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zum Literatur-Tagebuch 2003

Lektüre-Tagebuch 2002

31.12.2002
Bis Ende des Jahres an der zweiten Lektüre von Kafkas Tagebüchern "1914 - 1923".

28.12.2002
Nach Marbach in die Ausstellung "Kafkas Fabriken". Die zwei Stunden, die ich als Besuchszeit plante, waren zu kurz bemessen, und ich mußte mich regelrecht losreißen, um meinen Zug zur Rückfahrt zu bekommen. Die Ausstellung ist unbedingt einen Besuch wert. Leider etwas dunkel alles, so war es nur schwer möglich, Fotos zu machen (Fotografieren ist an sich nicht gestattet, aber bei solchen Gelegenheiten mache ich meist doch Aufnahmen mit meiner kleinen Minox und hochempfindlichem Film). Die Wahl am Bücherstand fiel schwer, und ich beschied mich mit einem Exemplar des Marbacher Magazins 100/2002 zur Ausstellung und einem Exemplar 52/1990 zu Franz Kafkas "Prozeß". Beides schöne gut gestaltete Bücher. So eine Ausstellung kann schon Zeit kosten: zwei Stunden hin, zwanzig Minuten im Regen durch den Ort zum Schiller-Nationalmuseum hinauf, etwas über zwei Stunden Ausstellung, wieder zum Bahnhof und nochmal zwei Stunden Rückfahrt - fast ein ganzer Tag also...

24.12.2002
Kafkas und Brods "Reisetagebücher" (vgl. 1.9.2002) zum zweiten mal fertiggelesen. Max Brod ist mir immer interessanter geworden, deswegen über die ZVAB seine Autobiographie "Streitbares Leben" bestellt. Eine Internet-Recherche, ob sein Nachlaß herausgegeben wird oder nicht, brachte keinen Erfolg - seltsam. Seine Tagebücher wären sicherlich sehr interessant.

12.12.2002
Den Essayband "Prager Fenster" von Libuše Moníková fertiggelesen. Nun, eigentlich war ja klar, dass bei einem Titel wie "Prager Fenster" sich bei Libuše Moníková alles um Prag, Böhmen, die Tschechen und die Deutschen drehen würde. Den Tschechen wurde im zwanzigsten Jahrhundert übel mitgespielt (von den Deutschen, von den Russen, usw), kein Wunder, dass sich alles etwas traurig liest. Lange zum Nachdenken gebracht hat mich der Satz: Man sollte versuchen, den Satz aus verschiedenen Richtungen zu deuten und durchaus auch gegen den Strich zu bürsten.

Zu Moníkovás großen Vorbildern gehört Franz Kafka, und so ist es nur folgerichtig, dass sich ein Essay (bestehend aus zwei zu unterschiedlichen Zeiten entstandenen Beiträgen) mit Milena Jesenská befaßt ("Zu Milena Jesenská", S. 45-55). Im ersten stellt sie die Reportagen von Jesenská vor, von denen schon Kafka nicht genug lesen konnte, im zweiten Beitrag schildert sie die leidensvolle Biographie von Milena Jesenská und ihr Ende im Konzentrationslager Ravensbrück.

Bedrückend der Aufsatz über "Die lebenden Fackeln" vom Januar 1994, 25 Jahre nach Jan Pallachs Selbstverbrennung. Das Thema durchzieht Moníkovás gesamtes Werk, hier im Aufsatz sagt sie explizit, wie tief sie diese Ereignisse erschüttert und für das Leben geprägt haben: Eine mir unvorstellbare Tat, sich für sein Land selber zu verbrennen.

11.12.2002
Lange lange überlegt, dann doch für 50 Euro bestellt: Arno Schmidt "Brüssel. Die Feuerstellung". Zwei Fragmente, Faksimile der Handschriften mit Transkription (Suhrkamp Verlag). Ein Liebhaberpreis, sicher, dennoch ist der Preis für das Gebotene absolut angemessen: es ist schlicht eines der schönsten Bücher, die ich kenne. Alles stimmt zusammen: Texte, Papier, Typographie, Einband, die Faksimiles.
Zumindest in der Transkription ist der Text schnell gelesen und zeigt den "echten Schmidt", hochmütig, besserwisserisch, einer, der alles weiß und unter den Mitgefangenen im britischen Lager deutlich herausragt. In der zweiten Erzählung ("Feuerstellung") begibt sich Schmidt aber mit seiner Superman-Pose auf glattes Eis: die Geschichte spielt nicht nach dem Krieg, wo sich Täter und Nichttäter plötzlich alle in der selben Lage wiederfinden und unter den Haftbedingungen ächzen - also fast zum Bemitleiden sind. Die zweite Geschichte spielt im Krieg (im dritten Weltkrieg, aber das ist unwesentlich). Und nun ist der Tausendsassa eindeutig ein Soldat, der dank seiner Fähigkeiten einen guten Job als Soldat macht, mit Befehlsgewalt. Kein Mitläufer oder bummelstreikender Einfachstsoldat! Schmidt versteht "Wissen" jeglicher Art durchaus als Machtmittel: sogar mit Numismatik kann man Wirtschaftsbosse in die Knie zwingen, wie im "Steinernen Herzen" nachzulesen ist. Verständlich, dass er hier die Notbremse zog: mit dem Anspruch, seiner Umwelt geistig überlegen zu sein, hätte er sich bei der Anlage der Geschichte in einen Super-Krieger verwandeln müssen.
Was rührend ist: diese winzige Bleistiftschrift auf Billigstpapier: Wie kostbar sind Papier und ein Bleistiftstummel einmal gewesen! Und Schmidt schreibt sogar nach dem Zweiten Weltkrieg noch die Deutsche Kurrentschrift, die Kafka in seinen Manuskripten schon vor dem Ersten Weltkrieg nicht mehr verwendete.

