen er selbst auch ordentlich einstecken musste, sind offenbar auch vorbei (man schaue sich dafür nur einmal den ersten Band der Serie an, wie er da zugerichtet wurde). Und wenn ein Arbeiter (ein Maulwurf) sein Vesper in Form einer Dose Würmer zu sich nimmt, wird ihm schlecht - wird er auf seine alten Tage etwa zart besaitet? Seine Wohnung, die eh schon mit Büchern und Stilmöbeln vollgestopft war, hat inzwischen einige Antiquitäten mehr. Nun, in sieben Jahren geschieht eben schon einiges, und die Charaktere wandeln sich.

Blacksad, Band 6, Teil 1

Auch die Serie selber hat neues zu bieten:

Die aktuelle Geschichte um eine Bau-Mafia, um Gewerkschaften, um Theater ist raffiniert gestrickt. Zweimal lesen ist das mindeste, um die Handlung gut zu verstehen. Gleichzeitig werden auch schon erste Hinweise gegeben, wie es im zweiten Band der Serie weitergehen könnte. Der Cliffhanger zeigt ALMA (d.i. Alma Mayer) - eine von Blacksads größten Lieben, bekannt aus Band 3 ("Rote Seele") - und dem armen Blacksad klappt die Kinnlade runter...

Ein vollwertiger Blacksad also: Inhaltlich spannend, eine raffiniert sich entfaltende Geschichte. Und zum Heulen schöne Panels: Das was Juanjo Guarnido als Zeichner und Maler da leistet, ist absolute Spitzenklasse. Man schaue sich nur einmal diesen mißmutigen und immer schlecht gelaunten Barmann vor dem Hintergrund von Edward Hoppers "Nighthawks" an!

Blacksad, Band 6, Teil 1

Ein toller Comic! Jetzt heißt es hoffen, dass der zweite Teilband nicht mehrere Jahre auf sich warten läßt.

Robert Seethaler - "Der letzte Satz"

(03.02.2022) Ein sehr kurzer Roman, nur 126 Seiten bei einem großzügigen Satzspiegel. Wirklich ein "Roman"? In Reclams UB käme dieser Text wohl auf rund 70 Textseiten. Keiner käme auf die Idee, das dünne Heftchen dann als Roman zu bezeichnen. Aber der Preis von 19 Euro verlangt natürlich den Ritterschlag "Roman"...

Entsprechend schnell ist man mit der Lektüre durch, fühlt sich aber nicht satt. Wahrscheinlich geht es nicht nur mir so, dass man nach der Lektüre in der Wikipedia über Mahler und vor allem über Alma Mahler-Werfel nachliest. Auch wenn Seethalers Text als eine Art biographische Skizze angelegt ist, erfährt man über Mahler und seine Musik nicht allzuviel. Spannender als diesen Roman fand ich allemal den Wikipedia-Text über das Leben von Alma Mahler-Werfel.

Robert Seethaler, Der letzte Satz

Der Plot ist so einfach wie gewöhnlich: Der immer kränkliche und nun final kranke Mahler ist auf der Überfahrt von Amerika nach Europa und verbringt die meiste Zeit in Decken eingewickelt auf dem ungemütlich kalten Deck, versorgt von einem eigens für den prominenten Passagier abgestellten Schiffsjungen. Und Mahler erinnert sich an gutes und schlechtes in seinem Leben, an Siege und Niederlagen.

Alles leider etwas oberflächlich und so dahin, am besten vielleicht noch die Porträtsitzung bei Rodin in Paris, da blitzt tatsächlich so etwas wie Humor auf. Aber das Treffen mit Sigmund Freud wird derart oberflächlich geschildert, dass man sich schon fast ärgert - was soll das?

