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Journal 2025

Paul Trynka - "Sympathy for the Devil"

(02.01.2025) Der Untertitel "Die Geburt der Rolling Stones und der Tod von Brian Jones" lässt schon ahnen, dass das eine mit dem anderen zu tun haben könnte, jedenfalls für Paul Trynka, einem bekennenden Brian-Jones-Fan

Paul Trynka, Sympathy for the Devil

Im Prolog schreibt Trynka, wie es ihm beim Schreiben des Buchs erging:

"Während der Arbeit an diesem Buch bin ich weit gereist und habe viele emotionale Tiefpunkte erreicht. Es ist eine traurige Geschichte - voller chaotischer Lebensläufe, ungewollter Kinder, Rücksichtslosigkeit, Frauenfeindlichkeit und Fehden, manche belanglos und andere tief greifend. Doch große Kunst entsteht in chaotischen und verwirrenden Lebensumständen."(S.11)

Ich würde das Wörtchen "auch" ergänzen, denn auch in chaotischen und verwirrenden Lebensumständen entsteht Kunst, trotz chaotischer und verwirrender Lebensumstände entsteht Kunst - aber sie sind zum Glück keine Bedingung für die Entstehung großer Kunst. Mir ging es beim Lesen ähnlich wie Trynka beim Schreiben. Die Lektüre ist deprimierend, zieht runter, macht traurig. Auch wenn ich der gleichen Meinung bin wie Trynka - Brian Jones war der wichtigste Stone am Anfang der Karriere der Rolling Stones, und nie waren sie besser als zu seiner Zeit - es ist alles ganz schön traurig. Brian Jones war kein angenehmer Mensch. Und er wurde im Lauf der Zeit immer unangenehmer. Mit welcher Nonchalance er seine Freundinnen wechselte, ihnen Kinder machte und dann sitzen ließ: Das ist unangenehm zu lesen. Wie unzuverlässig er wurde, sowohl im Probenalltag als auch bei Auftritten - professionell ist das nicht.

Aus einem begabten Schüler und Liebling der Lehrer wurde Brian innerhalb kurzer Zeit schon mit 14 Jahren zum Rebellen, der zwischen sich und seinen Eltern und letztlich auch zu den meisten Lehrern schnell eine unüberwindliche Kluft entstehen ließ. Für ihn zählte nur noch Musik: Jazz, Country, Blues, Rock 'n' Roll - und Sex: Mit 16 Jahren wurde er zu erstenmal Vater (und das Kind, wie damals üblich, zur Adoption freigegeben). Mit 18 Jahren wurde er wieder Vater, auch diesmal ließ er die Mutter letzlich sitzen. Und so ging es weiter.

Mit 19 Jahren zog Brian nach London, trat dort wie schon im Heimatort bei unzähligen Gigs auf, lernte zahllose Musiker kennen, erweiterte seine Fähigkeiten und Kenntnisse - und irgendwann waren die Stones gegründet, mit ihm als Leader.

Es hat keinen Sinn, das ganze Buch zusammenfassen zu wollen. So wie Brian Jones abbaute, so wurden Mick Jagger und Keith Richards immer wichtiger, je unzuverlässiger und destruktiver Brian für die Band wurde, um so mehr wurde er geschnitten, je aggressiver er wurde, umso abweisender wurden die anderen - für mich alles nachvollziehbar. Und bei einen in diesem Maße von Drogen abhängigen Menschen kann ich mir durchaus vorstellen, dass der eigene Swimmingpool zur Todesfalle wurde. Man braucht da nicht Verschwörungen hineinzugeheimnissen - Brian Jones ist an sich selber zugrundegegangen. Schade.

Das Buch kann ich nur bedingt empfehlen. Wer trotz aller negativen Eigenschaften in der Lage ist, Brian Jones für eine Lichtgestalt in der Musik des 20.Jahrhunderts zu halten (über den die Zeit allerdings hinweggeschritten ist), der kann es sicher mit Freude lesen. Andere - wie ich - bedauern das viel zu frühe Ende eines guten Musikers, wissen aber, dass es davon eine ganze Menge gibt und immer wieder neue nachwachsen.

Beim Durchblättern im November 2025 und der Wiederlektüre der vielen von mir angestrichenen Stellen war ich immerhin erstaunt über die Fülle an guten Beobachtungen (und gleichzeitig total überdrehter Urteile).