04.12.2002
Zur Zeit lese ich den Essayband "Prager Fenster" von Libuše Moníková (Edition Akzente, Hanser Verlag). Obwohl ich ein großer Verehrer ihrer Romane bin: die bisher gelesenen Essays haben mich etwas kalt gelassen, weil sie etwas zu nationalistisch daherkommen. Moníková läßt nichts auf Böhmen kommen, obwohl sie die gesellschaftliche Stellung der Frau dort als katastrophal bezeichnet und dies als Grund für ihr Weggehen angibt. Es ist eine seltsame Sache mit dem Nationalismus, aber man muß ihn ja nicht verstehen. Am schönsten war bisher ein Fremdzitat (nur: von wem isses...?):
Den Schlußsatz habe ich beim Fahrradfahren häufig mit Schmierenkomödiantenton vor mich hingesagt - das kommt wirklich gut.

27.11.2002
Hartmut Binders Einführung zum Process und seine Stellenkommentare im schon weiter unten erwähnten "Kafka Kommentar zu den Romanen, Rezensionen, Aphorismen und zum Brief an den Vater" gelesen. Weniger ergiebig als erhofft: Texte von Kafka leben vom eigenen Lesen, von der vermittelten Stimmung, vom Sprachstil - nicht von irgendwelchen (Stellen-)Kommentaren - das wurde wieder ganz deutlich.

22.11.2002
Franz Kafka "Der Proceß" ausgelesen (begonnen am 11.11.2002). Sekundärliteratur ist in Unmassen vorhanden, es nimmt einem fast die Lust, selber etwas über den Text zu formulieren. Nach der Lektüre kann man jedenfalls nachvollziehen, dass Kafka beim Vorlesen im Freundeskreis Tränen gelacht hat. Trotzdem es ja nicht gerade ein Happy End gibt, und der arme Held "wie ein Hund" stirbt ("Aber an K.s Gurgel legten sich die Hände des einen Herrn, während der andere das Messer ihm ins Herz stieß und zweimal dort drehte.") - viele Passagen haben einen derartigen Komödiencharakter bis hin zu irren Slapstick-Szenen, dass man aus dem Schmunzeln oder Lachen nur schwer rauskommt. Man braucht nur auf die ständigen Erwähnungen der alten Frau zu achten, die die Vorgänge bei der sogenannten "Verhaftung" K.'s (bei der er gar nicht verhaftet wird) so unglaublich neugierig beobachtet (zuerst allein, später in Gesellschaft).
Und diese Frauengeschichten von K. - sehr sehr schräg. Sogar so kleine Nebenhandlungen wie die mit den Mädchen, denen K. bei seinem ersten Besuch beim Maler Titorelli begegnet - immer ein Schuss verworfene Erotik dabei.

10.11.2002
W.A.Mozart "Die Bäsle-Briefe" (gelesen in der von Juliane Vogel herausgegebenen Reclam-Ausgabe): Wenig beeindruckend. Früher wohl aufregend, als man in jedem Klassiker auch einen halben Heiligen sehen wollte, und das Schwelgen Mozarts im Anal-Bereich nicht dazu passen wollte. Neun Briefe sind erhalten, die auch mit Anmerkungen und Kommentar nicht interessanter werden. Eine schöne online-Version der Briefe ist vorhanden, bei der auch Mozarts Bäsle-Zeichnung erklärt ist (die Brust des Bäsles ist von Mozart recht liebevoll gezeichnet worden).
Dann doch lieber Goethe "Hanswursts Hochzeit" lesen.

08.11.2002
Da ich die Kafka-Biographie von Ernst Pawel "Das Leben Franz Kafkas" nach dem Kauf viel zu hastig verschlungen habe, habe ich sie in den letzten Wochen nochmal gründlich gelesen. Ein Buch ohne Inhaltsverzeichnis, aber mit Register - das hat schon was Originelles. Von der Fülle des Stoffs ausreichend, aber ohne Fußnoten, etwas sprunghaft in der Chronologie, etwas zu verliebt in den Reiz von knackigen Formulierungen oder von Scherzen, keine Werkdeutungen - überhaupt nur wenig über das Werk selber. Offenbar kam Pawel gegen Ende seiner Arbeit entweder in Terminnot oder hatte das Thema satt: die letzten Jahre Kafkas werden im ziemlichen Eiltempo abgehandelt. Schade. Ein etwas zwiespältiger Eindruck bleibt leider zurück, auch wenn sich das Buch streckenweise amüsant liest.
Einen Verriß von Pawels Biographie kann man vom Kafka-Kenner Ronald Haymann lesen.

Nach der "Wende" gab es einige Jahre lang (bis Ende 1996) die "Wochenpost" bundesweit. Ich habe diese Zeitung damals regelmäßig gelesen und denke etwas wehmütig an sie zurück. Einige der Redakteure und Redakteurinnen (Jutta Voigt, Regine Sylvester, Elisabeth von Thadden, Mathias Greffrath u.a.) sind noch aktiv, und manchmal recherchiere ich, was sie so veröffentlichen.
Eine meiner "Lieben" war (oder ist) Regine Sylvester, seit 1996 Leitende Redakteurin der "Berliner Zeitung". Die "Berliner Zeitung" hat ein Vorbildliches online-Archiv, und wenn man dort in der Suchhilfe "sylvester" eingibt, sollte man sich Zeit nehmen, die vielen Texte von ihr genüßlich durchzugehen.
Besonders lesenswert ist ihr Beitrag "Die indiskrete Gesellschaft", erschienen in der "Berliner Zeitung" am 7./8. April 2001, für den sie den Journalistenpreis der deutschen Zeitungen, den "Theodor-Wolff-Preis" 2002 in der Kategorie "Leitartikel/Kommentar/Essay" bekam.
In der "Ost-West-Wochenzeitung" Freitag, der man eine gewisse Verwandschaft zur Wochenpost unterstellen kann, ist just heute (08.11.2002) eine Buchbesprechung von Renate Rammelt über Regine Sylvesters Romandebüt "Vorgeschriebene Fallhöhe" erschienen, just heute, als ich über die Sendung "Wer wird Millionär" recherchierte (ich habe keinen Fernseher und kenne daher keine Serien), die mir wegen der Frage, was "Bedeckungsveränderliche" sind, am 1.11.2002 über 2700 Zugriffe auf meine harmlose Seite zum Bedeckungsveränderlichen V643 Ori verschaffte (wobei ich zuerst an einen Server-Fehler dachte, bis ich die log-files auswertete und dann mit dem Hinweis einer Kollegin auf die Frage in der Sendung kombinierte). Tja, und beim Recherchieren über die Sendung fand ich einen Beitrag darüber von Regine Sylvester, und dann die Besprechung des neuen Buches von Sylvester und so weiter - wie der Zufall halt so spielt.