Dass über Mahlers Musik praktisch nichts gesagt wird, wird vorsichtshalber im Buch entschuldigt (qui s'excuse s'accuse):

"Man kann über Musik nicht reden, es gibt keine Sprache dafür. Sobald Musik sich beschreiben lässt, ist sie schlecht."(S.65)

Wenn man einen späten Reflex auf die ach so fragilen und empfindlichen Künstlerexistenzen von anno dunnemals lesen möchte, und einem Hampelmann, der eine tolle Frau heiratet (aber ihr nicht gewachsen ist), beim Scheitern seiner Ehe zuschauen möchte, dann könnte man das Büchlein mal schnell lesen. Aber besser ausleihen: Man wird es kein zweites Mal lesen wollen, sollte sich also die 19 Euro für anderes sparen.

Richard David Precht - "Warum gibt es alles und nicht nichts?"

(26.01.2022) Ich schaue sicherlich jede Woche beim kommunalen Bücherregal unseres Stadtteils vorbei. Vor einigen Wochen habe ich zwei praktisch neuwertige (ungelesene?) Bücher von Richard David Precht mitgenommen, weil der Name dieses Herrn einem immer mal wieder begegnet, ich aber noch nichts von ihm gelesen habe. "For umme" kann man ja mal einen Versuch machen.

Richard David Precht, Warum gibt es alles und nicht nichts

"Warum gibt es alles und nicht nichts?" mit dem Untertitel "Ein Ausflug in die Philosophie" hat entweder ein interessantes Konzept (so könnte man es positiv beschreiben) oder ist etwas zu schnell und unüberlegt dahingeschrieben (so könnte man es mißgünstig ausdrücken). Man könnte es als Kinderbuch sehen, denn Precht schreibt es praktisch als Dialogprotokoll zwischen sich und seinem Sohn, aber ich glaube nicht recht daran, dass es - so wie es geschrieben ist - ein Kind für sich allein lesen würde. Man könnte es auch als Buch für die gemeinsame Lektüre von Eltern und Kindern betrachten, denn Kapitel für Kapitel vom Buch zu lesen und mit dem Kind darüber zu reden könnte ich mir gewinnbringend vorstellen, und zwar für beide, für Kind und Eltern. Oder man mag Precht nicht und sagt, das Buch ist blöd und oberflächlich. Aber seien wir mal etwas positiver...

Das Buch besteht aus drei Hauptteilen mit den Überschriften

Im ersten Kapitel des ersten Teils wird schon die Titelfrage gestellt: Warum gibt es alles und nicht nichts? Und jetzt ist man natürlich gespannt auf Prechts Antwort. Nach etwas Diskussion und Frage-Antwort-Spiel mit seinem Sohn wird eine philosophische Einsicht formuliert (denn jedes Kapitel liefert letztlich eine "Philosophische Einsicht", die auch formal durch eine andere Schrifttype hervorgeheben wird), und die lautet in diesem Fall:

Nicht jede philosophische Frage lässt sich beantworten. Auf viele gibt es nur ungefähre Antworten. Und viele davon führen sofort zu neuen Fragen.

Bravo, das ist gar nicht schlecht. Ohne sich auf komplexe Antworten und Spekulationen einzulassen: Die Antwort ist erst einmal ok. Wobei die Antwort etwas positiver ausfallen könnte: Auch wenn es keine Antworten auf diese Frage gibt, sind die Fragen und das Nachdenken darüber und das Diskutieren darüber gut und wichtig. Prechts etwas verkürzte Antwort klingt mir eher nach Theo Lingens "traurig, traurig, traurig", weil es keine Antworten gibt.

In diesem Stil geht es im Buch weiter, es kommen Fragen auf - die nicht unbedingt nur kindliche Fragen sind -, und es wird darüber geredet und versucht, eine Einsicht zu gewinnen. Vielleicht sind die gewählten Fragen etwas zu beliebig gewählt, aber das könnte man von jeder Zusammenstellung von Fragen behaupten.