Karl-Heinz Trott - "Die letzte Fahrt der PAMIR"

(01.09.2025) Der Untertitel "Frei nach Schilderungen des geretteten Schiffsjungen KARL-HEINZ KRAAZ" steckt die Erwartungen ab, die man an das Buch herantragen sollte. Zunächst ist es ein Jugendbuch. Dann ist es schon 1958 erschienen: Die Pamir war gerade mal ein Jahr vorher, am 21.9.1957, gesunken, die Untersuchungen zur Ursache des Untergangs waren Anfang 1958 noch nicht beendet, mehrere andere Bücher kamen wegen des breiten Interesses der Öffentlichkeit noch 1958 heraus - das Buch musste also schnell veröffentlicht werden. Wieweit der Schiffsjunge Karl-Heinz Kraaz seine Geschichte speziell Karl-Heinz Trott erzählt hat oder sich dieser aus öffentlich zugänglichen Quellen bedient hat, muss offenbleiben.

Karl-Heinz Trott, Die letzte Fahrt der Pamir

Ich habe mir dieses dünne und alte Büchlein für immerhin 21 Euro (incl. Versand) aus Nostalgie bestellt und gelesen, habe ich es doch Mitte der sechziger Jahre aus der Schulbibliothek des Helmholtz-Gymnasiums Heidelberg ausgeliehen, und dennoch - in Anbetracht der verflossenen Zeit, fast 60 Jahre - überraschend viele Passagen noch präsent gehabt, auch noch Illustrationen des/der Illustrators/in S.Kurtner vor Augen gehabt.

Wie nicht anders zu erwarten wird alles aus der Perspektive des Schiffsjungen geschildert. Ein "allwissender" Erzähler orakelt nur ganz vereinzelt sein "ach wenn ihr wüsstet". Kopfschüttelnd muss man zur Kenntnis nehmen, wie restriktiv auf einem extrem hierarchisch organisierten Schiff mit Informationen umgegangen wurde (und wird?): Die Mannschaft erfuhr nicht explizit, dass das Schiff sich einem Hurrikan näherte, sie erschlossen das aus den Befehlen und Anordnungen. Wie groß die Gefahr war, realisierten die meisten erst, als das Schiff umschlug.

Bei einem dreitägigen Kurzurlaub in Lübeck im Juni 2025 stand ich zwei mal lange in der "Pamirkapelle" der Lübecker Jakobikirche, in der das originale Rettungsboot Nr.2 der Pamir ausgestellt ist, auf dem Günther Haselbach als einziger überlebte. Beeindruckend zwar die Größe, aber wenn das Boot für 20 Personen gedacht war, dann war wenig Platz pro Nase vorgesehen. Das meiste Material in Lübeck stammt von Günther Haselbach, und man muss anerkennen, dass dieser zwanzigjährige Leichtmatrose einen sehr konzisen Bericht über den Ablauf der Katastrophe erstellte.

Rettungsboot Nr.2 der Pamir

Rettungsboot Nr.2 der Pamir

Frank Goosen - "Radio Heimat. Geschichten von zuhause"

(10.08.2025) Dies ist das fünfte Buch, welches ich von Frank Goosen gelesen habe - ich habe mich ganz offensichtlich zu einem Fan entwickelt.

Frank Goosen, Radio Heimat

Das Buch ist schmal: Meine Ausgabe des Eichborn-Verlags von 2010 umfasst gerade einmal 165 Seiten. Unter den fünf Überschriften "Land und Leute", "Kinderstunde", "Fakten für Verbraucher", Unterhaltung am Wochenende" und "Nachrichten, Wetter, Verkehr" sind in Form von 44 kurzen Anekdoten und Geschicht(ch)en überwiegend Erinnerungen an Familienmitglieder und Wegbegleiter, Lokalitäten und Lebensituationen mit Bezug auf Frank Goosen versammelt. Alles "warm" erzählt: Man merkt, dass Goosen seine Region (das Ruhrgebiet), seine Stadt (Bochum) und die Menschen dort (Verwandte, Freunde, Kollegen, Nachbarn usw) liebt - und dennoch sehr genau beobachtet und sehr genau dem Gesagten und nicht Gesagten zuhört - aus Liebe zur Heimat, nicht aus Mißtrauen. Dieses unter dem Strich "Positive" überträgt sich auf den Leser, und mir hat es immer wieder gut getan, jeden Tag so nebenbei einige dieser im direkten Wortsinn "menschlichen" Geschichten zu lesen.

Natürlich ist im Ruhrgebiet und selbst in Bochum nicht alles Gold was glänzt, und dies mehr oder weniger anzudeuten und zu akzeptieren unterscheidet Goosen von einem naiven Heimatverehrer. Goosen schildert durchaus auch abgründiges - lässt sich und sein inzwischen umfangreiches Werk davon aber glücklicherweise nicht runterziehen.

Von den 44 Geschichten könnte ich keine Favoriten nennen, die meisten haben mir gefallen. Einige nicht, aber die verrate ich nicht...


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Erstellt von: Béla Hassforther