16.10.2002
Fertig mit der neuen Biographie "Kafka. Die Jahre der Entscheidungen" von Reiner Stach. Mein genereller Eindruck ist geblieben: die Biographie ist zwar lesenswert, der entscheidende Kick fehlt aber. Inhaltlich mag alles moderner, besser recherchiert, vernünftiger als zum Beispiel die Biographie von Brod sein, aber man spürt, dass der Autor innerlich sehr weit vom Objekt seiner Recherche entfernt ist. Alles sehr sachlich, alles sehr vernünftig. Brod dagegen schreibt mit Herzblut, Pawel mit Biss.
Stachs Werk hat mich immer wieder an die wohl auch "große" Nietzsche-Biographie von Janz erinnert, der auch in drei Bänden eine enorme Fülle an Stoff aufbot, bei der ich aber auch beim Lesen häufig dachte: "Hm, das ist nicht MEIN Nietzsche".
Und bei Stach dachte ich auch oft: "Nee, das ist nicht MEIN Kafka".

26.09.2002
Die neue Biographie "Kafka. Die Jahre der Entscheidungen" von Reiner Stach erhalten. Selbstverständlich SOFORT mit der Lektüre begonnen. Der Band ist ein MUSS, obwohl mich die Vorschußlorbeeren und die Verlagswerbung etwas abgetörnt haben. Mir ist nicht so klar geworden, was eine "große" Biographie denn ausmacht, die angeblich über Kafka noch nicht existiert. Soll sie dick sein? Nun, da kann das neue Werk durchaus Eindruck machen. Andererseits: Die Biographie von Ernst Pawel wird gar nicht erwähnt: ist sie mit ihren 500 Seiten zu klein? Stört es, dass sie aus dem Amerikanischen übersetzt ist (wenngleich sehr gut)? Nach den ersten 130 Seiten der neuen Biographie habe ich den Eindruck, dass manches etwas inhaltsreicher auf knapperen Raum unterzubringen gewesen wäre: Pawel zum Beispiel führt umfanreiches Material auf, bietet es aber konzentrierter dar. Die Reise von Brod und Kafka nach Weimar zum Beispiel und dieses komische kleine Verliebtsein in die sechzehnjährige Margarethe Kirchner: das sind blasse Ausführungen, und gleichzeitig fehlt der Nachweis der Quellen, um bei Bedarf (nicht das ich den hätte) dem Fall selber nachzugehen: Wie ist Stach an die Fotografie des Mädchens gekommen? Woher weiß er, wann sie von diesem Ball am letzten Tag des Weimar-Aufenthalts der beiden Freunde zurückgekommen ist? Woher kennt er die wenigen angeführten Lebensdaten? Weiter: hat er nach Briefen recherchiert? Wenn ja: warum wird kein Ergebnis der Suche genannt?
Andererseits finde ich die Einführung von Felice Bauer und die Beschreibung von Kafkas Gefühlsleben zum Zeitpunkt ihres Kennenlernens sehr einfühlsam und gelungen. Endlich einmal jemand, der diese Frau nicht runterputzt und nicht so strohdumm vor den Geheimnissen der Partnerwahl steht...
Was bisher (es kann ja noch anders werden...) fehlt, sind Werkdeutungen wie zum Beispiel in der wirklich "Großen" Goethe-Biographie von Nicholas Boyle: Zusammenfassungen der Deutungen und der Deutungsgeschichte auf sehr hohem Niveau, durchaus mit eigener Sicht, und dennoch je nach Text auf nur einigen Seiten Umfang bis zu einigen Dutzend Seiten. Damit verglichen sind die Ausführungen Stachs zum "Urteil" eher flach.
Immer mal wieder fällt mir auf, was für ein Verlust es für das Verständnis Kafkas und seiner Werke bedeutet, dass der Nachlaß von Max Brod immer noch nicht freigegeben ist (auch Stach muß ja deswegen den Band 2 vorziehen, um später den Nachlaß Brods in den laut Planung in vier Jahren erscheinenden ersten Band einfliessen lassen zu können). Es bleibt ein ungutes Gefühl, wenn man sich vorstellt, was alles diesem Nachlaß in den nächsten Jahren noch passieren könnte! Ganz anders, wenn er schon gesichtet und das wichtige gedruckt wäre.

20.09.2002
Angefangen, "Der Verschollene" von Kafka zu lesen.

Die ganze erste Septemberwoche immer wieder gelesen Franz Kafka, Tagebücher 1914-1923 (zum zweitenmal).

Daneben begonnen: Jakob Burkhardt "Weltgeschichtliche Betrachtungen" (erworben am 31.08.2002 für sage und schreibe 50 Cent). Mit Überraschung zur Kenntnis genommen, dass ich anscheinend gerne Burckhardt lesen, zum Beispiel einen Briefband sicherlich zweimal gelesen habe, und seine "Kultur der Renaissance in Italien" immer mal wieder in die Hand nehme. Auf Burckhardt stößt man als ehemaliger Nietzsche-Fan ja automatisch irgendwann. Und irgendwo (fällt mir jetzt bloß nicht ein, wo) hat Arno Schmidt die berüchtigten Wahnsinnsbriefe Nietzsches aus Turin an Buckhardt als Anregung zu einem ähnlichen Brief benutzt. Burckhardt also - immer noch mit viel Gewinn zu lesen.