Das beste ist also, es auf einen Versuch ankommen zu lassen: Also mit Kindern einige Seiten des Buches zu lesen und dann darüber zu reden. Vielleicht funktioniert das Konzept ja.

Liest man das Buch für sich allein, gibt es vielleicht nicht direkt die großen Erkenntnisse, wenn man Philosophie studiert hat und sich immer mal wieder mit philosophischen Themen beschäftigt, aber ich kann mir genug Leser vorstellen, denen das Konzept des Buches zusagt und die daraus Gewinn ziehen können. Auch ich habe das Buch nicht nur in drei Stunden runtergelesen, was vom Umfang her möglich ist, sondern es über vier Tage gelesen.

Wer mehr zu den Fragen und Themen wissen will: Precht hat für jedes Kapitel mindestens einen Lektürevorschlag. Dass das auch manchmal englische Aufsätze sind, wird einige lesende Kinder sicherlich herausfordern.

Mein Daumen zu Precht zeigt also noch nicht nach unten :-)

Jules Verne - "Reise zum Mittelpunkt der Erde"

(22.01.2022)) Dieses Buch hat mich als kleinen Jungen fasziniert und gefesselt, und es fasziniert mich - inzwischen Rentner - auch heute noch. Ich weiß nicht, ob ich bisher drei oder vier Ausgaben besessen habe, die Ausgabe, die ich jetzt gelesen habe, ist jedenfalls die bisher leserlichste Übersetzung und die mit Anmerkungen, Nachwort und zusätzlichem Material am besten erschlossene. Der vollständige Titel:

Jules Verne, "Reise zum Mittelpunkt der Erde". Aus dem Französischen neu übersetzt und herausgegeben von Volker Dehs.
Der Übersetzung liegt die erweiterte und illustrierte Ausgabe von 1867 zugrunde.
Mit sämtlichen Illustrationen der französischen Originalausgabe. DTV, 2012.

Jules Verne, Reise zum Mittelpunkt der Erde, Volker Dehs

Volker Dehs, von dem die Übersetzung stammt, ist ausgewiesener Kenner von Jules Verne, er gilt als der führende deutsche Verne-Forscher und hat die deutsche Jules-Verne-Biogafie geschrieben. Ganz klar profitiert davon sein gutes Nachwort und die Anmerkungen.

Meine bisherige Leseausgabe war die Übersetzung von Hansjürgen Wille und Barbara Klau, die 1971 erstmal im Diogenes Verlag erschien. Die Taschenbuchausgabe von 1976 hat mich 1992 auf einer Fahrradtour in Island unter anderen auch zum Sneffels Jökull begleitet.

Jules Verne, Reise zum Mittelpunkt der Erde, Diogenes

Die Story ist bekannt. Aufgrund eines mittelalterlichen Dokuments machen sich der deutsche Professor Otto Lidenbrock, sein Neffe Axel und der isländische Führer (und Mann für alles) Hans auf den Weg zum Mittelpunkt der Erde. Dass es bis dahin keine Entfernung von 200 oder 300 Kilometern ist, das weiß der Professor, natürlich. Er ist aber der Meinung, dass man alles, was man für einen Weg von rund 12800 Kilometern (zum Mittelpunkt der Erde und zurück) braucht, mit sich rumtragen kann, also Werkzeuge, Messinstrumente, Taue, Kleidung, Essen, Beleuchtung und so weiter. Wie lange braucht man für 12800 Kilometer, wenn es waagrecht geradeaus geht? Bei 40 Kilometern am Tag wären das 12800/40=320 Tage. Muss man diese Strecke klettern, dann wird es wohl länger dauern, wohl ein vielfaches. Wenn die Hälfte der ca 40 Kilo, die eine Person allerhöchstens auf Dauer schleppen kann, aus hochkonzentriertem Proviant besteht, haben wir 20 Kilo/320 Tage= ca 63 Gramm feste Nahrung pro Tag - wie aber unschwer zu erschließen ist, eher einen Bruchteil davon. Also bestenfalls einige hundert Kalorien pro Tag bei schwerster körperlicher Arbeit. Wasser muss bei der Klettertour immer ganz nahe sein, sonst müsste es ja auch rumgeschleppt werden. Und wie soll das Arne Saknussemm, der Vorreiter aus dem sechzehnten Jahrhundert, ohne Strom (als Beleuchtung) geschafft haben?