01.09.2002
Nochmal zu Brinkmann (vgl. 13.08.2002). Ich habe eine Sendung über R.D.Brinkmann auf Kassette (vom 5.5.1995, Südfunk 2 Kultur) mit vielen O-Ton-Passagen, zum Beispiel eine Art Lebenslauf, von Brinkmann selber hervorgestoßen ("erzählt" würde zu niedlich klingen). Nach dem zweimaligem Anhören war ich wieder gepackt und habe Brinkmann viele der Schimpfereien veziehen - er hat ja meist soo recht.
Im Lauf der letzten Augustwoche die Reisetagebücher von Kafka und Brod zum erstenmal gelesen. Das Tagebuch Brods fand ich fast genauso interessant wie das von Kafka: immerhin wird oft von Kafka geredet. Die unglaubliche Selbstverständlichkeit, mit der Bordelle aufgesucht werden (manchmal das erste, was in einer Stadt gemacht wird), verblüfft immer wieder.

23.08.2002
Zwei Neuerwerbungen:
Franz Kafka "Reisetagebücher", Fischer TB, 2001.
Franz Kafka "Der Verschollene (Amerika)", Fischer TB, 2001.
In beide Bände zunächst nur reingeschnuppert.

In den letzten Wochen am intensivsten gelesen:

Max Brod "Franz Kafka. Eine Biographie" (vgl. 02.03.2002). War so packend, dass ich sicherlich zwei Wochen dran gelesen habe. Alle paar Sätze war Nachdenken angesagt. Das, was Brod am meisten zu Last gelegt wird, die Deutung Kafkas als Religionssucher (fast wird Kafka zum Heiligen stilisiert), gerade das fand ich am interessantesten, weil Brod genau hier aus eigensten Motiven und mit viel Herzblut schreibt (dabei sicherlich Kafka zu sehr nach seinem eigenen Idealen modelt).

Karl August Böttiger "Literarische Zustände und Zeitgenossen" (vgl. 06.07.2002) ist nun ausgelesen. Viele Zitate mußte ich mir abtippen.

Christian Köllerer verdanke ich den Hinweis auf Ernst Pawel "Das Leben Franz Kafkas. Eine Biographie". Rowohlt TB, 1990. Vier Tage nach dem Entschluß, den Band über die ZVAB zu suchen und zu bestellen schon im Haus (19.08.2002). Der Band hat mich den ganzen ersten Abend zu nichts anderen mehr kommen lassen. Kurz vorher hatte ich den Brod ausgelesen, nun gab es Contra: Auf Seite 344 zum Beispiel werden einige Ausführungen Brods als "sentimentales Geschwätz" bezeichnet, und auch sonst ist Pawel wie eigentlich auch Brod sehr direkt in seinen Beurteilungen und tritt durchaus nicht als Autor hinter sein Thema zurück. Dies ist eines der Bücher, die ich gegenwärtig (24.08.2002) lese.

Am 13.08.2002 wieder im Antiquariat Hatry gewesen und zwei ganz gegensätzliche Bücher gekauft:

Karl May "Durch die Wüste". Mit diesem Buch habe ich lesen gelernt, vor der Schule, also etwa 1960. Einige Episoden habe ich immer noch im Kopf. Nun möchte ich etwas Nabelschau machen, dabei gleichzeitig schmökern und analytisch lesen - in übrigens der gleichen Ausgabe wie damals, also der (berühmten oder berüchtigten - wie auch immer) grünen Ausgabe des Karl-May-Verlags Bamberg. MIT den kleinen Kartenskizzen, mit denen ich damals auch wilde zukünftige Reisen zusammenphantasierte.

Rolf Dieter Brinkmann - Briefe an Hartmut (Rowohlt 1999). Ein denkbar harter Kontrast zum Karl May. Symphatisch ist mir Brinkmann nicht immer. "Rom. Blicke" habe ich von ihm, und mein Urteil darüber ist sehr gespalten. Wie in "Rom. Blicke" ist Brinkmann auch in diesen Briefen in der Hauptsache am Schimpfen - über alles und jeden. Um das zu ertragen, muß man immer Lesepausen einlegen (auch bei "Rom. Blicke" war ich nicht in der Lage - oder bereit -, alles am Stück durchzulesen). Ich stelle mir vor, wie Brinkmann rauchend, mit Bier-Fahne, mit stinkigen Klamotten und verkniffenen böse-beleidigten Gesicht durch die Strassen geht und allen Leuten in die Fresse hauen möchte. Und frage mich, ob er sich sonderlich positiv von den anderen Passanten abhebt. Doch wohl eher nicht. Trotz dieser unangenehmen persönlichen Züge: Brinkmann ist einer der wichtigeren deutschen Autoren.

16.07.2002
(http://www.profil.at/literaturkanon/pub_index.shtml) Bücher, die man gelesen haben muß (interessant zu lesen sind auch die Kommentare zum Sinn und Unsinn von Literatur-Kanons). Leider ist der Link inzwischen (2004) tot.
Am Karl August Böttiger (vgl. 06.07.02) lese ich übrigens immer noch - ganz so schnell geht's halt nicht.

14.07.2002
In einem Heidelberger Antiquariat einen unverhofften Fund getan:
Gustav Janouch "Gespräche mit Kafka". Fischer TB, 1961.
Unter dem 23.03.02 habe ich den Band "Als Kafka mir entgegenkam. Erinnerungen an Franz Kafka". Hrsg. von Hans-Gerd Koch erwähnt. Janouch gehört zu den Beiträgern des Bandes. Was Hans-Gerd Koch dort in einer Fußnote anmerkt, drückt auch mein Gefühl beim Lesen von Janouchs "Gesprächen" aus: "hinsichtlich ihrer Authentizität umstritten". Sicher: es gibt viele Passagen, da könnte man sich an das Bild von Kafka, das man sich beim Lesen originaler Kafka-Texte und seiner Briefe so macht, erinnert fühlen. Man findet auch Stellen, die man sich gerne abtippt und öfters wieder vornimmt. Aber ein Unbehagen bleibt. Das ganze Setting - wie Janousch Kafka kennenlernte, diese vielen gemeinsamen Spaziergänge, diese vielen Gespräche über diese Unmengen von Büchern - alles irgendwie unwahr. Kann ein 17- oder 18jähriger diese vielen Bücher, die er immer anschleppt gelesen UND verdaut haben? Und mit Kafka dann zum Beispiel über Dostojewski reden? Oder kann man sich etwa vorstellen, dass Kafka die Gedichte eines 17jährigen ernsthaft liest? Sicher: Janouch wird laut den "Gesprächen" von Kafka häufig als Kind tituliert, aber die Gründe, weswegen Janouch das bringt, können durchaus unsauber sein. Beim zweiten Lesen habe ich jedenfalls vor, auch diese "Authentizitäts-Frage" im Hinterkopf zu halten.
Als ich das Bändchen kaufte, war gerade ein zweiter Kunde im Antiquariat, der gezielt nach Kafka-Sekundärliteratur schaute. Ich fragte halb mitleidig, ob ich ihm den Band nun weggeschnappt hätte, aber er hatte ihn schon ("das Buch hätte ich nicht übersehen"), und empfahl das Buch nachdrücklich. Deswegen bekommt der Janouch nun einen zweiten Versuch.