Aber das Schöne an Vernes Romanen ist, dass es einfach heißt "Vorwärts!" - ob jetzt ein Schiff zur Rettung von Schiffbrüchigen einfach mal (ganz spontan) auf die andere Seite der Erde gesteuert werden soll und die Mannschaft nicht gefragt wird oder ob man zum Mittelpunkt der Erde runterklettern will. Egal. Vorwärts!

Aber faszinierend ist es ganz einfach, sich tief im Erdinneren einen riesigen Hohlraum vorzustellen mit einem Meer, einer Lichtquelle, mit Urzeitleben und so weiter. Ach wäre das schön, wenn es das gäbe.

Sigri Sandberg & Anders Bache - "Polarliebe"

(10.01.2022) Vollständiger Titel: Sigri Sandberg & Anders Bache - "Polarliebe. Leidenschaftliche Briefe und Geschichten aus dem ewigen Eis". Aus dem Norwegischen von Karoline Hippe. Mareverlag, Hamburg, 2020.

Polarliebe

Der Mare-Verlag ist kein Unbekannter, wenn es um gute und schön gestaltete Bücher geht, und so ist auch dieses Buch durchaus etwas für Bibliophile: Gutes Papier, schönes Schriftbild, gut gebunden, Lesebändchen, Schwarz-Weiß-Abbildungen in ausgezeichneter Qualität, und ausgezeichnet übersetzt.

Neun Geschichten umfasst der Band, bekannte Gestalten wie Robert Peary, Roald Amundsen, Fridtjof Nansen und Robert Falcon Scott werden vorgestellt, aber auch Unbekannte wie Nils Strindberg, Ewald Schmutzler und andere. Sieht man von Josephine Peary und Kathleen Bruce einmal ab sind die Frauen eher unbekannt (mir jedenfalls). Als Charaktere werden sowohl waschechte Machos wie Robert Peary als auch gleichermaßen virile und zärtliche Männer vorgestellt (Hansine Hansen über Peder Pedersen: "...dass ich einen solchen Mann, so aufmerksam, einfühlsam und aufopfernd, noch nie getroffen habe."[S.93]).

Natürlich sind nicht alle Geschichten gleichermaßen berührend oder interessant. Überraschend fand ich die selbstverständliche Macho-Attitüde von Robert Peary. Er ist der Meinung, dass weibliche Begleitung

"für die psychische und physische Gesundheit sowie Aufrechterhaltung exzellenter Männlichkeit unumgänglich"[S.15/16]

ist. Ist er also bei den nächsten Reisen ohne seine Frau unterwegs, werden andere gesucht. So vergrößert er seine Familie ganz selbsverständlich um mindestens zwei Kinder, die er mit der Inuit-Frau Aleqasina macht, die bei Beginn ihrer mehrjährigen Beziehung gerade einmal 10 Jahre alt ist. Mit 16 oder 17 wird sie zum erstenmal Mutter, und pikanterweise trifft Josephine Peary zufällig Aleqasina mit ihrem ersten Kind von Peary, als sie im Eis auf der Suche nach ihrem Mann überwintern muss und Hilfe von Inuit annimmt.

Peary hat für sein 1898 erschienenes Buch "Northward over the 'Great Ice'" im Rahmen von sogenannten ethnographischen Dokumentationen auch viele Aktbilder von Inuit-Frauen gemacht, erfährt man auf Seite 22, und darunter sollen einige von Aleqasina sein. Das hat mich denn doch interessiert... Heutzutage ist es ein leichtes, über archive.org Pearys Buch zu suchen, herunterzuladen und sich die Illustrationen anzuschauen. Und tatsächlich: Peary hat seine Inuit-Geliebte über Jahre hinweg immer wieder fotografiert und einige Aufnahmen in seinem Buch untergebracht.