06.07.2002
Karl August Böttiger "Literarische Zustände und Zeitgenossen". Begegnungen und Gespräche im klassischen Weimar. Berlin 1998
Der Band war schon lange auf meiner Wunschliste, endlich rangegangen. So muß ein Buch gemacht sein: schön gedruckt, schön gebunden, gutes Vorwort, ausführliche Anmerkungen, sehr ausführliches Personen- und Werkregister. Und ein stellenweiser packender Inhalt: Keine Hagiographie unserer Klassiker, sondern ein Achthaben auf Gespräche UND auf die sprechende Person - allerdings auch auf die Aspekte der Person, die geeignet sind, einige "Musensöhne" ordentlich auf die Erde zurückzuholen. Böttiger nimmt sprachlich in seinen Anmerkungen kein Blatt vor den Mund, wenn es ums Charakterisieren von Personen geht, und so lesen sich viele Passagen, deren Themen an sich recht uninteressant sind, doch sehr kurzweilig. Über ein Drittel des Textteils handelt von Wieland, offenbar hatte Böttiger eine eigenständige Arbeit über Wieland vor und sammelte Material. Mit Genugtuung habe ich seine Auslassungen über die Eitelkeit und den Neid von Herder gelesen, Eigenschaften, die dessen "Italienische Reise" und Reisebriefe durchdringen und mir vor einigen Jahren bei der Lektüre sehr unangenehm aufgestoßen sind (trotzdem ist Herder natürlich unbedingt lesenswert - auch heute noch).

Zweite Junihälfte 2002
Franz Kafka - Briefe an Milena. Fischer TB, 1986.
Nach dem Band "Briefe 1913-1914" ist wohl eine lange Wartezeit bis zum Erscheinen des dritten Bandes zu erwarten - zu lange. Deswegen mußte ich sofort mit den "Briefen an Milena" weitermachen. Ich fand sie interessanter als die Briefe an Felice, aber von der Stimmung her resignierter: Kafka ist deutlich kränker zur Zeit dieser Korrespondenz. Dieser Band ist ein Muss für Kafka-Freunde.

Mitte Juni 2002
Mein armer Tintenstrahldrucker wußte nicht so recht was ihm geschah, als er Mitte Juni über 60 Seiten nahezu am Stück ausdrucken mußte: Die Seite von Hans-F. Tölke ist so phantastisch gut, dass ich sie nicht am Bildschirm lesen wollte. Die "Seite" besteht aus einem langen Text (mit einigen Bildern), der seit Mitte Juni noch erweitert worden ist, und in der Art eines Arno-Schmidt-Typoskripts (außer der Mehrspaltigkeit) in Courierschrift über Themen von Arno Schmidt handelt. Fast ist man versucht, "kongenial" zu sagen. Mir ist es beim Lesen oft passiert, dass ich mehrfach ansetzen mußte, weil ich mehr auf das "wie" als auf das "was" der Texte geachtet habe. Ein Genuß, allen Arno-Schmidt-Freunden wärmstens zu empfehlen. Tölke sagt's ja selber: "tolle, lege!"

Anfang Juni 2002
Dank des nicht genug zu lobenden ZVAB (www.zvab.com) endlich die beiden Bände "Kafka Kommentar zu den Romanen, Rezensionen, Aphorismen und zum Brief an den Vater" und "Kafka Kommentar zu sämtlichen Erzählungen" von Hartmut Binder bekommen. Die Bände findet man selten! Hartmut Binder veröffentlicht seit Jahrzehnten fundierte Aufsätze und Bücher über Kafka, und immer mal wieder findet man einen neuen Beitrag für eine Zeitung, zuletzt Anfang Juli in der Neuen Züricher Zeitung (Dank an Christian Köllerer für den Tipp; seine häufig aktualisierte Homepage suche ich fast täglich auf). Die beiden Kafka-Kommentar-Bände haben mich tagelang gefesselt, natürlich zunächst hauptsächlich zu den Kafka-Texten, die ich in letzter Zeit selber (wieder-)gelesen habe.

Hier muß ich noch einige Sachen nachtragen, die ich von März bis Juni gelesen habe.

23.03.2002
Drei Bücher gekauft:

"Als Kafka mir entgegenkam. Erinnerungen an Franz Kafka". Hrsg. von Hans-Gerd Koch. Fischer Taschenbuch.
Noch am selben Tag diagonal durchgelesen, seitdem immer mal wieder einzelne Beiträge intensiver. Spannend. Zum einen die Erinnerungen der Leute selber: eine gemischte Palette aus zart, wichtigtuerisch, bescheiden, widersprüchlich - ganz verschieden. Als Grundton bleibt haften, dass Kafka von früher Jugend an ein sehr beliebter und geachteter Mitschüler, Freund und Kollege war, der offensichtlich keine Feinde hatte. Und dass das Bild des weltfremden, ernsten, "kranken" Kafka über weite Strecken eine Fiktion ist. Kafka galt allseits als interessiert, lustig, als mutig, sportlich usw. Genau der Eindruck, den auch die Tagebücher und Briefe hinterlassen.