Pearys Inuit-Geliebte Aleqasina
Robert Pearys Inuit-Geliebte Aleqasina
(in verschiedenen Jahren aufgenommen)

Noch einiges unangenehme über Peary:

Zum Glück gibt es auch ganz andere, viel sympathischere Charaktere unter den Polarfahrern, zum Beispiel Fridtjof Nansen.

Ganz traurig fand ich die Geschichte von Anna Charlier & Nils Strindberg: Strindberg war als Fotograf bei einer versuchten Ballonfahrt von Salomon August Andrée zum Pol dabei. Dass das Unternehmen ganz offensichtlich stümperhaft geplant war und noch nicht einmal ein einziger Probeflug mit dem Ballon unternommen wurde, hinderte ihn leider nicht an der Teilnahme. Der Ballonflug endet nach 65 Stunden im Eis, die drei Männer müssen sich zu Fuß auf den Weg machen, wo sie monatelang herumirren, ohne zu wissen wo sie sind. Und ohne dass jemand weiß, wo sie sind. Kurz vor dem Winter erreichen sie die eisbedeckte Insel Kvitoya, ohne brauchbare Ausrüstung. Und alle drei sterben da, als Opfer einer unglaublichen Naivität bei der Expeditionsplanung.

Insgesamt ein sehr interessantes und spannend zu lesendes Buch.

Gerd Schneider - "Kafkas Puppe"

(04.01.2022) Die von Franz Kafkas Freundin und Geliebten Dora Diamant überlieferte Geschichte ist einfach zu gut, um sie nicht als Roman oder als Bilderbuch zu verarbeiten: Kafka trifft ein weinendes Mädchen, das um ihre verlorene Puppe trauert. Um sie zu trösten sagt er, die Puppe wäre nur verreist und würde sich bestimmt bald melden. Und so ist es: Das Mädchen bekommt drei Wochen lang täglich von Kafka Briefe überbracht, die angeblich die Puppe an ihn adressiert hat, die aber natürlich Kafka selber geschrieben hat. Eine gute Zusammenfassung der Überlieferung hat Dan MacGuill verfasst: "Did Franz Kafka Invent Letters from a Missing Doll to Comfort a Little Girl?".

Gerd Schneider, Kafkas Puppe

Gerd Schneider hat daraus in seinem gerade auch für Jugendliche geschriebenen Roman "Kafkas Puppe" eine hübsche Geschichte gesponnen, die die prekären Lebensverhältnisse des schwerkranken Kafka und seiner Partnerin Dora Diamant im Berlin der Jahre 1923/24 vorstellt, aber auch das trauernde Mädchen mit einer stimmigen Biografie versieht. Das Büchlein liest sich leicht und schnell, die handelnden Personen sind gut charakterisiert, die Geschichte am Ende zwar etwas mystisch, aber sonst durchaus im Rahmen des Möglichen - so könnte es gewesen sein.

Zu schade, dass die Originalbriefe Kafkas an das Mädchen nicht überliefert sind oder jedenfalls noch nicht aufgefunden wurden. Etwas Hoffnung besteht jedoch, denn die Suche danach geht weiter (vgl. dazu die Informationen auf der Kafka Project Home Page, Mark Harmans Aufsatz "Missing Persons: Two Little Riddles About Kafka and Berlin", Kathi Diamants langer Bericht über die bisherigen Ergebnisse der Suche sowie ihre Kurzfassung zum Stand der Recherchen. Und natürlich der umfangreiche Aufsatz von Hans Koch "Der unbekannte Aktenberg".


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Erstellt von: Béla Hassforther