Alena Wagnerová "Die Familie Kafka aus Prag". Fischer TB
Nicht so interessant, auch etwas teuer (als dünnes Taschenbuch!) - mußte aber gekauft werden, weil interessante Details aus der Familiengeschichte und dem weiteren Schicksal der Verwandten enthalten sind. Sieht man vom bedrückenden Kapitel mit dem Schicksal und der Ermordung der Verwandten in den Vierziger Jahren ab müßte man die familiäre Herkunft als "nothing special" bezeichnen. Woher da ein (nein: der) Kafka kommt? Die Herkunft erklärt's jedenfalls nicht.

Jack London "Martin Eden". dtv
Jack London habe ich vor zehn Jahren sehr viel gelesen - klar: Eskapismus / midlife-crisis der Mittdreißiger / crazy forties im Anmarsch. Aber immerhin eine deftige Alternative zu den Grünen. Geblieben ist das Interesse an einem Menschen, der sich aus ärmlichsten Verhältnissen mit eiserner Energie zu einem weltbekannten Schriftsteller emporgearbeitet hat. Welche Umstände wecken diese Ziele in einem? Woher kommt die Energie? Welche Zufälle bestimmen unser Leben? Und weitere dieser Fragen. Warum soll man das nicht anhand des autobiographischen Romans von Jack London nochmal durchdenken und nacherleben?

02.03.2002
Vier Bücher gekauft:

Rolf Recknagel "B.Traven. Beiträge zur Biografie". Reclam Leipzig 1966
Nicht, dass ich das Buch jetzt unbedingt lesen muß... Aber: Vor über 30 Jahren kam ich erstmals mit Max Stirner und seinem Hauptwerk "Der Einzige und sein Eigentum" in Berührung. Bei meiner Magisterprüfung in Philosophie (vor 18 Jahren) "durfte" ich Max Stirner als eines der Themen wählen (an einer Uni, an der man nur von Kant, Hegel und Platon hörte, wirklich ein Zugeständnis). Von Max Stirner kommt man irgendwann zu Ret Marut, und schon ist man bei B.Traven. Beim Studieren des Stirner-Umfeldes, der vielfältigen Einflüsse auch auf die Literatur habe ich Anfang der achtiger Jahre für meine Prüfung natürlich auch Unmengen von und über Traven und den "Ziegelbrenner" Ret Marut gelesen. Ein Teil dieses Komplexes ist in der Recknagel-Biografie beschrieben, und das möchte ich mir demnächst mal wieder zu Gemüte führen. Beim Durchblättern wurden jedenfalls viele gute "alte" Erinnerungen wach und der Wunsch, sich mal wieder in diese Welt zu versenken.
Nebenbei: So super ich Mulischs "Entdeckung des Himmels" fand: dass darin Stirner als Lieblingslektüre des Nazi-Vaters auftaucht - das hat mir gar nicht gefallen!

Aus der Reihe "Haidnische Alterthümer" in einem Band: Jules Verne "Die Schule der Robinsons" und Paul Vérne "Von Rotterdam nach Kopenhagen". Zweitausendeins, Frankfurt 1984
Wichtig für Arno Schmidt "Die Schule der Atheisten". Schon beim Anblättern fühlt man sich wie bei einem Familienausflug - die bekannten Namen aus der SdA...
Zum Lesen werde ich allerdings so schnellk nicht kommen.

Max Brod "Franz Kafka. Eine Biographie". Fischer TB, Frankfurt 1963
Das Buch nehme ich seit dem Kauf fast jeden Tag zur Hand. Bei aller Kritik an Brod, die heutzutage political correct ist: er kannte Kafka am besten, er hat ihn bewundert und früh als überlegen anerkannt. Und vor allem: er kennt Anekdoten, da flattern einem die Ohren. Dass Kafka ein großer Schwerzbold vor dem Herrn war, das habe ich schon lange gespürt, dass der Schlußsatz des "Urteils" nicht ganz astrein ist, konnte mann spüren - aber das, was Brod da überliefert, ist einfach köstlich, Kafka frägt ihn einmal unvermittelt:

Um diesen "harmlosen" Satz geht es: "In diesem Augenblick ging über die Brücke ein geradezu unendlicher Verkehr."

Sándor Márai "Bekenntnisse eines Bürgers. Erinnerungen". Piper, München, Zürich 2001.
Gelesen Ende Februar bis Anfang März 2002, seitdem liegt das Buch rum. Wenn man vorher viel Kafka gelesen hat ist es eine Zumutung (vor allem, wenn der Autor sich selber als Kafka-Fan bezeichnet). Der erste Teil mit der Schilderung der Dienstmädchen- und Köchinnenschicksale noch sehr packend (soweit habe ich in der Buchhandlung gelesen), wenn auch ein Verdacht bleibt, dass beim Autoren wenig Mitgefühl dabei ist. Die Schilderung der "Unijahre" fand ich aber empörend. Für ein derartig unreifes Verhalten (demonstratives Anderssein-Wollen, Geld-verprassen, das der Vater verdient hat, ein enormer Frauenverschleiß mit Kokettieren, sich nicht mehr an Namen und Gesichter erinnern zu können, usw) muß man sich schämen. Meine Lektüre stockt zur Zeit auf Seite 300, weil ich mich die letzten 250 Seiten über meist über den Protagonisten geärgert habe.

bis zum 15.02.2002
Den Band Franz Kafka Briefe 1900 - 1912 fertiggelesen. Am Schluß allerdings fast schon etwas gelangweilt wegen der ein bis zwei täglichen Briefe an Felice - zuviel Monokultur. Trotzdem: auch hier tolle Highlights dabei. Schöne / wichtige / interessante Zitate kommen in eine eigene Datei.

03.02.2002
Für eine kleine Korrespondenz mit einem Schüler nochmal einige Passagen von Mulischs "Die Entdeckung des Himmels" gelesen.
Frage: ist der Diskos von Phaistos von irgendeiner Bedeutung? Ich meine nicht. Damit wird Onno charakterisiert als jemand, der ein ziemlich abseitiges Gebiet recht verbissen und intensiv beackern kann (es hätten auch "Ameisen" oder "Veränderliche Sterne" sein können) - der aber diese Energie auch ganz plötzlich für ein anderes Gebiet mobilisieren kann (die Politik; oder später die Unterstützung von Quinten, als dieser in Rom sich in den Kopf setzt, in die Kapelle Sancta Sanctorum zu kommen). In Rom selbst war es allerdings vorteilhaft, sich mit Kunstgeschichte, Archäologie und geisteswissenschaftlicher Quellensuche auszukennen. Da hätte ein Ameisenforscher mehr Probleme gehabt.
Behauptung: "Es geht um zwei mögliche Wege für die Entdeckung des Himmels." Das glaube ich nicht. Onno hat dieses Ziel nicht, er hat überhaupt wenig Ziele: zunächst ist er verbissen dabei, den Diskos zu entziffern, dann geht er eifrig in die Politik, dann hängt er jahrelang rum und verkommt nahezu, dann wird er von Quinten eingespannt, ihn bei SEINEM Ziel (den Diebstahl der Tafeln) zu unterstützen...
Nein, Onno hat nicht das Ziel, den Himmel zu entdecken.
Max wiederum ist viel zu stark damit beschäftigt, sein schwieriges familiäres Erbe aufzuarbeiten. Sein Hang, ständig mit anderen Frauen zu schlafen, wird ja als Folge dieser schwierigen Herkunft erklärt. Er hat irgendwann nur noch die Ziele 1.Beruf (möglichst seiner Forschung leben) und 2.Quintens Erziehung. Dafür nimmt er das Leben in der Provinz auf sich und das Zusammenleben mit Adas Mutter.
Und ZUFÄLLIG kommt er dem Himmel auf die Spur (also nicht dem Himmel der Astronomen, sondern einem anderen "Himmel") - um im nächsten Moment eliminiert zu werden. Aber da ist seine Aufgabe, die er aus Sicht des "Himmels" erfüllen sollte (die Erziehung von Quinten), nahezu abgeschlossen - der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen.
Ich halte die Kernaussage, die ich in der kurzen Mulisch-Besprechung getroffen habe, immer noch für ganz treffend: der Himmel kündigt den "Bund" mit den Menschen, den er via Moses irgendwann mal gemacht hat, will das aber heimlich tun und "nur" die Tafeln des Bundes zurückholen. Mit den Menschen will der Himmel nichts mehr zu tun haben. Alle Personen im Roman sind Werkzeug dafür. Letztlich ist von langer Hand vom Himmel alles so arrangiert, dass Quinten nicht umhin kann, irgendwann in Rom anzukommen und dort mit Unterstützung von Onno (der dafür ja auch Qualitäten mitbringt) auf die Idee zu kommen, die Tafeln zu holen und nach Jerusalem zurückzubringen.

02.02.2002
Zwei neue Bücher: "Rowohlt Literaturmagazin 44. Prag - Berlin: Libuse Moníková" (als Ergänzung für meine wiederbegonnene Moníková-Lektüre). Bisher nur diagonal einige Sachen überflogen und die Bilder angeschaut: unter anderem Libuse Moníková in Bargfeld ("Arno-Schmidt-Town").

Dann noch Franz Kafka Briefe 1900 - 1912 (Bd. 1 der kommentierten fünfbändigen Ausgabe von Hans-Gerd Koch, S.Fischer Verlag).
Man kann kaum aufhören zu lesen, sogar der junge Kafka (der Student) hat schon einen ganz individuellen Stil, eine originelle Art und Weise, Leute anzusprechen. Inhaltlich und sprachlich also ein Genuß. Und ein schönes Buch auf gutem Papier - ist ja auch nicht selbstverständlich.
Auffallend ist, bei wie vielen älteren Briefen oder Karten im Kommentar "Verbleib unbekannt" angemerkt ist. Es war wohl höchste Zeit, mal wieder eine Bestandssicherung zu machen und Material aus verstreuten Publikationen zusammenzutragen.

Schöne Stellen und Passagen gibt es jede Menge: Zum Schmunzeln z.B. eine Karte, deren ganzer Text lautet:
"Lieber Hugo, es ist mir, als müßte ich Dich grüßen." (Nr. 5, S.12, an Hugo Bergmann Ende 1901 oder Anfang 1902)

Eine knallharte Kritik über ein Machwerk eines Mit-Studenten, darin die nette Anmerkung: "Jung sein heißt nicht haushalten und jung sein heißt nicht die Grammatik in Ehren halten. Die Geschichte aber ist sparsam und der Sprache dankst Du weniger als Du glaubst." (Nr. 16, S.20, an Paul Kisch).
Einer der packenden Briefe an Oskar Pollak befaßt sich mit den "frühen Werken" Kafkas und ist sehr selbstkritisch: "... Du mußt aber daran denken, daß ich in einer Zeit anfing, in der man "Werke schuf", wenn man Schwulst schrieb; es gibt keine schlimmere Zeit zum Anfang." ... "Eines aber fehlt in den Heften ganz, das ist Fleiß, Ausdauer und wie alle diese fremden Dinge heißen."
Und dann noch: "Vor allem weiß ich heute eines: Die Kunst hat das Handwerk nötiger als das Handwerk die Kunst. Natürlich glaube ich nicht, daß man sich zum Gebären zwingen kann, wohl aber zum Erziehen der Kinder." (Nr. 23, S27, Brief an Oskar Pollak, vermutlich vom 6.9.1903).

Hier wird ein "Schloß" erwähnt: "Manches Buch wirkt wie ein Schlüssel zu fremden Sälen des eigenen Schlosses." (Nr.24, S.29, an Oskar Pollak, 8.11.1903).

Die früher schon erwähnte Stelle vom Buch als Axt für das gefrorene Meer in uns findet sich als Brief Nr. 31 auf Seite 36.

30.01.02
Obwohl ich mit Kafkas "Schloß" noch nicht durch bin, konnte ich mich nicht zurückhalten, wieder in "Die Fassade" von Libuse Moníková reinzulesen: vor etwa acht Jahren habe ich diesen Roman zweimal gelesen - da hatte ich Moníková gerade entdeckt, war restlos begeistert und habe ein Buch nach dem anderen von ihr gelesen. Ein Satz aus der Fassade hat mich auch zu einem Ölbild angeregt ("Demiurg"), und zwar Ortens anerkennende Anmerkung über Michelangelo: Bei der zweiten Lektüre habe ich kurze Inhaltsangaben der einzelnen Kapitel gemacht und eine Liste der (Haupt-)Personen erstellt. Diesen Text habe ich allerdings damals noch nicht abgeschlossen - am Dateiformat (immerhin acht Jahre her) merkt man, wieviel Zeit inzwischen verflossen ist. Keine Ahnung, wann ich es zum letzten Mal als nötig empfand, Importfilter für Word5 zu installieren...

Vier Künstler mit unterschiedlichen Charakteren restaurieren die Fassade des böhmischen Schlosses Friedland (Litomysl), ihre Diskussionen bieten Gelegenheit, unterschiedliche Kunstanschauungen gegenüberzustellen. Der künstlerisch potenteste (aber nicht der interessanteste) unter ihnen entdeckt dabei Kafkas "Process" als Inspirationsquelle. Eine Einladung nach Japan läßt sie zu einer langen Reise aufbrechen, bei der sie aber über Sibirien nicht hinauskommen. Die Schilderung ihrer Erlebnisse, vor allem die genaue Schilderung der dortigen Verhältnisse, lassen vermuten, dass Libuse Moníková selbst mal dort war. Die schönste Passage im Roman ist für mich Schilderung der Zeit, die Orten (der "interessanteste" Künstler) allein in einer sibirischen Siedlung durchlebt, die noch von Schamanismus und Matriarchat geprägt ist (S.374-382). Auch die Erotik kommt - hier wie im ganzen Roman - nicht zu kurz.

Vor und nach "Die Fassade" hat Libuse Moníková eher schmale Bände geschrieben. Man hat auch etwas den Eindruck, als ob möglichst viel in den Roman rein sollte. Dennoch wirkt der Roman weder gekünstelt konstruiert noch lang. Er ist zugleich lehrreich, interessant, spannend und lustig, die ganzen heterogenen Elemente und Handlungsstränge sind geschickt miteinander vernüpft (und sei es durch ein Theaterspiel, welches die vier Hauptpersonen aufführen).

Für Leser von Arno Schmidt finden sich jede Menge mehr oder wenige versteckte Anspielungen auf "typische" Zitate, Beispiel: "Wer nicht liest, kennt die Welt nicht".(S.230)

In solchen kleinen Details finde ich Moníková super: mit lockeren Halbsätzen charakterisiert sie beispielsweise hier die vier Maler und beschreibt gleichzeitig deren Bedeutung in der internen Hackordnung:

17.01.02
"Sterne und Weltraum 2/2002" gekommen, reingelesen.

14.01.02
Franz Kafka "Das Schloß" angefangen zu lesen - die Lektüre wird eine Zeitlang dauern. Zunächst als Schmökern gedacht, um einen Überblick über das Buch zu erhalten. Eine zweite intensive Lektüre ist absehbar. Dies ist das zweite Buch meiner vier Neuerwerbungen, die anderen beiden sind aber nicht von Kafka...
Los geht's mit dem "Schloß":

Kann man da widerstehen, weiterzulesen?

12.01.02
Der Verlockung nicht widerstehen können und mit vier neuen Büchern nach Hause gekommen, am selben Tag zu lesen angefangen:
"Franz Kafka. Dargestellt von Klaus Wagenbach" - überarbeitete Fassung (Januar 2002, also brandneu) der 1964 erstmals erschienenen rororo-Monografie. Wagenbach ist einer der besten Kenner von Kafka und schreibt in einem souveränen Stil, der gleichermaßen dicht wie schön zu lesen ist. Wunderbare Zitate von Kafka, auf die ich bei der Zugfahrt, bei der ich den Band zu lesen angefangen habe, immer wieder zurückblätterte. Unglaublich, dass ein knapp Zwanzigjähriger so etwas schreibt, so etwas schreiben kann:
Die einzige Kritik, die ich an der Monografie hätte, wäre die vergleichsweise knappe Behandlung der letzten Lebensjahre von Kafka.

08.01.02
Fritz Lehr - Franz Pforr. Der Meister des Lukasbundes (1924)
Für die Kleinigkeit von 140 DM (70 Euro) antiquarisch erworben. Immer noch grundlegende Monografie über Franz Pforr, über den ich meine Magisterarbeit gemacht habe. Da ich mein Material zu Pforr gegenwärtig ins Web stelle, ist es ein Erfordernis, diese Monografie bei Bedarf griffbereit zu haben. Und irgendwo hat man auch das Gefühl, ein Buch, mit dem man lange und intensiv zu tun gehabt hat, auch in der eigenen Bibliothek stehen zu haben. Ein Buch nicht zum Durchlesen, sondern zum häufigen Reinlesen.

05.01.02
In meinem Lieblingsantiquariat nach sicherlich 15-jähriger Suche endlich Stefan George "Werke. Ausgabe in vier Bänden" gefunden - und sogar preiswert. Keine Sache, die man sich ständig reinziehen will, außer den Standard-Gedichten, die man aus jeder Lyrik-Anthologie kennt, auch eher etwas "fremd" geworden, aber seitdem ich 1970(?) in einem Schul-Lesebuch über das Gedicht "Die Spange" stolperte bin ich George-Fan.

In die vier Bände wird einfach in den nächsten Monaten immer mal wieder etwas reingelesen. Am Stück liest man keinen Gedichtband. George bietet auch einen interessanten Kontrast zu Kafka.

02.01.02
In der Stadtbücherei ausgeliehen:

01.01.02
Kafka-Tagebücher (III) 1914-1923 (Fischer TB) ausgelesen. Bisher habe ich für den ersten Band eine Zitat-Zusammenstellung gemacht. Hier sind die Online-Fassungen der Tagebücher zu finden.


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Gestaltet von Béla Hassforther. Letzte Änderung: 27.05.2006
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